UND EWIG GRÜSST das Grummeltier

Der neue britische Premierminister heißt GORDON BROWN – und erinnert sehr an Charlie Brown. Denn wie die Comicfigur hat auch der Labour-Mann den Finger immer nur kurz an der Sonne. Das war vor zehn Jahren so, als Tony Blair ihm den Job fieserweise wegschnappte. Das könnte 2009 passieren, wenn David Cameron gegen ihn antritt. Harald Braun über die Chancen eines Ersatzspielers

 

Möglicherweise steht George Clooney die größte Herausforderung seiner Karriere noch ins Haus: Der designierte britische Premierminister Gordon Brown, 56, äußerte sich kürzlich in einem Interview, wer denn im Fall einer Würdigung die Hauptrolle in der Verfilmung seines Lebens spielen solle. „George Clooney!“, antwortete da der langjährige britische Finanzminister wie aus dem Luftgewehr geschossen; und es wäre jetzt interessant zu erfahren, ob Gordon Brown den rundum alerten Clooney aufgrund vermeintlicher optischer Übereinstimmungen ausgewählt hat oder ob dessen charakterliche Tugenden den Ausschlag gaben, schließlich gilt George Clooney seit Jahren als Wunder an Liebenswürdigkeit, Humor und Originalität. Vielleicht aber wollte sich Gordon Brown ja nur einen Spaß machen – auch wenn ihm Spaßmacherei so recht niemand zutraut. Für all jene, die in der britischen Politik der letzten 20 Jahre nicht so zu Hause sind: Gordon Brown ist der Sohn eines Pfarrers der reformierten Church of Scotland und zählt im eigenen Land nicht gerade zum Club der Fröhlichen. „Charmant wie eine Bulldogge“, beschrieb die Süddeutsche Zeitung den Schotten und erzählte auch noch gleich einen der bösartigen Witze weiter, die momentan in Großbritannien kursieren, seitdem bekannt ist, dass Brown der Nachfolger von „Sonnenkönig“ Tony Blair wird: Er habe die Fähigkeit, jeden Raum zum Erstrahlen zu bringen – sobald er ihn verlasse.
Das geht vermutlich sogar jenen kritischen Geistern Britanniens zu weit, die Gordon Brown nicht unbedingt für die Idealbesetzung in der Downing Street Nr. 10 halten. Doch dass er in der Vergangenheit häufig brummig aufgetreten ist, bärbeißig und übellaunig und mit dem Unterhaltungswert einer Nacktschnecke, werden auch Parteifreunde nicht abstreiten. Wäre ja dumm, wenn: Denn Gordon Brown sitzt seit 1983 im englischen Parlament und hat in dieser Zeit alles dafür getan, sein Image als Knöterich der Labour Party zu zementieren. Wieso dieser Mann jetzt trotz alledem als einzig vorstellbarer Nachfolger von Tony Blair durchgeht und in seiner Partei mit 313 von insgesamt 353 möglichen Stimmen im Mai dieses Jahres schließlich auch dazu bestimmt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte. Eine Geschichte, die mit beeindruckenden intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz und beachtlich viel Geduld; eine Geschichte, die Kitsch, Tragik und Intrigen in sich hat und die, mal aus der Hollywood-Perspektive betrachtet, Potenzial für einen Kassenschlager birgt. (Vorausgesetzt, ein Mann wie George Clooney würde darin die Hauptrolle spielen.)

Diese Geschichte könnte in Glasgow beginnen, in dem Pfarrhaus, in dem Gordon Brown als zweiter von drei Söhnen in einfachen Verhältnissen aufwächst. Er überspringt zwei Klassen an der Kirkcaldy High School, da dem hellen Kopf das Denken leichtfällt, er feiert Erfolge bei pubertierenden Mädchen, und auch beim Rugby läuft einiges für Brown. Sein Biograf Tom Bower – dessen Buch mit dem naheliegenden Titel „Gordon Brown“ erschien im Oktober 2004 – hält es sogar für möglich, dass aus Brown ein professioneller Sportler geworden wäre, wenn, ja wenn nicht im Alter von 15 Jahren ein Unfall das Leben von Gordon Brown dramatisch in andere Bahnen gelenkt hätte, und zwar bei einem Rugbyspiel, in dessen Verlauf ihn ein Ball mit voller Wucht im Gesicht traf. Keine große Sache, denkt Brown, doch als er immer schlechter und weniger sieht, geht er zu einem Arzt. Die Diagnose haut ihn um: Die Netzhäute beider Augen lösen sich ab. Allein durch eine Notoperation ist Browns Augenlicht noch zu retten. Allerdings nur zu einer Hälfte – auf dem linken Auge bleibt Brown blind. Sechs Monate muss er in völliger Dunkelheit auf dem Rücken liegen bleiben, was mit dem Wort „Tortur“ harmlos umschrieben ist: „Ich habe mich so betrogen gefühlt. Ich musste als gesunder Mensch im Bett liegen, nur weil ich nichts sehen konnte“, sagt er später über diese Zeit. Sein Biograf sieht das so: Diese sechs Monate müssen es gewesen sein, die den fröhlichen Sportler in einen Grübler verwandelten. Dem mag man nun folgen oder nicht, sechs Monate gefühlte Dunkelhaft können für jeden Menschen eine Lektion in Demut sein. Eine Lektion, die Gordon Brown in seinem späteren Leben als Dauerschatten Blairs von Nutzen gewesen sein dürfte. Erst einmal aber krempelte Brown sein Leben um: Die Energie des Rugbysportlers ließ er ungebremst in eine akademische Karriere fließen. Brown studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität in Edinburgh und promovierte mit einer Arbeit über die Anfänge der britischen Sozialdemokratie. Bevor er 1983 dann im Alter von 32 Jahren ins englische Parlament gewählt werden sollte, grüßte Brown die Kommilitonen als Vorsitzender des Universitätsgerichts, gab The Red Paper on Scotland heraus und lehrte am Glasgow College of Technology. Er arbeitete als Journalist beim schottischen Fernsehen und veröffentlichte eine Biografie über den Labour-Politiker James Maxton. Im Parlament wandelte sich Brown vom grauen Arbeiter zur neuen Hoffnung seiner Partei, wurde bereits 1985 Oppositionssprecher für Handel und Industrie. Er legte eine sogenannte Bilderbuchkarriere hin, und irgendwie schien alles darauf hinzudeuten, dass er ein Kandidat für den Job des Premierministers werden könne. Bevor er 1992 offiziell zum Schattenkanzler der Labour Party aufstieg, hatte er bereits alle staatstragenden Ressorts gemanagt: Finanzen, Handel, Industrie – Gordon Brown war der Mann fürs Große. Dann, am 12. Mai 1994, starb John Smith, der einmalige Vorsitzende der Labour Party. In einem Hollywood-Film würden an dieser Stelle ein Kontrabass grollen und Regenwolken aufziehen, das Staatsbegräbnis liefe in Zeitlupenbildern ab, schließlich ließe der Regisseur auf das Gesicht des Nachfolgers zoomen. Und dieser konnte nur, nein, der musste Gordon Brown heißen. Es folgt ein harter Schnitt in das Innere eines langweiligen italienischen Restaurants in Islington, so eines, wie sie in London an jeder Straßenecke rumstehen, und auf das, was die britische Presse den „Granita-Deal“ nennen wird.

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