Ein schmerzhaft schönes Leben

Glück und Glamour, Schönheit und Ruhm, Erfolg und Liebe – Sônia und Willy Bogner sind ein Paar wie aus dem Hochglanzprospekt. Doch all der Glanz wurde immer wieder durch Unglück und Tragödie getrübt. Das Psychogramm einer Beziehung

 

Es gibt kein Glück ohne den Schmerz. Das allzu pure Glück ist für den Menschen nicht genießbar. Es braucht den Spritzer der Tragödie, die Messerspitze Bittersalz, das Bouquet aus Wermutkraut. Ohne dies würde es falsch und klebrig wirken, und auch ein wenig banal. Der Tegernsee, zum Beispiel, wäre in seiner Schönheit kaum auszuhalten, wenn es nicht dieses ganz und gar unpassende Luxus- und Marmorhotel in der Bucht gäbe, über das sie so lange gestritten hatten in den Gemein- den – um es dann doch zu genehmigen. Prinz Charles würde sagen, es sieht aus wie ein Furunkel im Gesicht eines lieben Freundes. Es ist das einzige Gebäude rings um den See, das einzige Haus überhaupt, das hier im Tal den Blick beleidigt. Und doch ist man froh, dass es da ist. Anders nämlich wäre dieser göttliche Klecks Erde einfach zu viel des Guten.

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Sônia und Willy Bogner sind ein schönes Paar. Der Bayer und die Brasilianerin, in manchen Momenten sehen sie sich komischerweise ähnlich, so wie Bruder und Schwester sich ähnlich sehen. Oder wie ein Haus am Tegernsee dem anderen gleicht, obwohl bei dem einen objektiv betrachtet weniger Geranien über die Balustraden wuchern als beim anderen. Die Bogners schmücken jedes Zimmer, jede Skihütte, jedes Sterne-Lokal. Und gingen sie noch auf Partys, dann stünden sie auch hier im Mittelpunkt, weil jeder gleich denkt: „Aha, Feuer und Eis, wie prickelnd!“ Ihre Farben sind stets aufeinander abgestimmt, ihre Bemerkungen triftig, die Gesten dezent, aber liebevoll. Sie wirken amerikanisch manchmal und nobel, in etwa so wie Robert Redford und Kristin Scott Thomas in „Der Pferdeflüsterer“. Aber sie lachen mehr. Und wenn es sie nicht schon gäbe, dann müsste man sie für die Werbekampagne ihrer Münchner Traditions- und Lifestylefirma genau so erfinden. Die Philosophie des Markenunternehmens, das zwei Drittel aller Deutschen kennen, erhält mit Sônia und Willy Bogner einen Körper. Das Lebensgefühl der Modefirma, das von Almaty in Kasachstan bis Hobart in Tasmanien mit dem berühmten „B“ am Reißverschluss auf allen Skipisten der Welt vertreten ist, ist in Sônia und Willy Bogner Muskelfleisch geworden. Und das Schöne ist, beides – Philosophie und Lebensgefühl – wird von Ascona bis Wladiwostok nicht nur geschätzt und gekauft, sondern auch verstanden. Die Amerikaner kennen nicht einmal ein eigenes Wort für „Skihose“. Das, was man in Aspen beim Slalom untenrum trägt, heißt im Amerikanischen schlicht bogners. Und Bogner, das ist alles in allem ein gut geschwungener Abfahrtslauf, bei dem der Anorak die Silhouette nicht vermasselt. Das sind übers Jahr 100000 Varianten modischer Einzelteile, die in 30 Ländern produziert und in 40 Ländern verkauft werden. Jedes Modell im Schnitt 300-mal, berichtet der Vorstandsvorsitzende Willy Bogner. So komme der jährliche Umsatz von 130 Millionen zustande. Seit 1936 stattet die Firma die deutsche Nationalmannschaft zur Winterolympiade aus. Ohne einmal auszusetzen.

Doch so stolz das kleine „B“ seit 70 Jahren an denen herabbaumelt, die es sich leisten können, das Original der Wintersportmode zu tragen, so stolz Bogners Daunenparkas noch immer aus der Masse der Tchibo-Skianzüge herausragen und so edel die Bambus-Carver mit ihren Herrchen an den Liften auch anstehen mögen – niemand trägt die pinkfarbenen Overalls, die Sônia entwirft, mit mehr Überzeugung als Frau Bogner selbst. Und niemand wirkt in den pelzumrandeten weißen Daunenjacken, aus denen er auf seinem Homeshopping-Katalogtitel hervorstrahlt, winterfester als der Herr Bogner persönlich. Chef und „Chefita“ sind, wenn man von Größen wie Karl Lagerfeld und Riesenzwergen wie Jette Joop einmal absieht, das Königspaar der Selbstvermarktung. Sônia und Willy Bogner haben es gewissermaßen erfunden, als zwei Menschen mit strahlendem Lachen für die Nahaufnahme, die um ihre Wirkung wissen. Natürlich sind Nahaufnahme und Nähe zwei völlig unterschiedliche Zustände. Nicht, dass jemand glaubt, in Bogners Firma duzten sich alle aus Prinzip wie in einem Fitnessstudio oder in einem Verlag für Lifestyle-Zeitschriften. Mister und Misses Perfect sind ein eng gefasstes Doppelsystem, das andere kaum merklich auf Distanz hält. Man fühlt sich immer ein bisschen falsch angezogen neben den beiden, eine Spur zu dick, zu ungelenk. Ein bisschen wie der aufdringliche Gast vom Nebentisch. Sônia Bogner ist ein Größe-34-Typ, die charmant tut, als schwanke sie zwischen Konfektionsgröße 38 und 40, wenn alle anderen Frauen im Raum wuchtiger sind als sie.

Sie hat eine selbstverständliche Offenheit beim Small Talk und gute Geschichten parat: „Als wir noch in Newport lebten, in Vermont, da sind wir einmal mit dem kleinen Firmenflugzeug nach New York geflogen“, erzählt sie, „von Vermont zum JFK-Airport – es war furchtbar!“ Guck mal nach oben, ob da große Flugzeuge sind, habe ihr Mann, der Pilot, sie kühl instruiert und sei dann immer etwas unterhalb der Boeings geflogen. Sie sei fast gestorben vor Angst, behauptet sie. Er nimmt das Leben eben sportlich. Bungee-Jumping, Tauchen, Klettern, Surfen, Paragliding und immer noch Skifahren, und immer noch viel schneller als die anderen seiner Altersklasse. Er lehnt es inzwischen meist ab, bei Gaudirennen der höheren Stände mitzumachen, am Similaun oder Corvatsch, oder wo auch immer sich ambitionierte Topentscheider in Skioutfits auf Gletschern treffen. Es würde die Ehrgeizigsten unter denen zu sehr treffen, wenn sie sähen, wie wenig Mühe es ihn noch immer kostet, der Schnellste zu sein. Vor drei Jahren hat sich Willy Bogner für eine PR-Kampagne in eigener Sache von einem Ballon aufs Brandenburger Tor in Berlin abgeseilt, um es wie ein Freeclimber zu enthüllen.

Bogner will bis heute seine Grenzen austesten, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Und sie? Sie raucht. Einmal, um guten Willen zu zeigen, hat sie mit Willys Bruder gewettet, sie könne jederzeit für immer aufhören. Doch nach neun Monaten schickte sie dem Schwager ein Fax: „Ich bin nicht käuflich.“ Auch wenn Willy Bogner ihr Rauchen nicht mag, wie frech sie sich damals aus der Affäre zog, das bewundert er. So geht eine Anekdote nach der anderen beim Mittagessen zwischen zwei Geschäftsterminen über den Tisch.

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