Die Kraft der zwei Herzchen

Allein sind sie stark, gemeinsam stärken sie auch andere Frauen: Die Ex-Models MILLA JOVOVICH und CARMEN HAWK haben eine Sommerkollektion entworfen, die Augen zum Lauschen bringt. Und hier kommt der Film zu ihrem Leben

Gerade lief in den Kinos die x-te Verfilmung des Erich-Kästner-Romans „Das doppelte Lottchen“; und wie bei Lotte und Luise geht es auch bei Milla und Carmen um Mut und Ehrlichkeit, um Selbstfindung, ums würfelnde Schicksal, um, ja, auch das: Katharsis zur Reife. Zufall? Nach heutigem Erkenntnisstand gibt es Zufälle nur in der Quantenphysik. Zweitens: Wie jeder Film brauchen auch Kleider einen guten Schnitt – und genau den übernehmen Milla Jovovich und Carmen Hawk bei ihrem Mode- Label Jovovich-Hawk. Wer jetzt immer noch an einen Zufall glaubt, ist Quantenphysiker oder kennt – drittens – das Leben der beiden Frauen nicht, welches sich liest wie ein Roman, den mal jemand verfilmen sollte. Interessiert an diesem Stoff, den in Hollywood „die tollsten Frauen tragen“? Fein. Dann kommt hier die Drehbuchrohfassung zum Jovovich-Hawk-Film, Arbeitstitel: „Und Cut!“ Muss das denn sein?
Ist es wirklich nötig, auf Milla Jovovichs Karriere als Schauspielerin und Model hinzuweisen? Muss wirklich noch gesagt werden, dass sie mitgespielt hat in „Das fünfte Element“, in „The Million Dollar Hotel“, in Spike Lees „Spiel des Lebens“, in „Chaplin“, „Zoolander“, „Johanna von Orleans“? Ja? Auch, dass Milla das Gesicht war von Calvin Klein, L’Oréal, GAP? Menschen, die das nicht wissen, sind doch seltener als weiße Gespenster. Aber in Ordnung, jetzt wissen’s auch die. Milla, der Weihnachstengel
Milla Jovovich kommt am 17. Dezember 1975 in Kiew auf die Welt, der Vater ist Arzt, die Mutter Schauspielerin. Fünf Jahre nach der leichten Geburt ziehen die Jovovichs nach Kalifornien, wo die Eltern Hausmeister werden, bei – und jetzt kommt der erste Höhepunkt des Films: Brian De Palma. Ist es ein Zufall, dass dieser Mann den Psychosexkrimi „Dressed to Kill“ gedreht hat? Würde Brian De Palma die Regie übernehmen von „Und Cut!“, schlösse sich der Kreis auf wundersame Weise. Und wenn nicht, auch gut. Das Leben von Milla und Carmen läuft auch so rund. Verrückt nach Carmen
Sie kann sagen, was nur wenige Mädchen sagen können, nämlich: „Mein Papa ist Indianer.“ Da kann man sich leicht denken, dass ein Kind im US-Bundesstaat Missouri, dessen Vater vielleicht nur ein gewöhnlicher Quantenphysiker war, ganz schön platt aus der Wäsche guckte. Doch der Neid ist seit vielen Monden vorübergezogen wie eine Regenwolke. Und was sagt das 34-jährige Ex-Model Carmen Hawk heute? „Ich bin eine Dilettantin auf Entzug.“ Andere schätzen sie anders ein. So titelte das Magazin Seventeen bereits 1988 „Crazy About Carmen“. Verrückt nach Carmen waren auch der Fünf-Sterne-Fotograf Craig McDean (mit dem sie eine Tochter hat) und die italienische Vogue, für die Carmen sich auf 22 Seiten selbst inszenieren durfte. Und wer einmal Carmen Hawks Band Friends of Dorothy gehört hat, ahnt: Ein Indianer singt nicht mit gespaltener Zunge.

  Kleine Milla
Als Milla elf Jahre alt ist, fotografiert sie der sagenhafte Richard Avedon für die inzwischen eingestellte Zeitschrift Mademoiselle. Als die Redaktion erfährt, wie jung Milla ist, weigert sie sich, die Fotos zu drucken. Okay, sagt Richard Avedon, dann arbeite ich nie wieder für Condé Nast (also den Verlag der Mademoiselle). Milla erschien. Kleine Carmen
Der Karrierestart von Carmen war nicht so spektakulär wie der von Milla, und sie ist auch etwas älter, als sie von einem Agenten entdeckt wird: 15. Das erste Mal
1993 macht die beiden Mädels der begnadete Charmeur Chris Brenner miteinander bekannt. Doch es dauert noch drei Jahre, bis es richtig funkt zwischen den Frauen: 1996 tritt Milla mit ihrer Band Plastic Has Memory in Seattle auf, einer Stadt im US-Bundesstaat Washington, die – und jetzt bitte festhalten! – nach dem Indianerhäuptling Chief Seattle benannt ist. Indianer? Carmen? Klingelt’s? Tatsächlich arbeitet Carmen zu dieser Zeit in Seattle in einem Secondhandshop und trägt außer Nachthemden nichts und nichts außer Nachthemden. Und so steht sie auch bei Millas Auftritt im Publikum. Und? „Ich hatte plötzlich die Vision von etwas Kommendem“, sagt Carmen. Nach der Show kommen sie sich näher – und die Furcht kriecht in beider Herz. Warum? „Wir hatten ein bisschen Angst, ins kalte Wasser zu springen“, sagt Carmen in Stubenfliegenlautstärke, „denn wir sind keine Frauen, die zusammen zum Lunch gehen und zum Shoppen.“ Etwas Großes, Wahres, Schönes verbindet sie, das war beiden klar. Und wie war Millas erster Eindruck von dieser Tochter eines Indianers, die 1996 nur Nachthemden trug und sonst nichts? „Als ich Carmen sah, kam ich mir plötzlich wie Kolumbus vor, der Amerika entdeckt.“ Millas Ende und Anfang
Milla hat, um es in der Sprache unserer Zeit zu sagen, die Schnauze voll von der Model- und Schauspielerei. Da klingelt das Telefon. Giorgio Armani ist dran. Und weil er weiß, dass Milla nicht mehr so gern als Kleiderständer rumlaufen mag, macht er ihr den Vorschlag, sie könne bei ihm nicht nur als Kleiderständer arbeiten, sondern auch als Gastdesignerin. Oh Glückes Geschick! Oh Macht des Schicksals! Aber auch: Oh Mist! Denn Milla fällt ein, dass alles, was sie hat, nur ein paar Zeichnungen sind. Also ist sie, um mal zwei Phrasen hübsch zu verknüpfen, völlig aus dem Häuschen, bleibt allerdings auf dem Teppich. Und ruft Carmen an: „Ich weiß nicht, wie weit ich mit meinen Zeichnungen komme“, sagt sie, „aber: Warum arbeiten wir nicht zusammen für Armani?“