Fight Club
Nirgendwo wird der Kampf um gesellschaftliches Ranking erbitterter gefochten als im klassenlosen Amerika. Und nirgendwo ist dieses Ringen amüsanter als unter den New Yorker Socialites, die jede Nacht den Dreikampf im Ausgehen, Aussehen, Ausstechen bestreiten. Derzeitige Titelverteidigerin ist Tinsley Mortimer – ein Mädchen aus Virginia, das es durch den richtigen Gatten und die richtigen Verbindungen ganz nach oben geschafft hat
Die Ungaro-Boutique auf der Madison Avenue ist eine vergleichsweise kleine Bühne, wenig Platz für ein Dutzend schöner Frauen und fast ebenso viele drängelnde Fotografen. Außerdem ist es ziemlich laut, aber egal, für lange Unterhaltungen ist dies eh nicht der Ort. Stattdessen: Oh my God, oh my God und oh my Goooooaaaaaaad. You look amaaaaiiiizing. Eingeladen hat New Yorkers for Children, eine der wichtigsten Charity-Organisationen der Stadt. Für Tinsley Mortimer ist es der erste Auftritt nach ihrer Rückkehr, sie war zehn Tage in St. Moritz und Mexiko, zehn lange Tage gab es kein neues Foto von ihr. Sie trägt ein Kleid aus rosa Federn. Glanzpuder schimmert auf der Haut, ihre Haare hat sie in die perfekten Ringellocken verwandelt, die ihr Markenzeichen geworden sind. Alles an ihr ruft: niedlich. Das kleine Näschen, das kleine Täschchen, die kleinen Füßchen und die kleinen Händchen mit dem pinkfarbenen Nagellack und den gar nicht kleinen Diamanten. Auch Tinsley ruft amaaaaiiiizing – gefragt, wie es in Mexiko war. Wenige Tage später bei Bergdorf Goodman, Launch einer Sportkollektion. Die gleichen Fotografen, die gleichen Mädchen. Sie laufen um einen Strauß Lilien und weißer Rosen herum, immer im Kreis, auf einem unsichtbaren Laufsteg. Es gibt Champagner und grünen Spargel. Lipgloss glitzert im grellen Licht. Und wieder: You look amaaaaiiiiizing. Luftkuss! Tinsley Mortimer, 30, trägt ein lila Kleid mit goldenem Muster, um die Taille einen breiten Lackgürtel. Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, wer sich nähert – mit Gillian Hearst-Shaw (A-List wie sie) lässt sie sich fotografieren, als Olivia Palermo auf sie zusteuert, dreht sie sich weg und bearbeitet ihren Blackberry. Bisher konnte sie ein gemeinsames Foto noch immer vermeiden. Palermo ist eine junge Studentin, die vor einem Jahr auftauchte und schnell als the next hot thing gehandelt wurde. Sie trägt ihr Haar auffallend ähnlich wie Tinsley. Wenige Wochen nach dieser Nicht-Begegnung wird das Verhältnis der beiden halbe Zeitungsseiten füllen, doch dazu später.
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Mortimer verteilt noch ein paar Küsse, posiert für noch ein paar Aufnahmen, morgen Abend geht es bei Versace weiter. Es ist eine Art Dauer-Kostümball, der sich auch im Internet fortsetzt: Nachts stellen die Fotografen die frische Ausbeute auf ihre Websites, und die Hauptdarstellerinnen sitzen vor ihren Bildschirmen und schauen, wie oft sie aufgenommen wurden und wie gut sie diesmal ausgesehen haben. So sieht der neue Alltag einer Spezies aus, die ihre Auftritte einst sorgsam dosierte: der Socialites. Personen, meistens weiblich, deren Leben darin besteht, social zu sein, also in Gesellschaft. Die bei den richtigen Leuten zu Gast sind, auf den richtigen Partys, Premieren, Vernissagen, Modenschauen. Die dabei fabelhaft aussehen und bei denen niemand mehr fragt, weshalb sie eigentlich da sind. Hauptsache, sie zieren das Foyer. Truman Capote taufte diese Wesen „Schwäne“, etliche Exemplare finden sich in London und Paris, aber so konsequent wie in New York gibt es sie nirgendwo. Man unterscheidet zahllose Untergattungen, sortiert nach Alter, Kontostand, Uptown, Downtown, East Side, West Side. Eigentlich waren Socialites nach den bunten 80er-Jahren etwas aus dem Blickfeld geraten. Die Öffentlichkeit starrte nach Hollywood, nicht auf die Upper East Side. Das änderte sich mit Paris Hilton, deren Medienkarriere, man hat es schon fast vergessen, in Manhattan begann. Sie hat das Spiel mit den Fotografen entwickelt, das nun alle fortführen – wenn auch sittsam angezogen. Es ist eine Parallelwelt, in die man hineingeboren wird, der man mit Glück aber auch anders beitreten kann. Für Tinsley Mortimer, ein Mädchen aus Virginia, war die Eintrittskarte der richtige Mann: ein Ölerbe aus einer der ältesten New Yorker Familien, Topper Mortimer. Sie lernte ihn im Internat kennen, folgte ihm nach Manhattan und studierte Kunstgeschichte. Dann, vielleicht zufällig, vielleicht planvoll, begegnete sie in kürzestmöglicher Zeit allen Schlüsselfiguren, die man als erfolgreiche Socialite braucht: Sie arbeitete ein paar Monate bei der Vogue, traf Autoren, Fotografen, Stylisten und natürlich Anna Wintour, die nach Tinsleys Ausscheiden ihr Foto druckte; dann wechselte sie zu einer der größten New Yorker PR-Firmen, lernte Strippenzieher und Veranstalter kennen, verfeinerte ihre Kenntnisse über Gästelisten.
Nach der Hochzeit gab sie den Brotjob auf, ihre gesammelten Kontakte nutzte sie klug. Bald saß sie in allen wichtigen Charity-Gremien der Stadt, fehlte bei keinem großen Dinner, auf keiner der Top-Galas. Die Fotografen liebten sie – weil sie noch blonder ist als die meisten, ihre Zähne noch weißer, weil sie das Spiel mit der Kamera beherrscht und genießt. Weil sie ihr Barbie-Auftreten zunehmend kultivierte, die perfekte menschliche Puppe, immer strahlend. Designer, die ihr Kleider leihen wollten, standen Schlange. Bald war sie nicht nur Model: Wie Nicky Hilton vor ihr wurde sie vom japanischen Handtaschenlabel Samantha Thavasa ausgesucht, ihre eigene Kollektion zu entwerfen. Im November, als die US-Dependance auf der Madison Avenue eröffnet wurde, kam außer den Kollegen Socialites auch Penélope Cruz. Und ein Dutzend Mädchen, die sich für einen PR-Gag als Tinsley-Klone verkleidet hatten. Und erstmals war in der Zeitung die Rede von Tinsley Mortimer als der „neuen Society-Queen“ Manhattans, versehen mit der unschönen Unterzeile „Berühmt für nichts, bereit für alles“. Weil es in der New Yorker Presse immer wieder Seitenhiebe auf ihre Herkunft gab (gern wurde erwähnt, ihr Vater habe einst eine Teppich-Reinigungsfirma betrieben), rief der Vater persönlich bei einem Journalisten an. Tinsley stamme von Thomas Jefferson ab, sei „im größten Haus Zentralvirginias“ aufgewachsen, mit Kindermädchen, Gärtner und Butler. Mehr Geld als die Mortimers habe seine Familie allemal, ereiferte er sich weiter. Und sie sei verwandt mit dem britischen Königshaus.
