Block 3 Zelle 18
Im Hochsicherheitsgefängnis von Sydney sitzt seit einem Jahr ein gewisser JAKE BARTON, 34, in Untersuchungshaft. Ihm droht wegen Drogenhandels im großen Stil ein Leben hinter Gittern - und nun wird die Sache spannend: Jake Barton ist der Urenkel des legendären britischen Premierministers WINSTON CHURCHILL. Auf den Spuren eines verpfuschten Lebens
Die Marvel Street in Byron Bay ist zweigeteilt, auf der einen Seite, vor dem Fußballfeld, brummen Bars bis tief in die Nacht, dahinter, auf dem Weg zum Strand, ist sie ruhig und verschlafen. In den Bäumen krächzen Papageien, und wenn man gut aufpasst, hört man das Meer. Die Nummer 36, ein weißes Holzhaus, ebenerdig und schlicht, hatte eine ganze Weile leer gestanden. Die Nachbarn freuten sich, als plötzlich Licht dort brannte, eines Abends im späten Frühjahr 2006. Nur kamen die neuen Leute nie, sich vorzustellen. Das tut man hier eigentlich, und dann grillt man zusammen und trinkt ein paar Bier. Sie antworteten auch nicht, wenn man sie grüßte. Die Frau war klein, schmal und blond, sie ging jeden Morgen joggen. Und es sah aus, als sei sie schwanger. Ein Kind hatte sie schon, es war etwa drei Jahre alt, ein Mädchen. Mit dem haben die Nachbarn immer bloß sie gesehen, nie ihn. Er war nur im Garten, wenn er telefonierte. Auf und ab lief er dann, sprach laut und ernst. Ein durchtrainierter Typ mit breitem Kreuz; einmal hat er jemanden vom Haus gegenüber angeschrien, weil der ihm die Einfahrt versperrt hat. Aber sonst, kein Wort zu irgendwem, niemand kannte ihre Namen. Besuch hatten sie nie. Morgens verließen sie früh das Haus, abends kamen sie spät heim, ihn sah man oft tagelang gar nicht. Sie hatten zwei Autos und wirkten auch sonst so, als hätten sie Geld, gepflegte Erfolgsmenschen, teuer angezogen. Was und wo sie arbeiteten, wusste keiner. Die Nachbarn nahmen es zur Kenntnis, in Byron Bay wird nicht viel gefragt, jeder soll tun und lassen, was er will. Viele Europäer kommen, ihr Erbe zu verprassen, hier am östlichsten Punkt Australiens von vorn anzufangen, der Zivilisation zu entkommen, 800 Kilometer und eine Ewigkeit von Sydney entfernt. Es gibt die tollsten Wellen, gurgelnde und tosende Spiralen, den weißesten Sand, man kann Delfine sehen und mit etwas Glück auch Wale, nachts strahlt ein Leuchtturm über die Klippen. Der Mann, der seinen Namen nie verriet, heißt Jake Barton, er ist heute 34 Jahre alt. Er ist der Urenkel Winston Churchills. Seit einem Jahr sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis außerhalb Sydneys, ihm droht lebenslange Haft.
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An seinem letzten Tag in Byron Bay, einem Sonntag im Juni, ruft er mittags bei seinem Freund Rees in Sydney an. Er frühstücke grade, werde sich dann später ein Flugticket besorgen. Kurz drauf ruft er noch einmal an, er lande um 21 Uhr. „Heute schon?“ – „Ja, dann kann ich morgen früh gleich loslegen.“ – „Alright, buddy, ich hol dich am Flughafen ab.“ Jake Barton hat keine Ahnung, dass ihn auch ein Sonderkommando der Drogenfahndung in Sydney erwartet. Heimlich, so wie sie ihn schon seit drei Monaten verfolgen. Ihn und den neun Jahre älteren Rees Woodgate, seit jemand sie verpfiffen hat. Ein paar Dutzend Polizisten gehören der „Operation Lanyard“ an, sie haben Videos aufgenommen und Autokennzeichen notiert, sie wissen, dass Barton 1,85 Meter groß ist und der Neuseeländer Woodgate fünf Zentimeter kleiner, dass der sich oft nicht rasiert. Zwei dicke Ordner haben sie vollgeschrieben. Sie haben Telefongespräche mit Leuten abgehört, die auf Namen wie Fatty oder Danger oder Cash oder Trouble hören und die neue Interessenten ankündigen mit dem Zusatz: „Keine Sorge, mein Cousin kennt den seit Jahren.“ Sie haben kodierte Bestellungen mitgeschnitten: „Besorgst du uns bitte noch zwei Tickets für die Party?“ Das Wort Ecstasy fällt nie, das wäre ein Anfängerfehler. Einmal, als jemand über Geld reden will, sagt Woodgate: „Nicht am Telefon.“ Auch in den Tagen nach Bartons Ankunft in Sydney sammeln die Beamten Material. Sie notieren, wenn er einen neuen Wagen mietet, wann er wo mit wem im Pub sitzt, sogar, wann er seinen Kumpel Woodgate am Telefon bittet, ihm seine Lederjacke mitzubringen oder eine Packung Chips. Am Samstag, den 17. Juni 2006, fotografieren sie Barton, wie er in der Früh einen Baumarkt verlässt, er trägt eine gefüllte blaue Leinentasche. Sie folgen ihm nach South Coogee, einem Vorort von Sydney, in die Malabar Road 129, schräg gegenüber einem Friedhof. Sie wissen, dass Barton den Bungalow vor zehn Tagen gemietet hat, für vier Monate, bis Oktober. Sie wissen auch, dass er hier nicht wohnt. Sondern dass er mit Woodgate ein Labor einrichtet. Dass sie dabei sind, die Wände zu isolieren – gegen den Radau, den die Pillenpressen machen. Barton holt eine Matratze aus dem Wagen und trägt sie ins Haus. Dann bringt er das Auto zur Verleihstation in Bondi Junction zurück. In einem andern Mietwagen, einem weißen Toyota, kehren Barton und Woodgate bald drauf nach South Coogee zurück. Sie parken in einer Seitenstraße gleich um die Ecke, der Wagen der Zivilstreife direkt dahinter. Barton trägt zwei Styroporboxen vom Auto ins Haus.
