“Ihr könnt alle nicht regieren”

Selbst sein Schweigen ist druckreif, wenn er das große Ganze analysiert. Und wie er raucht! Und einem dabei das Gefühl gibt, dass ein Zug an seiner Mentholzigarette mehr für die Menschen tut als die Deutsche Bahn. HELMUT SCHMIDT, Altkanzler ohne Skandale, G7-Erfinder und most elder statesman of the world , ließ sich von PARK AVENUE-Redakteurin Sonja Banze bei der Pflichterfüllung stören

Wenn es gut läuft, holt er irgendwann eine Flasche Baileys aus dem Schrank. Wenn es gut läuft, sitzt man stundenlang mit ihm zusammen, und er raucht und erzählt. Aber heute läuft es nicht gut. Der Fahrstuhl öffnet sich im sechsten Stock der Zeit-Redaktion in Hamburg, man geht vorbei an schmalen Büros bis zum Ende des Flurs, an der Wand kleben mit Tesafilm drei Fotos: Helmut Schmidt hinter seinem Schreibtisch; Helmut Schmidt als junger Mann; der Verleger Gerd Bucerius. Rechts öffnet sich ein Gang, ein Mann sitzt da auf einem Stuhl und liest Zeitung, der Sicherheitsbeamte. Im Sekretariat ein braunes Ledersofa, die Kissen platt gedrückt von den vielen Besuchern. Vielleicht auch von den vielen Jahren. Und dann hört man die Stimme: ein bisschen knurrig und durchdringend mit diesem Hamburger Akzent, langsam, mit der Müdigkeit von einem, der schon lange dabei ist. Er ist am Telefon. Es geht um Wasserstraßen in der Ostsee und den Schiffsverkehr, und Helmut Schmidt redet, wie er über alles redet: als hätte er sich nie mit etwas anderem beschäftigt. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, erhebt sich schwer und streckt einem die Hand hin. Er lächelt nicht. Er wirkt älter, als man ihn von den Fotos kennt, angegriffener, das Gesicht weicher und runder. Und der Schreibtisch ist kleiner, als man das von einem erwartet, der dauernd schreibt, Bücher, Vorträge, Analysen. Und der mal Bundeskanzler war. Schmidt macht seinen üblichen Scherz: Er verstehe nur noch jedes zweite Wort, den Rest müsse er kombinieren, und „der Computer da oben“, er tippt sich an die Stirn, „sei nicht von Siemens, sondern vom lieben Gott“. Ein Hörsturz, „totale Ertaubung“ treffe es besser, sagt er. Bevor man das „Scheißbandgerät“ anstellen darf, will Schmidt erst mal über Hedgefonds reden; Raubtierkapitalismus, morallose Manager, die nur an ihr Fortkommen denken – er müsse darüber einen Aufsatz schreiben. Es werden dann drei Seiten im Wirtschaftsteil: „Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten!“

Helmut Schmidt ist 88. Er war 31 Jahre im Bundestag, er war Hamburger Innensenator, SPD-Fraktionschef, Finanzminister, acht Jahre Kanzler und zuletzt Außenminister gleich mit, er hat den G7-Gipfel erfunden, die Sturmflut und die RAF bekämpft. Und in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, ging er zur Zeit und fing an, seine zig Bücher zu schreiben. Fast jeden Morgen kommt er diesen Flur runter in sein Büro, meist so um elf; er ist ein Nachtmensch. Sitzt, wenn er ein Buch schreibt, auch bis morgens um drei am Schreibtisch, ringt noch immer um die Sache. Im Juni fliegt er wieder für zwei Wochen in die USA, sich selbst ein Bild machen. „Das war’s jetzt, ich kann mir das nicht mehr erlauben“, wird er wohl auch nach dieser Reise wieder sagen. Man darf sich nicht täuschen: Man trifft nicht auf einen wohlwollenden, netten alten Herrn, er macht es einem nicht leicht, ihn zu mögen; noch immer kann er grantig sein mit seinem intellektuellen Anspruch, vor dem wenige bestehen. Aber er ist auch noch immer staatsmännisch. Helmut Schmidt, der Einzige, der es geschafft hat, in Würden Altkanzler zu sein. Er hatte nie einen Skandal. In den Umfragen nach dem beliebtesten deutschen Politiker liegt er nach wie vor unerreichbar vorn. An diesem Nachmittag gibt er wie immer den alten Staatsmann vor Bücherwand, aber irgendwie will er heute nicht so recht. Er wirkt matt, in Gedanken woanders. Er ist mit einem Kapitel für sein neues Buch nicht zufrieden, das ärgert ihn, aber das wird man erst später erfahren. Er wird nach dem Gespräch schnell nach Hause gehen, ohne noch viel mit seinen Mitarbeitern zu reden. Vielleicht hätte er absagen sollen, aber abgemacht ist abgemacht. Das Wort Pflicht wird auch heute oft fallen. Und Verantwortung. Und Mut. „Nee.“ Mut könne er bei Angela Merkel nicht erkennen. Aber: „Nee. Ich habe mir auch nichts versprochen. Sie etwa? Das kann man nur Ihrer Jugend zuschreiben. Das ist Blödsinn.“ Die Regierung vertue ihre Zeit mit drittrangigen Fragen, erkenne nicht ihre „Pflicht“, sich mit der „erstrangigen“ Frage, der Arbeitslosigkeit, zu befassen. Der bisherige „Beitrag zur Zukunftssicherung“ – zu gering, doch das sei bei den beiden Vorgängerregierungen nicht anders. Überhaupt: Die politische Klasse heute taugt nichts. „Alle im Wohlstand groß geworden“, „alle verführt durch das relativ leichte Leben, das die einzelnen Personen seit ihrer Pubertät hinter sich gebracht haben“, „alle keine Scheiße hinter sich, keinen Krieg, keine russische Gefangenschaft, keinen Gulag, kein Auschwitz“. Er sagt das ruhig, so sachlich, wie er eben noch über die Wasserwege geredet hat. „Immerhin“, sagt er, „ist es besser, eine Regierung zu haben, die durchschnittlich vor sich hin arbeitet, als eine mit großen Träumen, die dann scheitern. Ich misstraue jedem Idealismus in der Politik.“