Die tödliche KHADR-Schmiede

Familie Khadr gehört zu Kanadas Mittelklasse, ihr muslimisches Herz Osama bin Laden. Als der Vater sich, Frau und sechs Kinder al-Quaida opfern will, sind alle bereit für Allah zu töten und zu sterben. Nur der zweitältste Sohn nicht: Abdul Ramahn arbeitet für die CIA

 

Sie hat es nicht getan. Obwohl es ihr sehnlichster Wunsch war: „Diesem Tier den Kopf zu nehmen. Mit meinen eigenen Händen. Ihm die Kehle durchschneiden. Meine Finger in sein Blut tauchen.“ So hat das Zaynab vor vier Jahren in Islamabad in die Kamera gesagt, und Maha, ihre Mutter, saß neben ihr, nickte mit dem Kopf. Maha wusste damals nur eines über ihren Sohn Abdul Rahman zu sagen: „Er hat den Tod, und nur den Tod, verdient. Er muss sterben“, und es kroch zunächst ein Frösteln und dann die Angst in einem hoch ob dieser beiden Frauen und deren Augen, die das Einzige waren, was von ihren Leibern noch zu sehen war. Kalt und leer. Und wie beide mit sanften Stimmen davon erzählten, warum der Bruder, der Sohn getötet werden muss, da beschritten Tochter und Mutter die Reise eines schlimmen Tages zurück in die Nacht. Festgefroren im Hass wider „dieses Tier“, einbetoniert in Liebe zu ihrem Gott, der einem bei diesen Worten nur noch Dämon war. Warum haben sie „dieses Tier“ Abdul Rahman nicht getötet, wie sie es Allah geschworen haben? Fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem Treffen in Islamabad hören sie in Toronto die Frage – und verstummen. Zum ersten Mal nach fünf Stunden. Schweigend lauschen Maha und ihre Tochter Zaynab der Frage nach. Die kommt noch einmal, und sie spüren die Provokation. Stundenlang haben sie zuvor in der Lobby des Toronto Marriott erzählt, geschimpft, angeklagt, sich gerechtfertigt. Haben über ihr Leben in Pakistan geredet, in Afghanistan, im innersten Kreis von Osama bin Laden, über das Töten in dessen Auftrag und im Namen Allahs. Über das Sterben für Allah, über dessen Gebot zur Vernichtung der anderen, der Ungläubigen, der Juden, die nichts als „Abkömmlinge von Affen und Schweine sind“. Und dann haben sie über den Verrat gesprochen. Den hat Abdul Rahman Khadr, der Bruder, der Sohn begangen. Der hat sie alle verraten: Vater, Mutter, die beiden Schwestern, die drei Brüder. Die mussten mit Blut dafür bezahlen. So jedenfalls sehen das Abdul Rahmans Mutter und seine Schwester. Auch heute noch. Aber viel schlimmer als der Verrat des Abdul Rahman Khadr an seiner Familie ist sein Verrat an Allah. Das haben sie an diesem Sonntag in der Hotellobby noch einmal bekräftigt, aber: Sie sind nicht mehr – wie noch vier Jahre zuvor – den Weg der Worte bis zu seinem blutigen Ende gegangen, haben sich nicht mehr in Fantasien des Tötenmüssens von Abdul Rahman Khadr verloren. Sondern nur noch in sich selbst verloren gewirkt.

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Dies ist die Geschichte einer islamischen Familie, die sich in ihrem Glauben verirrt hat. Es ist die Geschichte des kanadischen Staatsbürgers und Computeringenieurs Ahmed Said Khadr, seiner Frau Maha Elsamnah, ihrer vier Söhne und zwei Töchter, die die Liebe zu ihrem Gott aus ihrer gutbürgerlichen Welt in Kanada herausgeschossen hat ins Töten und Sterben zum höheren Ruhme Allahs. Es ist die Geschichte einer kanadischen Al-Qaida-Familie, die der Vater, der in Ägypten geborene Ahmed Said Khadr, aus der Behaglichkeit einer westlichen Mittelstandsexistenz in den Abgrund eines mehr als 20 Jahre währenden Glaubenskrieges für Allah getrieben hat. Es ist eine Geschichte, die nur einen Sinn hat: sich und die Welt zu reinigen, durch Töten und Sterben für Allah. So erklärt das heute der Sohn, der Verräter, der 24 Jahre alte Abdul Rahman am Tresen einer Bar in Toronto, während er eine Zigarette nach der anderen wegsaugt. In der rechten Hand ein Glas Wodka. „Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Ich wollte immer nur leben. Nicht sterben. Für nichts und für niemanden.“ Sein Vater Ahmed Said Khadr ist 32, Student und gläubiger Muslim, als er 1977 aus Ägypten nach Kanada einwandert. „Er war definitiv kein Fanatiker“, sagt heute ein Ermittler des kanadischen Geheimdienstes CSIS, der seit Jahren versucht, die Rolle des Khadr-Clans innerhalb der islamistischen Terrornetzwerke aufzudecken. „Khadr war einfach nur ein Muslim, für den Kanada das gelobte Land war.“ Er beendet die Ausbildung zum Computeringenieur, büffelt sich durch Fortbildungskurse, steigt auf, heiratet Maha Elsamnah, eine Palästinenserin mit kanadischer Staatsbürgerschaft. Eine Bilderbuch-Integration. Und nichts deutet darauf hin, dass aus dem strebsamen Immigranten einer der engsten Freunde und wichtigsten Berater von Osama bin Laden werden wird. Ahmed Said Khadrs heile Welt wird am Abend des 25. Dezember 1979 zerstört, als die Rote Armee der UdSSR in Afghanistan einmarschiert. „Mein Vater erfuhr in der Moschee davon“, sagt Abdul Rahman. „Die Okkupation eines islamischen Landes durch gottlose Kommunisten!“ Vater Khadr sieht über Monate die Bilder vom Sterben der Afghanen, sieht Flüchtlingsheere in pakistanischen Lagern. Fassungslos erkennt er, dass ausgerechnet die Organisation Islamischer Staaten den Krieg gegen die afghanischen Völker nicht verurteilen will. „Das war der schlimmste Verrat für ihn“, sagt heute seine Frau Maha, „er litt, als wäre er selbst bei seinen Brüdern und Schwestern in Afghanistan. Und mir ging es ebenso.“Als in den Moscheen Kanadas die Imame endlich den Dschihad gegen die Sowjetunion verkünden, kommt Ahmed Said Khadr nach Hause, um nach Afghanistan zu gehen. „Als ich das hörte, war ich der glücklichste Mensch“, sagt seine Frau Maha noch heute.

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