Ohne Preis kein Fleiss

Heidi Fleiss war mal die godmother der Edelprostitution - mit einem legendären Notizbuch. Heute lebt sie als Waschsalonbesitzerin in der Wüste von Nevada und träumt von einem Bordell für Frauen

 

Es ist fast wie in alten Zeiten. CNN ist hier, MSNBC, FOX. Alle Kameras sind auf Heidi Fleiss gerichtet, die in High Heels und engem Kleid im staubigen Wüstensand steht und ein Interview nach dem anderen gibt. Das Thema ist der New Yorker Ex-Gouverneur Eliot Spitzer, der als Moralapostel so lange flammend für Recht und Ordnung kämpfte, bis er selbst als Dauerkunde ei nes Prostitutionsrings aufflog und zurücktreten musste. Heidi Fleiss ist als Fach frau gefragt, und sie ist in ihrem Element. „Es gibt so viele Formen der Prostitution“, schnaubt sie. „Politiker sind die größten Nutten der Welt. Für die richtige Summe ändern die sofort ihre Weltanschauung.“ Sie spekuliert über die Dienstleistungen, die der Gouverneur verlangt haben soll („garantiert anal, ohne Gummi“) und die zu seinem Untergang führten. „Er ist selbst schuld. Ich hatte viel berühm tere Kunden, die nie mals aufgeflogen sind. Wenn man genug zahlt und die Mädchen mit Respekt behandelt, hat man keine Probleme.“ Und Spitzer? „Ein arroganter Idiot. Er glaubte, er stünde über dem Gesetz. Willkommen in der Realität.“

Ihre eigene Realität sieht derzeit allerdings auch nicht gerade golden aus. Vor zwei Jahren ist sie mit hochfliegenden Plänen nach Pahrump gezogen, ein staubiges Kaff in der Ödnis von Nevada. Das erste Bordell für Frauen wollte sie eröffnen – legal, denn hier in Nye County ist Prostitution erlaubt. Heidi’s Stud Farm, Heidis Hengstfarm, sollte es heißen und das Rundumverwöhnprogramm bieten: Facials, Maniküre, Pediküre, Sex. 20 Callboys sollten rund um die Uhr bereit stehen, für schlappe 250 Dollar. „Es wird ein exklusives Resort“, hatte sie angekündigt, „so was wie das Beverly Hills Hotel, mit diskreten Bungalows.“ Wenn man sie jetzt fragt, was daraus geworden ist, winkt sie ab. Irgendwelche lästigen Probleme mit der Bordell-Lizenz, das wird schon, sagt sie, das sei nur noch eine Frage der Zeit. In der Zwischenzeit lebt sie von den Einnahmen eines Münzwaschsalons namens Dirty Laundry mit 60 Maschinen, den sie vor Kurzem eröffnet hat. „Es ist ein absolut rezessionssicheres Business: Jeder hat schmutzige Wäsche.“ Sie lacht kurz und trocken auf. „Überhaupt war das meine beste Geschäftsidee aller Zeiten. Waschmaschinen geben jedenfalls keine Widerworte.“

Die Fernsehteams sind abgezogen, und Heidi trägt wieder Zivil, schmutzige Sweatpants und ein zerrissenes T-Shirt. In ihrem Schrank findet sich kaum noch ein Kleidungsstück, das nicht in Fetzen hängt, seit sie ihr Heim mit 28 Papageien teilt, von denen immer mindestens einer auf ihrer Schulter hockt und an ihrem Kragen knabbert. Das winzige Haus ist eine einzige Voliere, voller Kletterseile und Fressnäpfe, ohrenbetäubendes Gekrächze macht jedes Gespräch unmöglich. Heidi Fleiss ist ohnehin kaum noch ansprechbar. „Ruby! Ruby booby!“, singt sie, „Gina! Du Filmstar, du! Gina G, meine Freundin!“ Erst jetzt sieht man, wie krankhaft dünn sie ist, wie zerstört ihr Gesicht ist: eingefallene Wangen, trübe Augen, aufgespritzte Lippen, die lächerliche Michael-Jackson-Nase – ein Trailerpark-Gesicht, gezeichnet von Leben, Drogen und plastischer Idiotie.

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Als die Kameras das letzte Mal auf sie gerichtet waren, sah sie noch ganz anders aus. In Designerkleidung und mit dem süffisanten Lächeln von einer, die viel, sehr viel zu erzählen hätte, saß sie vor elf Jahren in Los Angeles auf der Anklagebank. Steuerhinterziehung, lautete die Anklage, aber eigentlich ging es im Prozess um etwas ganz anderes: ihren Callgirlring, ihre Kundschaft, ihre Mädchen, die sie an Politiker, Unternehmer, Hollywood- Produzenten, Schauspieler, Scheichs und Banker vermittelte. „Wenn Newsweek eine Story über die zehn mächtigsten Männer des Landes schreibt, gehört die Hälfte davon zu meinen Klienten“, sagte sie in Interviews. Weil aber Heidi Fleiss selbst vor Gericht eisern verschwieg, welche Hälfte sie nun genau damit meinte, genoss die Tochter eines gut situierten Kinderarztes aus Los Angeles so etwas wie widerwilligen Respekt, selbst bei Amerikanern, die mit ihrem Kerngeschäft gewisse Probleme hatten.

Bis heute weigert sie sich, die Namen ihrer prominenten Kunden zu verraten. Gerüchte besagen, dass neben vielen anderen Jack Nicholson, Mick Jagger, Warren Beatty und Billy Idol von ihr beliefert wurden, doch wirklich bewiesen ist es nur von Charlie Sheen, der im Prozess gegen sie aussagte. Und der damals auch die schöne Erklärung für Heidi Fleiss’ Millionengeschäft ablieferte: „Männer zahlen nicht für den Sex so viel Geld, sondern dafür, dass die Mädchen hinterher schnell wieder verschwinden.“ Heidi Fleiss lacht, wenn sie sich daran erinnert. An die zehn Millionen Dollar, so schätzt sie, hat sie damals, mit Mitte 20, verdient. „Unsere Kunden waren Männer, die schon einmal Trinkgelder von 5 000 bis 20 000 Dollar für die Mädchen dagelassen haben oder sie zum Shoppen zu Cartier geschickt haben.“ Ihre Tageseinnahmen überschritten bisweilen die 100 000-Dollar-Marke, und sie logierte in Beverly Hills in einem Anwesen, das früher einmal Michael Douglas gehört hatte, mit ihr warteten in Spitzenzeiten Dutzende von Mädchen am Pool auf Kundschaft.

Von Kindheit an hatte sie ein sensationelles Händchen fürs Geschäft. Schon als 13-Jährige ließ sie mehr als 20 Mädchen aus ihrer Nachbarschaft in Los Angeles für sich arbeiten – in einem Babysitter- Ring. Mit 15 verkaufte sie überteuerte Rosen bei Julio-Iglesias-Konzerten, in der Schule bezahlte sie Einser-Schüler fürs Abschreibenlassen. Und Zusammenzählen konnte sie auch ohne Schulabschluss überdurchschnittlich gut, Geld war immer schon die stärkste Antriebsfeder ihres Lebens. Neben dem Wunsch nach Aufmerksamkeit, versteht sich: „Berühmt zu sein“, sagte sie einmal, „das ist wie in goldene Farbe einzutauchen.“ Mit 19 wurde sie die Geliebte des 60-jährigen Millionärs Bernie Cornfeld und lebte mit ihm in einem Penthouse auf den Bahamas, das einst Howard Hughes gehört hatte. Dort wurde ihr allerdings schnell langweilig, sie beschloss, nach L. A. zurückzukehren und selbst reich zu werden. Sie heuerte als Escortgirl im Stall der legendären Madame Alex an, guck te sich dort die Tricks des Gewerbes ab und zog nach zwei Jahren ihr eigenes Geschäft auf, mit den schöneren Mädchen, den exzessiveren Partys, der größeren Diskretion und dem brisanteren kleinen schwarzen Telefonbüchlein

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