Jugend, komm bald wieder!
In München trafen sich Wissenschaftler, die einen Menschheitstraum verwirklichen wollen: alt werden wie Methusalem und gut dabei aussehen. Erster Schritt: Dieser Artikel wurde so flüssig verfasst, dass man beim Lesen keine Denkfalten bekommt
Die Morgenluft ist prall wie ein frisch geliftetes Dekolleté, es riecht nach Sonnenaufgang, doch drinnen beim Kongress der German Society of Anti-Aging Medicine wird bereits der Sauerstoff knapp. Auf den Hotelfluren drängeln Hautärztinnen mit rosa Lippenstift, schnurrbärtige Kleinstadt-Gynäkologen und Schönheitschirurgen in Jeans, die schon länger nicht mehr in Mode sind - man hätte sich die Teilnehmer etwas stylisher vorgestellt, aber das hier ist München und nicht New York. Zur Begrüßung tritt Aubrey de Grey ans Mikro. Der Experte der britischen Methuselah Foundation trägt Rauschebart und Hippiezopf; er sieht aus wie ein Wehrdienstverweigerer, als er zum Krieg gegen das Altern aufruft und ankündigt, dass wir demnächst etwa 1000 Jahre alt werden. Die Zuhörer im Saal schweigen ehrfürchtig bis fassungslos - vielleicht hat aber auch niemand Greys Genuschel verstanden, denn er spricht schnell und undeutlich, nur zwischendurch blitzen Worte auf wie glänzende Schwerter. Gentherapie! Stammzellen! Enzyme! "We need to try radical approaches", nuschelt Grey abschließend, später steht er mit einem Kaffeebecher in der Hand auf dem Flur und schaut ins Nichts, ein Methusalix, der vom Zaubertrank gegen das Altwerden träumt. Etwa 500 Anti-Aging-Ärzte sind hierzulande bei der Konservierung von Jugendlichkeit behilflich. Zarte Haut, straffer Busen und strahlender Blick sind längst nicht mehr die Bastion der Beautybranche: Immer mehr Ärzte interessieren sich für den Trend und basteln aus Pharmazie, Kosmetik und Wirkstoffpillen die Lifestyle-Medizin von morgen. "Es gibt ja schon einiges, das wirklich hilft", lächelt Frau L. Die Dermatologin ist aus der Nähe von Kassel zum Münchner Kongress angereist, sie ist etwa Ende 30, sieht locker zehn Jahre jünger aus und fürchtet nichts mehr als den dauergewellten Oma-Look, mit dem Frauen einst ergrauten Wollschafen glichen. Botox und faltenfüllende Hyaluronsäuren seien für sie Standard, sagt Frau L. mit der Selbstverständlichkeit, mit der andere über das Entfernen von Rotweinflecken sprechen, außerdem schwört sie auf rezeptpflichtige Hormonkosmetik. "Diese Cremes kann man sich verschreiben lassen, einfach toll, gucken Sie mal", die Ärztin streicht ihr seidiges Madonnenhaar zurück und zeigt auf ihre Augenwinkel, wo nichts zu sehen ist als weiße, faltenfreie Haut. Sollte man seine Jugend nicht verschwenden, statt Falten zu bekämpfen? Frau L. guckt, als habe man von Gebissreiniger geschwärmt, und lacht die Frage einfach weg. Jugend verschwenden, hahaha! Sprühendes, glockenhelles Gelächter weht über den Tisch, bevor die Ärztin noch einmal über ihre fabelhaften Oberschenkel streicht, die dank Fett-weg-Spritze straff wie frisch bespannte Flitzebögen sind. Dann entschwindet sie eilends in den nächsten Vortrag.
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In den Vereinigten Staaten von Amerika ist Anti-Aging ein Milliardenmarkt, dort lassen sich Frauen ihre Falten aus den Stimmbändern ziehen, damit sie nicht klingen wie ein Cowboy am Lagerfeuer. Sie lassen sich Zehen kürzen, um in Jimmy-Choo-Schuhe zu passen, und Kollagen in die Fußsohlen injizieren, um auch als Greisinnen High Heels besteigen zu können. Besonders angesagt ist das sogenannte Lunchtime-Treatment, bei dem den Ladys in der Mittagspause Hautpartien straff gespritzt werden, die sich allzu bereitwillig dem Erdboden entgegenwellen. Schnell, effektiv und möglichst unblutig soll die Verjüngung sein - statt aufwendiger Schönheitsoperationen gönnt sich die Frau mit Geld den schnellen Anti-Aging-Akt zwischendurch. Auch der Gynäkologe und Psychotherapeut Michael Klentze arbeitet an der Erhaltung jugendlicher Straffheit. Der 60-Jährige ist ein Anti-Aging-Aktivist der ersten Stunde und führt das Klentze Institut, das nahe der Münchner Maximilianstraße liegt, dort, wo Edelboutiquen von Hermès und Bottega Veneta mit sakralen Schaufensterinszenierungen zur Anbetung einladen. Ein gläserner Aufzug führt in die Praxis. Antike Türschnitzereien und bezaubernd frisiertes Personal verbreiten lauschige De-luxe-Stimmung, die nur kurz zusammenbricht, als eine Bestsellerautorin eintritt und wieder rausstürmt, weil sie von einer anderen Kundin erkannt wird. Bevor die Stimmung kippen kann, eilt der Doktor mit natürlich wehendem Arztkittel herbei. "Anti-Aging ist ja eigentlich der falsche Begriff, wir regenerieren und kontrollieren Alterungsprozesse, das ist viel treffender", verkündet er schon zur Eröffnung, im Besprechungszimmer setzt er sogleich sein allerbestes Arztgesicht auf. In der Praxis von Michael Klentze bekommt der vom Leben gezeichnete Mensch das Rundum-sorglos-Coaching geboten, gegen Verfall und vorzeitiges Zerbröseln, darunter Immunstimulation, Vitaltherapie und selbstverständlich die Doktor-Klentze-Kosmetik-Serie: "So was muss man auch im Programm haben, Haut und Befinden gehören ja praktisch zusammen", meint der Arzt in dem Tonfall, in dem ein Formel-1-Fahrer Interesse für das Dreiliterauto heuchelt. Denn Klentzes Passion gehört nicht dem Fassadenlifting, er ist vielmehr international renommierter Kernsanierer, der mit dem österreichischen Hormonprofessor Johannes Huber Bestseller geschrieben hat, wie zum Beispiel „Die revolutionäre Snips-Methode" über den Zusammenhang von Gendisposition und Alter. "Anti-Aging aus Amerika ist ja ökonomisch orientiert", erklärt Klentze, und damit habe er nun wirklich nichts zu tun, "wir wollen den Menschen im Vordergrund sehen, wir wollen humanistische Qualität, wir wollen helfen." Doktor Klentze lässt die beruhigende Wirkung seiner Worte in die Wohlfühlatmosphäre seiner Praxis einsickern, bevor er in einen Singsang über Umweltgifte verfällt, über Bewegungsmangel, Ernährung und Stress. "Das Wichtigste ist doch die Entspannung", spricht der Doktor schließlich und faltet seine Hände wie zum Gebet, "viele meiner Patienten sind erschöpft. Sie sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, sie stehen oft voll im Job. Beziehungen, Freizeit, alles läuft auf Hochtouren, aber der Körper kommt nicht mehr richtig mit."
