Der große Biegsam

Nach dem Inder BIKRAM CHOUDHURY streckt sich die Welt. Denn das nach ihm benannte BIKRAM YOGA soll mehr für Leib und Seele tun als jede Religion - was auch ihm guttut: Noch gewaltiger als sein Kontostand ist sein Selbstbewusstsein

 

Der glücklichste Mann der Welt ist stinksauer. Es hat reingeregnet. Das Dach ist kaputt, der Teppich ruiniert. Und nun zahlt die Versicherung nur für den Teppich, nicht fürs neue Dach. "Die größte Betrügerfirma der ganzen Welt", schimpft der glücklichste Mann derselben und klopft mit der flachen Hand auf das betreffende Absageschreiben, dass die Zeiger in seiner goldenen Armbanduhr zittern wie Lämmerschwänzchen. "Amerika ist krank", doziert er mit drollig rollendem indischen Zungenschlag, "körperlich krank, geistig krank, seelisch krank. Deshalb bin ich hier." Und schlagartig fällt Bikram Choudhury wieder ein, wie glücklich er ist, und er lächelt breit und wonnig. "In Indien stehen die Leute Schlange, um meine Füße zu küssen", ruft er mit unüberhörbarem Vorwurf ans amerikanische Versicherungssystem. "Dort bin ich Jesus!" Hier, in Los Angeles, ist er immerhin so etwas Ähnliches: ein Yogalehrer, dem von Shirley MacLaine über Liz Taylor bis hin zu zeitgenössischen Fernsehsternchen Hollywoods Berühmtheiten zu den viel geküssten Füßen liegen; ein Selfmademillionär mit Supervilla in Beverly Hills und einem Bataillon beinah unbezahlbarer Oldtimer; ein Medienstar, mit dessen Namen sich Turnhosen, Goldkettchen und selbst besungene Musik-CDs verkaufen lassen. Der 1946 in Kalkutta geborene Bikram Choudhury - der wie alle wirklich Großen nur mit Vornamen bekannt ist, man denke an Madonna, erwähnten Jesus oder Knut - ist seit mehr als 50 Jahren im Auftrag seines Gurus Bishnu Ghosh unterwegs, die Segnungen von Yoga unter die Menschheit zu bringen. Vor mehr als 30 Jahren führte ihn seine Mission nach Amerika, wo er seitdem eine zweite Heimat gefunden hat: Denn nirgendwo, rollt es düster von Bikrams Lippen, wird seine Heilkraft so dringend gebraucht wie hier. "Als hätten sie keinen Sprit im Tank", raunt er, "ich bin ihre Zapfsäule." Etwa tausend Bikram-Yogastudios gibt es mittlerweile auf der Welt. Im "Hauptquartier", nahe einer geschäftigen Freeway-Abfahrt in Los Angeles, hängen zwei Landkarten voller Pin-Fähnchen: Die rechte - Europa und Asien - ist mäßig bestochen, links die USA sehen aus wie ein Nadelkissen. Das Büro des Meisters blickt recht unglamourös auf den Parkplatz. Um die Karten herum sind Fotos und Dankesschreiben von Prominenten platziert ("Niemand in den vergangenen tausend Jahren kannte mehr berühmte Leute als ich!"), darunter Präsident George W. Bush. Und auch Richard Nixon wandte sich einst an Bikram - mit einer schmerzhaften Venenentzündung. Zum Dank für eine Spezialbehandlung in der Badewanne ("Es war kinderleicht!") schenkte er dem kundigen Inder eine Greencard. Stolzer noch als auf die Bilder mit den Stars ist Bikram auf die mit seinen Fahrzeugen: "Hier sitze ich auf einem Daimler-Motorrad, das für Howard Hughes gebaut wurde, da war ich erst 17", ruft er zärtlich. In seinem indischen Singsang klingt es wie ein Zwitschern. "Und dies ist der Original-Motor des Autos, das Hitler 1936 für seinen Freund, den Maharadscha, bauen ließ, der Palast hat ihn mir verkauft. Ich weiß alles über Autos", singt er beglückt, "ich könnte Seminare an der Universität über Autogeschichte geben und 1000 Dollar pro Stunde verdienen!" Und dann lacht er, weil ihm nichts leichter zu fallen scheint, als Geld zu verdienen in diesem Land, das so krank ist.

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Bikram ist ein mittelgroßer Mann mit straffem Fleisch, das er während seiner Yogalektionen gern in knappen Turnhöschen ausstellt. Für seine 61 Jahre ist er natürlich fantastisch in Form - er praktiziert Yoga seit seinem vierten Lebensjahr. Sein Gesicht schlägt kaum Falten, das Haar ist von der Stirn weit ins hintere Indien gewandert. "Ich war einst der begehrteste Junggeselle der Welt", verkündet er im für ihn typischen Superlativ. "Alle Mädchen wollten mich heiraten, reiche, berühmte, Töchter von Präsidenten und Königen. Sie haben sich alle in Sekundenschnelle in mich verliebt." Doch es waren die weisen Eltern in Kalkutta, die für ihren Sohn die Braut wählten: Mit reifen 38 Jahren heiratete Bikram eine 19 Jahre jüngere Yoga-lehrerin aus seiner alten Heimat. Was schoss ihm durch den Kopf, als er das Mädchen zum ersten Mal sah? Bikram lächelt mitleidig. "Ich habe mich nicht gefragt, ob ich sie liebe oder nicht. Das ist nicht wichtig. Wir haben uns sofort verstanden. Meine Eltern kennen mich, sie wissen, wonach ich gesucht habe. Sie haben auf die gleiche Weise geheiratet. Seit Tausenden von Jahren geht das so. Es funktioniert." Ist er glücklich mit Rajashree? "Ich bin doch der glücklichste Mann der Welt!" Tradition und Bling-bling-Protzerei, indische Philosophie und amerikanischer Geschäftssinn: Was zu verbinden für Normalsterbliche so schwierig ist wie ein Kopfstand ohne Hände, glitscht in Bikrams Weltbild mühelos zusammen. Auf Gesprächspartner wirkt er gleichzeitig besonnen und selbstbesoffen, buddhamäßig entspannt und barsch reaktionär. Er trägt Gold und fährt Rolls-Royce und bedauert die westliche Welt für ihren kalten Materialismus. Er predigt, dass Yoga von Arthritis über Diabetes bis hin zu Fettleibigkeit nahezu jede Krankheit heilen kann - und droht, jeden kleinen Yogalehrer in der Provinz zu verklagen, der seine Lehrmethode zu kopieren versucht. Bikram Yoga ist nämlich ein Patent: das heißeste Yoga der Stadt. Und gemeint ist hiermit: echt heiß. Bis zu 40 °C. Das erklärt die verräterischen Dampfflecken auf den Fenstern, die man von der Straße aus sieht. In den "Folterkammern", wie Bikram seine Studios fröhlich nennt, wird tüchtig geheizt und tüchtig geschwitzt; die Handtücher seiner Adepten sind am Ende der 90 Minuten klatschnass. In der Hitze dehnen sich Muskeln und Sehnen bereitwilliger, Positionen wie die "Kobra" und der Zehenstand fallen leichter; zumindest etwas. Eine Yogalehrerin aus Los Angeles, die bei normaler Raumtemperatur arbeitet, meint dazu abschätzig, die Wärme wirke auf den Körper wie Superdünger aufs Gemüse, schwerlich die reine Lehre; aber wenn sie mal wieder einen Kick brauche, gehe sie zu Bikram. 26 Positionen plus zwei Atemübungen werden absolviert und vom Lehrer in einem vom Chef genau festgeschriebenen "Dialog" - der ein Monolog ist - begleitet. So - und nur so - wirke Yoga am besten auf Körper, Geist und Seele, spricht Bikram. Er meint es ernst. Er hält Anhänger der Ashtanga- und Kundalini-Fraktion für Narren und ließ im Jahr 2003 auf seiner Website verlauten, dass jeder Verstoß gegen seine Regeln mit 150000 Dollar Strafe belegt werde. Wer Bikram Yoga anbietet, darf dies nur mit Bikrams Segen tun; wo Starbucks draufsteht, muss auch Starbucks drin sein. (Die Ausbildung zum Bikramlehrer kostet 6600 Dollar.) Selbstverständlich habe er die Positionen nicht erfunden, räumt Bikram ein. Seit Tausenden von Jahren schließlich lehren Yogis rund 10000 Kombinationen der 84 klassischen Asanas. Er behaupte ja auch nicht, ihm gehörten alle Noten. Aber seine Musik, die dürfe nur er spielen.

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