Bitte Ruhe

Die Presse springt hart um mit SIENNA MILLER: Weil sie gern einen trinkt? Weil sie nerven kann wie Kinder auf dem Autorücksitz? Weil sie Männerherzen bricht wie Baguette? Zu Besuch bei einer Schauspielerin im Belagerungszustand

 

Sienna Millers Wohnung im Herzen Londons befindet sich im Belagerungszustand. Aus dem Fenster im oberen Stockwerk sieht man mindestens ein Dutzend verdächtige Gestalten auf der Straße herumschleichen. Es regnet, und von hier oben wirken sie mit ihren Kapuzen, Thermojacken und großen schwarzen Kameras ziemlich bedrohlich. "Unheimlich, oder?", sagt Miller, die sich am Kaminfeuer zusammengerollt hat. "Ich fühle mich hier wie ein Tier in der Falle." Den Paparazzi ist diese kleine Straße bestens vertraut. Nicht mal vor Kate Moss' Wohnung lungern rund um die Uhr so viele Fotografen herum, das Handy am Ohr und jederzeit bereit zuzuschlagen. Wenn Miller sich tatsächlich mal zeigt, schießen sie aus ihren Löchern und schreien: "Sienna! Guck mal her!", in der Hoffnung auf einen money shot einen Schnappschuss, der am nächsten Tag in der Boulevardpresse veröffentlicht wird und uns ein weiteres Mal darüber informiert, was Sienna in der Nacht zuvor getrieben hat. "Aber was soll ich mich darüber beschweren", fährt sie fort, "ich finde diese Typen echt scheiße, aber ich kann einfach nichts dagegen tun. Manchmal versperren sie mir den Weg, wenn ich ins Haus will, und provozieren mich mit ekligen Sprüchen wie ‚Wen hast du letzte Nacht gefickt, du dreckige Schlampe?‘ Ätzend." Miller, die jünger und zierlicher wirkt als auf der Leinwand - schließlich ist sie trotz des Umfangs ihres Pressedossiers erst 26 -, wollte dieses unangenehme Thema eigentlich vermeiden, doch die Paparazzi, die nur wenige Meter von uns entfernt stehen, sind schwer zu übersehen. "Okay, genug davon", sagt sie und holt aus der Küche eine Flasche Rotwein und ihre Zigaretten. "Willkommen in meiner Welt." Diese Welt ist zumindest hier drinnen gar nicht so übel: Ihr Penthouse-Loft, das sie letztes Jahr gekauft hat, passt so gar nicht zu den Sozialwohnungsbauten nebenan und dem trüben Wetter draußen. Die Wohnung ist mit einem Sammelsurium aus Antiquitäten und Ethno-Trödel dekoriert: marokkanische Lampen, Stammesmasken aus den Urwäldern Südamerikas und eine Gibson-Gitarre von 1983, die einmal dem britischen Musiker Jeff Beck gehört hat. Überraschend gekonnt schlägt sie ein paar Akkorde an. "Die habe ich mir mit 18 von meinem allerersten Honorar gekauft" - für 1 000 Pfund, die sie mit einem Modeljob für eine deutsche Coca-Cola-Werbung verdient hat. Sing doch mal was! "Auf keinen Fall. Dafür müsste ich schon mehr als ein Glas Wein trinken."

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Die Wände hängen voller Kunstwerke, darunter eine Bleistiftzeichnung von Schwalben im Flug - ein Original von Andy Warhols Muse Edie Sedgwick, die Miller in "Factory Girl" gespielt hat - und ein ziemlich düsteres Selbstporträt von Miller, das sie gemalt hat, als sie zwölf war. "Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe - so schwermütig bin ich gar nicht." Auf einem antiken Tischchen liegen unzählige Designer-Sonnenbrillen ("Die bekomme ich umsonst, einer der Vorzüge dieses Jobs"), im Bücherregal finden sich unter anderem Yogaratgeber und Erstausgaben von Gedichtbänden von Allen Ginsberg und Charles Bukowski. Im Obergeschoss stehen diverse rappelvolle Kleiderschränke, Dutzende von Schuhen sind auf einem Sims aufgereiht. Millers Schlafzimmer ist klein, aufgeräumt und mädchenhaft. Der mit Abstand merkwürdigste Gegenstand ist ein Harry-Potter-Besenstiel, den ihr Rhys Ifans (bekannt geworden als Hugh Grants Mitbewohner in "Notting Hill") geschenkt hat, weil er sie für eine Hexe hält. "Aber eine gute", lächelt sie. Man fragt sich glatt, auf welche Weise sie den armen Waliser wohl verhext hat. Doch zu dieser kuriosen Beziehung später, denn eigentlich geht es hier vor allem um "Interview", Millers neuesten und wahrscheinlich besten Film: Ein seriöser Kriegsreporter (Steve Buscemi) ist nicht gerade begeistert, als er Amerikas berühmtesten Soapstar (Miller) interviewen soll. Aus der Begegnung wird ein Psychoduell der Extraklasse. Das Ganze spielt in einer einzigen Nacht in New York und ist das Remake eines Zweipersonenfilms des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh, der 2004 von einem muslimischen Extremisten ermordet wurde. "Die Dreharbeiten waren ziemlich anstrengend", erinnert sich Miller. "Wir haben den Film in neun Nächten gedreht. Jede Einstellung dauerte neun Minuten, und wir hatten 13 Seiten Dialog pro Tag. Aber es ist auch der erste Film, der mir wirklich Spaß gemacht hat. Er hat etwas von einem französischen Intellektuellenfilm." Der heikle Themenkomplex Medien, Ruhm und Wahrheit, mit dem sie sich nur allzu gut auskennt, hat Miller besonders gereizt, und darüber möchte sie heute gern reden. Wie viel von ihr selbst steckt in der Figur, die sie im Film spielt? Diese Katya ist jähzornig und intrigant, eine grottenschlechte Schauspielerin und ein It-Girl im Stile von Paris Hilton… Miller winkt ab: "Katya ist vollkommen rücksichtslos. So fies bin ich nicht. In Amerika hat man mich oft gefragt: ‚Und, wie war es, dich selbst zu spielen?‘ Natürlich gibt es da Parallelen. Sie ist eine Schauspielerin, die nicht besonders ernst genommen wird, und das gilt vermutlich auch für mich. Die Leute sind mehr an meinem Liebesleben interessiert als an meiner Arbeit. Stimmt schon, unsere Lebensumstände sind ähnlich, aber ihr Charakter, ihre hinterhältige Art, ihre Wichtigtuerei – das ist wirklich nicht mein Ding. Doch es hat Spaß gemacht, das auf die Spitze zu treiben und dadurch zu persiflieren." Im Gegensatz zu Katya ist Miller durchaus eine fähige Schauspielerin: "Millers feiner Humor ist das Sahnehäubchen auf der Inszenierung", schrieb die Sunday Times 2005 über David Lans Londoner Theaterproduktion von "Wie es euch gefällt". "Miller liefert eine Glanzleistung ab, aber den Rest der Besetzung kann man vergessen", meinte die Times zu ihrer schonungslosen Darstellung von Edie Sedgwick in "Factory Girl", "sie beweist, dass sie mehr ist als nur ein hübsches Gesicht." Dennoch gibt es immer noch Leute, die ihr nichts zutrauen. "Ich weiß. Das ist echt frustrierend", seufzt sie. "Dieses ständige Draufhauen gibt es nur hier in England. Sie schenken einem einfach nichts."

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