Er will doch nur spielen
Drei Dinge hat der Mann (abgesehen davon, dass auch erwachsene Mädchen ihn "süß" finden): Talent, Ehrgeiz, Chuzpe. Und so wurde MATTHIAS SCHWEIGHÖFER zum Überflieger unter Deutschlands Jungschauspielstars. Als "Roter Baron" hebt er jetzt auch international ab.
Die Theatermacher von Karl-MarxStadt standen an jenem Nachmittag des Jahres 1984 wieder einmal vor jener problematischen Frage, die alle Theatermacher zwangsläufig haben, die Bert Brechts "Kaukasischen Kreidekreis" inszenieren: Wer spielt das verdammte Kind? Es muss ein echtes, unverbrauchtes Balg sein, das sich da dem salomonischen Gezerre zweier Mütter auf der Theaterbühne stellt – eine Anforderung, der sich eben kaum so ein Zwerg aussetzen möchte. Die Hauptdarstellerin des Stückes, die DDR-Schauspielerin Gitta Schweighöfer, hatte also ihr eigenes Söhnchen mitgebracht, um dieses in die erste Bühnenrolle seines Lebens zu befördern. Doch der dreijährige Matthias Schweighöfer schien keinerlei Ambitionen auf eine Theaterkarriere zu verfolgen, schrie und heulte, wehrte sich mit Händen und Füßen, und schon war die hoffnungsvolle Karriere auch wieder beendet. "Das ist die einzige konkrete Erinnerung, die ich an meine frühe Kindheit habe", sagt Matthias Schweighöfer heute. Heute, das ist etwa 24 Jahre, einen Mauerfall, mehr als 20 Spielfilme, einen Bambi, einen Grimme-Preis, einen Bayerischen Filmpreis, einen Deutschen Fernsehpreis, eine Goldene Kamera und zig weitere Auszeichnungen später. Die schreckliche Früherfahrung dürfte ihm also nicht geschadet haben. "Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Situation deutlich vor mir", sagt er. "Ich fand es schrecklich und wollte da so schnell wie möglich runter." Es war vermutlich das allerletzte Mal, dass sich der junge Mann dagegen gewehrt hat, einen großen Auftritt hinzulegen. Die deutschen Medien kennen kaum Zurückhaltung, wenn es darum geht, Superlative für junge Talente zu finden. Da werden ständig "neue Superstars", "beste Jungschauspieler" und "schillernde Nachwuchstalente" gekürt, ohne dass bei den meisten ein Indiz für die Richtigkeit dieser Prädikate vorliegt. Und dann blickt man auf das, was Matthias Schweighöfer in seinem zarten Lebensalter bereits geleistet hat, und steht vor dem Dilemma, dafür einen treffenden Begriff finden zu müssen, der den qualitativen Abstand zum Gros der jungen Schauspielerriege trifft. Jaja, zugegeben, auch das klingt wieder nach so einer Übertreibung, die in einem verrauchten Redaktionsbüro erfunden wurde, um ein Magazin zu verkaufen. Aber Matthias ist das. Und er will das. Will aufs Cover, will in den Hollywood-Film, will auf die wichtigste Bühne. Matthias will spielen und drehen und einfach eine geile Sau sein. Er will "den Marzahner, der gerade seine Fischbüchse aufgegessen hat", ebenso packen wie die Gruppe, die eigentlich zum Chabrol-Abend wollte. Und was soll man sagen: Es klappt. In den kommenden Monaten erscheinen gleich drei internationale Produktionen, in denen Schweighöfer mehr als präsent ist. Im viel besprochenen Widerstands-Epos "Walküre" darf er Tom Cruise als Stauffenberg am Originalschauplatz Bendlerblock die finale Kugel verpassen. In "Night Train" steht er im Cast gleich hinter den Hollywood-Stars Danny Glover, Steve Zahn und Leelee Sobieski. Bei einem äußerst mutigen Projekt, dem international angelegten Heldendrama über das Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs, Manfred von Richthofen, genannt: der Rote Baron, kämpft er als Hauptdarsteller und Koproduzent im wahrsten Sinne an der Front. Und fast nebenbei steht Schweighöfer unter der Regie von Frank Castorf - "Hey, der Typ, der dem ganzen europäischen Theater den Stil vorgibt" - auf den Brettern der Berliner Volksbühne. Was also ist dieser Junge, wenn nicht ein richtiger Star?
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Vielleicht einfach ein guter Typ. Rotzfrech, draufgängerisch und dann auch mal so ein kleines Sensibelchen. Ein putziger Kerl, der beim Fotoshooting in einem berühmten Westberliner Bordell zu spät zum Fotoset kommt - und zwar nicht, weil er, von Allüren erfasst, auf irgendeine französische Mineralwassersorte wartet, sondern weil er einem von den Modelmädchen hilft, unter dem plüschigen Tresen sein verloren gegangenes Täschchen zu suchen. So süß. "In erster Linie aber ist Matthias ein fantastischer Schauspieler", sagt sein Freund und Kollege Milan Peschel, mit dem er im Theaterstück "Nord" auftritt. "Er hat ja keine klassische Ausbildung und war deshalb auch ziemlich aufgeregt, als er zur ersten Probe an der Volksbühne kam. Aber wir haben alle gestaunt, mit welcher Chuzpe und welchem Engagement er da reingegangen ist und alle umgehauen hat. Manchmal stehen wir beide zusammen auf der Bühne und schauen uns in die Augen, und dann ist da so ein magischer Moment, weil wir spüren, dass wir etwas Großartiges machen." Das größte Kompliment kommt von der Mama. Gitta Schweighöfer sagt: "Er spielt manchmal so gut, dass ich vergesse, dass das da gerade mein Sohn ist." Sie hat es früh geahnt. Und befürchtet. "Man merkt natürlich, dass da Talent ist", sagt sie. "Man spürt das, wenn so ein kleiner Junge auf einmal anfängt zu erzählen und etwas darzustellen. Und dabei Ausdruckskraft und Hingabe entwickelt. Aber ich musste ihm, auch als er schon enthusiastisch am Schultheater inszenierte und große Rollen spielte, immer sagen: ‚Matthias, lass es lieber. Schauspielerei wird ein ewig brotloser Beruf bleiben.‘" Sie schickte ihn damals sogar zu einem besonders aussichtslosen Casting, um ihn die Realität spüren zu lassen. Aber dann war er so gut, dass er zwar nicht diese, aber immerhin eine andere Rolle bekam. Großes Schweighöfer-Grinsen, wenn er an die Geschichte erinnert wird. "Sie hat wirklich alles getan, um mir die Unwegsamkeiten des Berufes vor Augen zu führen. Immer wieder sagte sie, dass ich am Hungertuch nagen werde. Ich hatte jetzt natürlich immensen Spaß, ihr beim 'Roten Baron', wo sie ja auch mitspielt, dicke Gehaltsschecks zu unterschreiben. Und zu sagen: ‚Watt denn, Mama, wieso brotloser Job? Dett stimmt doch jar nüscht.‘" Mann, ostberlinert der. Wieso ostberlinert der so? "Weil ick aus dem Osten bin, wa?", ostberlinert er. An die DDR hat er keine schlechten Erinnerungen. Wieso auch, der Kindergarten war fein, das blaue Pioniertuch stand ihm gut, in der Kantine des Theaters, wo Mutti und der Vater Michael Schweighöfer spielten, gab es Pommes. "Und Schokolade haben wir auch immer irgendwie aufgetrieben", sagt er. Oder besser: "ham wa ooch immer irjendwie uffjetrieben." Als die Mauer fiel, war er acht. "Meine Eltern aber um die 40, und man wusste ja nicht, was nun wird. Was aus dem Theater wird, das die Erzählkultur des Landes war. Plötzlich fingen alle an - auch der eigene Sohn -, Bruce Willis zu gucken." Möglicherweise war seine Konzentration auf Film auch erst einmal eine gewisse Abgrenzung von den Eltern. "Ja, war es", sagt er. Heute ist da ein kumpelhaftes Verhältnis zu beiden. "Wie eine Freundschaft", sagt Gitta Schweighöfer zart. Wenn alle drei sich zu Weihnachten mit der neuen Frau seines Vaters zum Festmahl treffen, es gibt Schnitzel, "dann ist das wie ein Schauspielkongress", sagt Gitta. "Jeder bespricht die Rollen des anderen."
Manchmal sitzen sie zusammen und gucken DVDs. Dann schwärmt die Mutter von Cate Blanchett, die so anders spielt, als sie selbst es gelernt hat. „Dann sagt sie: ‚Guck mal, Matthias, wie reduziert.‘ ‚Ja, Mama‘, sag ich dann, ‚det ist halt minimiertes Spiel.‘ ‚Ick weeß‘, sagt dann sie, ‚aber ich spiel halt gern auch für die letzte Reihe.‘“ Mensch, Mama! Der Filmemacher Nikolai Müllerschön stand an jenem Nachmittag des Jahres 2004 vor der problematischen Frage, die alle Filmemacher haben, wenn sie einen großen internationalen Hit landen wollen: Wer spielt die verdammte Hauptrolle? Val Kilmer, der Star aus „Batman Forever“, hatte mehr oder weniger zugesagt. Der Stoff, ein Epos über den Fliegerhelden von Richthofen, versprach Action und geschichtliche Tiefe. Dann aber bekam Müllerschön das Gefühl, ein Deutscher müsse das spielen: „Wir Deutschen erzählen unsere eigenen Geschichten seit 50 Jahren nur uns selbst oder lassen sie von anderen erzählen – ich finde es an der Zeit, dass wir selbst unsere Geschichten auch der Welt erzählen.“ Mit seiner Lebensgefährtin hatte er Schweighöfer in dem Film „Polly Blue Eyes“ gesehen und ganz okay gefunden, man könne ja mal mit ihm reden. Eine gemeinsame Bekannte soll ausrichten, dass Interesse besteht. Das war in einer Zeit, in der Schweighöfer bereits seine Kritiker erfolge in „Die Freunde der Freunde“ von Dominik Graf, „Schiller“ und „Soloalbum“ verbuchen konnte und, obwohl von Preisen überhäuft, 15 Monate kein Angebot bekam. „Das war so richtig beschissen, mit Schulden machen und so.“ Müllerschön saß im Hotel am Potsdamer Platz, als es an die Tür klopfte. „Da stand er, dieser Bub, mit einem Rucksack. Und sagte: ‚Guten Tach, ich bin der Mat thias, ich soll den Roten Baron spielen, zeig mir doch mal Fotos von dem.‘“ Er hat ihm dann erst mal die Story erzählt und etwa zehn Fotos vom Richthofen gezeigt. Danach sind sie Nudeln essen gegangen und versanken in diesem Stoff. „Und dann schau ich von meinem Teller auf, und mir gegenüber sitzt plötzlich dieser Richthofen, für ein paar Sekunden nur, und dann grinst mich Matthias an – und hatte die Rolle.“ Dass die Meinungen über den Film auseinandergehen, die Kritiker bei einem Screening in Hamburg zum Teil richtig entsetzt waren, rührt die beiden nicht. Schweighöfer hat sich selbst als Coproduzent eingebracht und „sich als extrem loyal und engagiert“ erwiesen, sagt Müllerschön. „Er steht eben voll hinter dem Projekt.“ Dass ein Actionhelden- Film über deutsche Kriegsteilnehmer das Prädikat „waghalsig“ verdient, ist vermutlich einkalkuliert. „Es muss nicht immer das Feuilleton sein“, sagt Schweig höfer. „Na klar werden die gegen uns sein, aber ich weiß, der Film wird ein Riesenerfolg in Frankreich werden, in England, in Spanien, in Amerika und überall. Drauf geschissen.“ Als Schweighöfer im vergangenen Sommer mit Tom Cruise drehte, den er an einem besoffenen Abend im Borchardt kennengelernt hatte, interessierte der sich sehr für das Projekt. „Wir sind dann ins Hotel gegangen und haben ihm den Film in einer Rohfassung gezeigt“, sagt Müllerschön. „Und Tom war beeindruckt“, ergänzt Schweighöfer. „Der meinte: ‚Hey, ihr Deutschen habt ja echt Eier, das zu machen.‘“ In jedem Fall ist das ganze Unternehmen ein Abenteuer, in das der Junge sich reinkniet. Er ist selbst zu einem Überflieger geworden – trotz seiner notorischen Flugangst. Ein Roter Baron, der sich in die Hosen macht, wenn er in eine Linienmaschine muss? „Gerade deshalb“, sagt er. „Als ich in den Flugsimulator musste, feuerten mich alle an, riefen: ‚Matthias, das schaffste!‘ Das war ein guter Moment.“ Überwinden musste sich auch Mutter Schweighöfer, die Mutter Richthofen spielt. Als sie in Prag ihre Drehtage hatte, musste sie ihr Ost-Englisch in einem Crashkurs aufpolieren. „Da hatte ich doch etwas Angst vor“, sagt sie. „Und als ich dann plötzlich Joseph Fiennes vor mir stehen hatte, der sich ganz liebenswert unterhalten wollte, war plötzlich alles weg. Ich hatte auf einmal die ganze Sprache vergessen.“
Als Matthias Schweighöfer Anfang der 90er- Jahre in der Schule der einzige Junge unter 28 Mädchen war, stand er vor derselben problematischen Frage wie alle Jungs, die allein mit 28 Mädchen die Klasse teilen: Wie schaffe ich es, nicht für verdammt schwul gehalten zu werden? Matthias beschloss, in der Theatergruppe nur noch die Rampen sau zu geben, zu zeigen, was für ein Kerl er ist. Also spielte er Mackie Messer; einen Mackie Messer, von dem man angeblich in Chemnitz heute noch spricht. Die Macherqualitäten von Brechts Paradegauner scheinen abgefärbt zu haben. Er führte Regie bei „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, forderte von den Lehrern wochenlang schulfrei, um proben zu können – und bekam es. „Und plötzlich wusste ich, dass das, was ich jetzt mache, das ist, was ich immer machen will.“ Also schnell Abi, dann in die Schauspielschule, „Ernst Busch“ in Berlin. „Aber da standen Dozenten, die Freunde meines Vaters waren, die ich von früher von Partys kannte, und die schrien mich an, was für einen Scheiß ich spielen würde“, sagt Schweighöfer. „Da dachte ich mir, pass mal auf, Alter, das musst du dir nicht geben.“ Er verließ die Schule sofort. „Und ich ging da raus und merkte plötzlich, dass ich meine eigenen Geschichten erzählen will“, sagt er. „Und dann, hey, dann hab ich das einfach gemacht.“
