Verrückt nach Jungs

Ohne ihn wäre Dieter Bohlen arbeitslos. Ohne ihn gäbe es weder Castingshows noch Superstars vom Reißbrett. LOU PEARLMAN erfand die Backstreet Boys und machte Justin Timberlake zum Scharmbolzen. Jetzt sitzt das Trüffelschwein des Pop hinter Gittern und muss erklären, wo 500 Millionen Dollar geblieben sind

 

Am 1. Februar vergangenen Jahres ist noch einmal alles wie früher: der rote Teppich, das Blitzlichtgewitter, die Schulterklopfer. Lou Pearlman sitzt neben Pierce Brosnan, Lionel Richie und Nicolas Cage in der Berliner Ullstein-Halle und verfolgt, wie die Jungs von US5 eine Goldene Kamera in der Kategorie Pop International Band überreicht bekommen. US5 ist seine Band. Er hat sie entdeckt und hochgepäppelt, genauso wie zuvor die Backstreet Boys und ’N Sync. Jetzt rufen ihm die Musiker von der Bühne zu: "Lou Pearlman, we love you, baby!" Später, auf der Aftershow-Party, nimmt der Manager den US5-Sänger Jay Khan zur Seite und erzählt ihm von ehemaligen Geschäftspartnern in den USA, die in kriminelle Machenschaften verwickelt seien, von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und Steuerbehörde auch gegen ihn. Doch es bestünde kein Grund zur Sorge, seine Anwälte würden in Kürze alles aufklären. Es war das letzte Mal, dass Jay Khan seinen Manager gesehen hat. Seit diesem Tag ist Lou Pearlman spurlos verschwunden. Am 10. Juni 2007 taucht er wieder auf, am anderen Ende der Welt. Thorsten Iborg sitzt mit seiner Frau Carina in einer Strandbar im Luxusresort Nusa Dua Beach Hotel & Spa auf Bali. Das Ehepaar aus der westfälischen Kleinstadt Ibbenbüren macht seinen Jahresurlaub, am Tag zuvor ist es angereist. Ein übergewichtiger Mann in einem buntem Hawaiihemd, der auf der anderen Seite des Tresens einen Kaffee trinkt, weckt das Interesse des 32-jährigen Iborg. "Schau mal", sagt er zu seiner Frau, "ist das nicht der Typ von den Backstreet Boys?" An Pearlmans Namen erinnert er sich nicht, aber an dessen auffälliges Erscheinungsbild. Vor einiger Zeit hat er im Fernsehen einen Bericht über Pearlman gesehen, 53 Jahre alt, den millionenschweren Herrscher in der Welt der Boygroups. Auch wenn Iborg, der sich eher für Rock begeistert, die Musik dieser Bands nicht mag, die Geschichte dahinter fasziniert ihn. Iborg geht auf sein Hotelzimmer und surft im Internet. Auf einer FBI-Seite stößt er auf Pearlmans Gesicht. Von Bank- und Kreditbetrug ist die Rede, von Insolvenzverschleppung und Pfändungen, viele englische Fachbegriffe, die Thorsten Iborg nicht versteht. Irgendwo steht auch eine Summe: zehn Millionen Dollar. Möglich, dass es sich dabei um eine Belohnung handelt. Thorsten Iborg kontaktiert die amerikanische Journalistin Helen Huntley, auf deren Website er von dem Verfahren gegen Pearlman gelesen hat. Die Journalistin stellt den Kontakt zum FBI her. Am Morgen des 14. Juni, Thorsten Iborg ist früh aufgestanden, er hat den Sonnenaufgang fotografiert, sieht er Lou Pearlman beim Frühstück. Er schießt ein Foto, unauffällig, er hat der amerikanischen Journalistin ein Beweisbild versprochen. Es ist Pearlmans letzte Mahlzeit in Freiheit, wenige Stunden später wird er von der örtlichen Polizei verhaftet und vom FBI ausgeflogen.

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In den folgenden Wochen und Monaten wird Thorsten Iborg eine mediale Aufmerksamkeit zuteil, wie sie nicht mal den meisten Boygroups, die Pearlman in den vergangenen Jahren zu lancieren versuchte, vergönnt war: Amerikanische Zeitungen drucken sein Pearlman-Foto, Journalisten aus dem In- und Ausland rufen an. Nur aus der Belohnung wird nichts. Stattdessen ein kurzer, unpersönlicher Dank des FBI per E-Mail. "Wir haben entscheidend dazu beigetragen, dass ein Millionen-Dollar-Betrüger gefasst wurde", beklagt sich Thorsten Iborg heute, "und jetzt gibt’s nur eine karge Mail." Man kann es durchaus als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass Lou Pearlman, für den Deutschland immer der wichtigste Markt war, ausgerechnet von einem Deutschen hinter Gitter gebracht wurde. Seit Juni vergangenen Jahres sitzt er im Orange County Gefängnis in Orlando und wartet auf seinen Prozess 2,40 Meter mal 4,80 Meter ist die Zelle groß, eine Toilette, ein Waschbecken. Sie ist für zwei Insassen gedacht, aber Prominente werden im Strafvollzug isoliert. Pearlman sitzt, weil ihm Veruntreuung von Geldern im großen Stil vorgeworfen wird. Schon im November 2006, als die Untersuchungen begannen, hatte Frank Vasquez, langjähriger Wegbegleiter Pearlmans und hochrangiger Angestellter bei dessen Firma Trans Con, in seiner Garage Selbstmord begangen. Im Januar 2007 war Pearlmans Privatjet konfisziert worden. Im Februar wurden seine Büroräume durchsucht, seine Firmen mussten Konkurs anmelden und wurden unter staatliche Aufsicht gestellt. Sein Privatbesitz und seine Konten wurden beschlagnahmt, Möbel, Goldene Schallplatten, Autos und das Anwesen versteigert. Kein Fall ohne Aufstieg. Die Lebensgeschichte von Lou Pearlman liest sich zunächst wie eine Blaupause des amerikanischen Traums: Er wird 1954 in Queens im Bundesstaat New York geboren, sein Vater betreibt eine Reinigung, seine Mutter ist Hausfrau. Ein schüchterner, dicker, mondgesichtiger Junge, der von den anderen Kindern "Fat Louie" gerufen wird. Schon früh begeistert er, der in der Nähe des Flughafens aufwächst, sich für die Luftfahrt. "Ich war elektrisiert", erinnert er sich später. "Der Flughafen wurde mein Spielplatz." Er treibt sich bei den Bodencrews herum, übernimmt kleinere Arbeiten. Als Teenager erwacht seine Leidenschaft für die Popmusik, Art Garfunkel, die eine Hälfte des weltberühmten Duos Simon & Garfunkel, ist sein Cousin. Doch Pearlmans erste Versuche als Manager und Gitarrist einer Band scheitern. Nach dem Studium am Queens College in New York schmiedet er hochtrabende Pläne: Sein erstes Projekt ist ein Helikopter-Service, später gewinnt er den deutschen Luftschiffpionier Theodor Wüllenkemper als Geschäftspartner. Es gibt Rückschläge - Luftschiffabstürze, Unregelmäßigkeiten, Gerichtsverfahren -, aber Pearlman kommt immer wieder auf die Beine. Schon da zeigt sich sein größtes geschäftliches Talent: Der blasse Mann mit dem schütteren roten Haar weiß seine Zuhörer zu begeistern, mitzureißen, zu überzeugen. Geschäftspartner bescheinigen ihm das Charisma und die Überzeugungskraft eines Fernsehpredigers.

Helmut

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