Zeichnen und Wunder

In den Achtzigern war JULIAN SCHNABEL, 57, der Macho unter den Malerfürsten. Jetzt hat der Amerikaner den berührendsten Film des Jahres gedreht. Porträt eines zweifachen Leinwandhelden

 

Verschwommen nimmt er das Zimmer wahr, Menschen um ihn herum, Geräte. „Sie sind im Krankenhaus“, sagt ein Arzt, ob er seinen Namen nennen könne. Er sagt ihn, ohne zu zögern, dann den seiner Frau und der Kinder. Er redet weiter und weiter, bis er begreift: Nichts von dem, was er sagt, kommt an, seine Worte hört nur er. Und bewegen kann er sich auch nicht – nur blinzeln, das kann er, mit dem linken Auge. So beginnt „Schmetterling und Taucherglocke“, ein Film, der die wahre Geschichte von Jean-Dominique Bauby erzählt, viele Jahre Chefredakteur der französischen Elle, der mit 43 Jahren einen Schlaganfall erlitt, zwei Wochen ins Koma fiel und in einem Spital an der französischen Atlantikküste erwachte, beinah vollständig gelähmt. Und es ist ein Film, der Julian Schnabel, den Malerstar der 80er-Jahre, als großartigen Regisseur etabliert. Als jemanden, der etwas wagt; der seinen Bildern vertraut, ohne sie mit Wortbrei zuzukleistern; der dem Kameramann zumutet, die Hälfte von Gesichtern abzuschneiden, weil so eingeschränkt eben das Blickfeld eines Gelähmten ist; der sich traut, seinen Hauptdarsteller zum ersten Mal nach einer Dreiviertelstunde zu zeigen – so lang wird die Geschichte fast ausschließlich aus dessen Perspektive erzählt, der Zuschauer leidet klaustrophobisch mit. Etwa als sich der Augenarzt nähert, der Bauby sein rechtes Auge zunähen wird, nachdem es sich entzündet hat. Mit dickem Zwirn, als wolle er Socken stopfen. Schon sticht er zu, das Fenster zur Außenwelt wird immer kleiner, und der Arzt macht blöde Konversation über seinen Skiurlaub. Mit einem speziellen Alphabet, das mit den am häufigsten benutzten Buchstaben beginnt, lernt Bauby, sich per Lidschlag mitzuteilen. E-S-A-R-I-N-T-U-L – liest ihm die Sprachtherapeutin vor, und er blinzelt, Hunderte, Tausende Male am Tag, einmal blinzeln heißt ja, zweimal nein. Der erste Satz, den er auf diese Weise buchstabiert, lautet: „Ich will sterben.“ Aber er fängt sich. Und beginnt zu kämpfen. Schließlich entscheidet er, ein Buch zu diktieren über sein neues Leben „unter der Taucherglocke“, Buchstaben für Buchstaben blinzelnd. Wenige Tage, nachdem es erschienen ist, stirbt Bauby, nach einem Jahr und drei Monaten der Lähmung. Sein Buch wird ein Bestseller. In der Verfilmung sollte eigentlich Johnny Depp die Hauptrolle spielen, er war aber verhindert, Schnabel wählte den außerhalb Frankreichs fast unbekannten Schauspieler Mathieu Amalric, auch sonst verzichtete er auf große Namen. Er entschied sich außerdem dafür, den Film auf Französisch mit englischen Untertiteln zu drehen, alles andere, fand er, hätte unecht gewirkt. Das bei einem Stoff, der ohnehin viele Zuschauer abschreckt – es gehört viel Mut dazu, diese Entscheidung durchzusetzen. „Man muss wissen, welche Schlacht sich zu kämpfen lohnt“, sagt Schnabel. Er jedenfalls habe vor den Dreharbeiten kaum ein Wort Französisch gesprochen, nach einem Monat habe er sich fließend unterhalten können. Think big, anders hat Julian Schnabel nie funktioniert. Und übersehen kann man den Künstler sowieso nicht. Wenn er ausgeht, trägt er meist Schlafanzüge, aus denen das dichte Brusthaar quillt, dazu eine Brille mit gelbgetönten Gläsern. Bei Interviews legt er sich schon mal auf den Boden, eine Diva im Holzfällerhemd; wenn er am Drehort nicht gut schläft, lässt er sich Bettdecken und Kissen aus New York schicken. Schnabel hat „Schmetterlinge und Taucherglocke“ so gemacht wie eigentlich alles in seinem Leben: indem er nur auf sich gehört hat. Und so ist es ein zwar unendlich trauriger, aber doch auch lustiger Film geworden, eine Ode an das Leben, an die Liebe – und an die Freiheit.

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Es ist auch ein Denkmal für den außerordentlichen Menschen Jean-Dominique Bauby. Der weigerte sich, die Lähmung hinzunehmen, und besann sich auf das, was ihm geblieben war: sein Humor und die Bilder in seinem Kopf. Und so lässt Schnabel ihn reisen, zurück in seine wilde, schnelle Vergangenheit, zu seinen Frauen, den Kindern, zu verführerischen Austerngelagen in herrlichen Restaurants. Die zärtlichsten Momente aber spielen sich in der Gefangenschaft des Krankenhauses ab. Und Schnabel, das ewige Großmaul, der prahlende Tausendsassa, kann plötzlich so leise sein, wie es ihm vielleicht nur die zugetraut haben, die ihn gut kennen, die wissen, dass er vor allem ein Familienmensch ist, der den alten Vater pflegte, bis er mit 92 an Krebs starb; der fünf Kinder hat, die er vergöttert, eine wunderschöne Frau, die er liebt, und eine ebenso schöne Ex-Frau, die nach wie vor eine gute Freundin ist. Wenn Schnabel zu seinen berühmten Partys einlädt, dann tanzen sie alle zusammen und liegen sich in den Armen. Familie, das sind auch Lou Reed und Dennis Hopper und Johnny Depp und all die vielen anderen, die bei ihm ein- und ausgehen und in den riesigen Sesseln vor dem Kamin sitzen, unter Gemälden von Picasso, Man Ray und dem Hausherrn selbst. Julian Schnabel wohnt im West Village in einem Haus, das so wenig zu übersehen ist wie er: schreiend pink ist es und turmhoch. „Palazzo Chupi“ hat er drangeschrieben, die Nachbarn haben ein Jahr lang versucht, das Gebäude zu verhindern, nun geht die zornige Debatte im Internet weiter – schon darüber, was chupi bedeutet. Italienisch sei es nicht, weiß einer, ein anderer meint, es heiße „Küsse“ auf Spanisch, „Unterhosen“ auf Swahili. Noch sind einige Etagen zu vermieten, mal heißt es, Richard Gere werde einziehen, dann Bono. Julian Schnabel kam in Brooklyn zur Welt, vor 57 Jahren, das jüngste von drei Kindern. Später zog die Familie nach Texas, der Vater, ein tschechischer Einwanderer, handelte dort mit gebrauchten Kleidern. Julian surfte, malte und studierte dann in Houston Kunst, Mitte der 70er kehrte er mit einem Stipendium zurück nach New York. Auf einer ausgedehnten Europareise entdeckte er die Mosaike von Gaudi; nach seiner Rückkehr kaufte er bei der Salvation Army ein paar Kartons Teller und begann mit Scherben zu experimentieren, auf Flächen groß wie Lkws. 1979 verkaufte die Galeristin Mary Boone alle Tellerbilder Schnabels in seiner ersten Einzelschau. Zwei Jahre später stellte sie ihn zusammen mit dem berühmten Leo Castelli aus, dem Galeristen von Warhol und Liechtenstein, das war sein Durchbruch. Er wurde zum Superstar einer neoexpressionistischen Malerei, galt bald als einer der bestbezahlten Künstler der amerikanischen Gegenwart, die berühmtesten Museen der Welt rissen sich um ihn. Er war kaum 35, da schrieb er seine Autobiografie. Er malte Könige, Heilige, Gott und sich selbst, dazu Riesenphalli und Geweihe, drückte ganze Farbtuben auf Leinwände, Samt und Kuhhäute. Bald war der barocke Selbstvermarkter in New York Stadtgespräch, seine Ausstellungen ausverkauft, bevor sie eröffnet waren, lange Wartelisten existierten, großspurig verglich er sich mit Picasso. Schon 1985 nennt ihn Vanity Fair „das Enfant terrible“, „den John McEnroe der zeitgenössischen Malerei“, Helmut Newton fotografierte ihn in Beverly Hills. Gleichzeitig wurde er geschmäht als oberflächlicher Macho und Scharlatan, als überschätzter Plünderer der Kunstgeschichte. Der einflussreiche Kritiker Robert Hughes schrieb 1987: „Schnabels Werk bedeutet für die Malerei das Gleiche wie Stallone für die Schauspielerei – das Zurschaustellen öliger Brustmuskeln. Nur dass Schnabel noch ein wenig dicker aufträgt.“ Ein Kritiker des Guardian urteilte 2003: „Alles, was Schnabel tut, bedeutet nur eines: Seine Zeit ist vorbei.“ Roberta Smith von der New York Times schimpfte ihn im selben Jahr einen „ehemaligen Kunststar“. Seine Bilder erzielten weiter Rekordpreise (vor eineinhalb Jahren wurde ein Frühwerk für 822400 Dollar versteigert), aber viele hatten ihn abgeschrieben als Relikt der 80er-Jahre.

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