Neues vom Trixxer
Er kann Geschäftsleuten Millionen aus der Tasche zaubern. Und mit Firmen jonglieren, die es gar nicht gibt. Er überlebte Riesenpleiten und kürzlich sogar einen Flugzeugabsturz. Jetzt ist LARS WINDHORST wieder da. Wer weint, wer lacht?
Als es mal wieder eng wird in seinem Leben, ist Lars Windhorst nicht dabei: Es ist der 22. März 2004, es ist zehn Uhr morgens, zwei Polizisten stehen mit einem Durchsuchungsbefehl vor seiner Wohnung im Grunewald in Berlin. Eine friedliche, wohlhabende Gegend, mit großzügigen Villen auf ausgedehnten Grundstücken, Straßen mit alten Bäumen, in deren Ästen sich das Licht der Frühlingssonne bricht. Eine Gegend, wo tagsüber schöne junge Mütter mit Kind und Hund spazieren gehen oder im Gelände-wagen einkaufen fahren. Das Haus ist ein weißer Villenneubau, bodentiefe Fenster, graue Fensterläden, auf den Terrassen ordentlich geschnittene Buchsbaumkugeln in Terracottatöpfen, Überwachungskamera. Kein Name auf dem Klingelschild. Lars Windhorst bewohnt die ganze erste Etage, „alles äußerst gepflegt“, notieren die Beamten. Die Haushälterin ist da, eine ältere Dame, ruft man sie heute an, sagt sie, sie arbeite da nicht mehr und wolle „mit dem ganzen Pack“ nichts mehr zu tun haben. Und eine Svetlana T. ist da, acht Jahre älter als Windhorst, geboren in Tscheljabinsk, einer Stadt irgendwo am Ural, gemeldet in Moskau. „Windhorsts Freundin“, schreiben die Beamten in ihren Durchsuchungsbericht und: „Frau T. spricht kein Deutsch und zog die Unterhaltung durch CNN einer Teilnahme an der Durchsuchung vor.“ Den Fernseher hat der Gerichtsvollzieher stehen lassen, der ein paar Monate vorher da war. Eineinhalb Stunden durchwühlen die Polizisten die Wohnung, sie finden einen einzigen Aktenordner und im Keller schließlich einen Karton mit Papieren, die auf Konten hinweisen. Die Reste des Windhorst-Imperiums. Lars Windhorst war damals gerade 27 und hatte schon zwei Leben hinter sich. Leben Nummer eins: das Wunderkind der deutschen Wirtschaft, der „Solche Leute braucht das Land“-Junge von Helmut Kohl. Leben Nummer zwei: der New-Economy-Unternehmer, der am Ende eine spektakuläre 80-Millionen-Euro-Pleite hinlegte. Jetzt ist er 31, jetzt lebt er Leben Nummer drei. Für einen schwerreichen Londoner Investor steigt er in Deutschland groß bei Unternehmen ein, zuletzt bei Air Berlin. Lars Windhorst ist einer, der überlebt. Die schlechte Presse, die Schulden, die Gerichtsprozesse. Und den Absturz seiner Challenger in Kasachstan am zweiten Weihnachtstag. Es ist nicht zu fassen: Wenn man an einem Donnerstag Ende Januar 2008 Lars Windhorst auf seinem Handy anruft, ist alles wie immer. Man hat eine Allison an der Strippe, die einem erzählt, dass er gerade in einem Meeting sei, und man möge doch bitte eine Mail schicken. Nach wie vor wohnt er in der Wohnung im Grunewald. Überall in Berlin sieht man ihn, da, wo man sich halt so trifft, meist zusammen mit ein paar anderen, die aussehen wie Geschäftsleute. Und seine Kreditkarten werden auch wieder genommen. Neulich im Borchardt, neulich im Adlon, neulich im Grill Royal, neulich im China Club. Immer steht er da, sehr gerade und größer, als man ihn sich nach den Fotos vorstellt, aber genauso schmalbrüstig. Immer ist er sehr korrekt gekleidet, immer ist der oberste Knopf des Anzugs geschlossen, immer Krawatte, die Haare immer ganz exakt. Er hat nicht mehr diese Pausbäckchen, er spricht nicht mehr ganz so haspelig wie früher, aber jeder, der über ihn spricht, sagt dann doch irgendwann das Wort „Milchbubi“. Nie sieht man ihn laut lachen, allenfalls mal lächeln.
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Mit der Öffentlichkeit will Lars Windhorst nichts mehr zu tun haben; er gibt derzeit keine Interviews, auf die Anfrage kommt nur der dürre Satz zurück: „Leider kann er Ihnen nicht zur Verfügung stehen, da es nach wie vor Firmenpolitik ist, sich nicht in der Öffentlichkeit zur Anlagestrategie und zum Beteiligungsportfolio sowie zu privaten Fragen über die Geschäftsführer zu äußern.“ Man hoffe auf Verständnis. Und von seinem Chef in London hört man, man habe kein Interesse an Geschichten nach dem Motto „Das Wunderkind, das Probleme hatte und jetzt wieder da ist“. Denn so einfach ist das nicht. Es gibt Banker, die nicht mit ihm reden, geschweige denn mit ihm gesehen werden, die nicht mal in seinem Adressbuch landen wollen. „Der würde bei keinem in der etablierten Geschäftswelt einen Termin kriegen, der Ruf ist miserabel“, sagt einer. Viele, die ihn früher großgemacht haben, wollen heute lieber nicht mehr genannt werden, sie alle stehen ein bisschen blamiert da. Und noch immer laufen die Ermittlungen der Staatsanwälte gegen ihn wegen Betrugs. Eine Zeitbombe. Rahden, ein Kaff im Weserbergland, eine Stunde Autofahrt südlich von Hannover. Ein paar Bauernhöfe, ein paar bescheidene Einfamilienhäuser, ein paar Tausend Einwohner, rundherum Wiesen und Felder, solide, Provinz. Lars Windhorst ist hier aufgewachsen. Er hat hier einen Vater, der Radiergummis verkauft, eine Mutter, die Kuchen backt. Am Ortsrand ein klotziges Gebäude mit Glasfassade: das Windhorst Center. 600 Leute hätten hier arbeiten sollen. Heute steht der Bau leer, ein Monument des Scheiterns. „Wirtschaftswunderkind? Hahaha!“, Wilhelm Windhorst kann nur lachen, abfällig, als man ihn fragt, ob er stolz auf seinen Sohn sei. Der Mann steht da in seinem Laden, zwischen Schulheften, Leitz-Ordnern und Buntstiften, schlank, graue Haare, ordentlich rasiert, leise, zurückhaltend, einer, der seine Ruhe haben will. Über seinen Sohn will er nicht sprechen: „Wir haben keinen Kontakt“, sagt er. „Er ist erwachsen, er muss wissen, was er tut.“ Dann fordert er einen auf zu gehen. Ursula Windhorst ist zu Hause, sie war Lehrerin, jetzt ist sie pensioniert. Eine kleine Frau mit kurzen dunklen Haaren und Birkenstocks, die sehr lieb wirkt, und man spürt, wie sie an ihrem Sohn hängt. Aber: Der Lars habe ausdrücklich den Wunsch, dass die Eltern nichts öffentlich sagen, auch sie wolle sich nicht mehr äußern. Wie es ihm geht? „Fragen Sie ihn doch selbst, ich sage nichts mehr“, sagt sie. Die Familie wohnt ein bisschen außerhalb, in einem von diesen weiß verputzten, spitzgiebeligen Häusern, hohe Buchenhecke, Jägerzaun. In der Garage steht ein blauer VW Polo. Lars Windhorst war Weihnachten hier. Es gab eine Zeit, da nahm der Vater stolz für seinen gerade 16 Jahre alten Sohn 100000 Mark Kredit als Startkapital auf, und die Mutter machte sich liebevoll Gedanken, er solle nicht so viel Pizza essen und mehr Sport treiben, und gab ihm jeden Morgen eine Banane mit ins Büro. Und das stand dann in den Zeitungen und Magazinen der Republik. Lars Windhorst, der Junge, der mit 14 schon elektronische Bauteile aus China einführte, der die Schule abbrach, um Computer zusammenzubauen. Einer, der mit nichts anfing und antrat, einen globalen Konzern aufzuziehen, „besessen von der Idee“, wie viele sagen, „eine große Firma zu haben“. Sein Büro in einem Container, vor der Tür dann bald den 500er Mercedes mit Rudi, dem Fahrer. An der Wand eine Übersicht über 21 Firmen, alle von ihm gegründet, Rahden, Hongkong, London, Lissabon, Frankreich, Vietnam.
