Florida? Floripa!

Wäre diese brasilianische Insel ein Restaurant, dann wäre sie ein 5-Sterne-Fischrestaurant mit Meerblick rundum, in dem Hippies und Schickies unordinär den Sex feiern und die Kellner auch ohne Trinkgeld herzlich lächeln. Und das, Leute, das ist noch die nüchterne Sicht

 

Der König von Floripa heißt Guga und schüttelt jetzt den Kopf. Nein, ein Ass im Tennis könne man nicht mit einer abgerittenen Welle vergleichen. Das müsste schon ein ganz besonderes sein, etwa der Matchball auf dem Centre Court von Paris. Gustavo „Guga“ Kuerten, 31, kann das sagen, denn er ist Surfer aus Berufung und Tennisstar von Beruf. Blaues Blut hat er nicht, für die Menschen der Insel Floripa ist Guga trotzdem mehr King als Elvis Presley. Unter den Reifen des Range Rover knirscht Kies, wir fahren nach Cacupé im Westen, zu einem der 42 Strände. Gebürtige Floripianer wie Kuerten reden über ihre praias, als hätten die Strände unterschiedliche Charaktere, als wären sie Fußballer, mal besser in Form, mal schlechter. König Gugas neue Tenniskleider sollen fotografiert werden, und die Abendsonne, die im ruhigen Wasser badet, bietet das richtige Licht. Am Steuer sitzt der Bruder und Manager, daneben die aktuelle Prinzessin, Letizia, ach, wie gern würde sie Königin werden. Kuerten war die Nummer eins der Welt, hat dreimal die French Open gewonnen und 14 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt. Warum ist er nicht nach Monaco gegangen, zum Steuernsparen, wie die Kollegen? „Ich glaube, dass der liebe Gott auch Urlaub macht, von Zeit zu Zeit. Und damit er sich an einem angemessenen Ort ausruhen kann, hat er Floripa geschaffen. Also warum soll ich aus dem Paradies wegziehen?“ Sein Paradies ist die Insel Santa Catarina im gleichnamigen Bundesstaat in Südbrasilien, von allen nur Floripa genannt, Kurzform von Florianópolis, der Hauptstadt. Floripa liegt im Atlantik, eine Flugstunde südlich von São Paulo, eine nördlich von Porto Alegre; 438 Quadratkilometer groß, 12 Distrikte, 400000 Einwohner, in der Saison zwischen Weihnachten und Karnival werden es eine Million. Vom Süden in den Norden sind es 53 Kilometer. Und Welten. Der Süden ist unberührte Natur, der Norden das Beverly Hills Südamerikas. In der Inselmitte erstreckt sich eine Lagune, groß wie der Starnberger See, die Lagoa de Conceição. An ihrem nördlichen Ende liegen Fischerdörfer, zu denen man nur per Boot oder Wanderung kommt. Im Zentrum an der Lagune wohnen Surfer und Hippies. Es gibt Regenwald und Dünen, Wind und Wellen, Berge und Strand, arm und sehr reich. In Floripa herrscht die Demokratie der Freude – kein Strand ist privat, kein Anblick reserviert, kein Fest limitiert. „Floripa hat Ibiza und Punta del Este den Rang abgelaufen. Die Insel ist vielfältiger. Die Partys sind heißer, die Strände ein Traum, es ist günstig und sicher, und die Frauen, was soll ich sagen, da kann auch Miami nicht mithalten“, sagt Jeffrey Jah. Mit seiner Freundin Renata, einem brasilianischen Topmodel, ist der Nachtlebenmacher gerade aus New York angekommen, kurz vor Weihnachten beginnt die Hauptsaison der Vergnügungsjunkies. Seit vergangenem Jahr ist Jah am Beachclub Café de la Musique beteiligt und auch an der Disco KM7 im Norden, in Jurerê Internacional. Hier stehen Häuser, die unter acht Millionen Dollar nicht zu haben sind, hier vergnügt sich die Hautevolee aus Buenos Aires und die Feiermeute aus São Paulo, die Paulistas, wie sich die Schickeria von dort nennt. Das ist Jahs Welt. Der Kanadier, der seit Mitte der 80er-Jahre in New York lebt, veranstaltet Modenschauen und ist Mitbesitzer von Lotus, einem der bekanntesten Clubs in Manhattan. Wenn seine internationale Partygemeinde irgendwo einfällt, garantiert Jah, dass die Magnum-Champagnerflaschen und die Ferraris bereitstehen. Und wenn sein Freund Leonardo DiCaprio in New York feiern will, dann ruft er Jah an. Schön, aber was will Jah dann in Floripa?

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„Renata kommt aus Floripa, als sie mich das erste Mal mitgenommen hat, hat mich das Fieber gepackt. Ich wusste, dass ich an einem Ort bin, dessen Schönheit in einigen Jahren den Jetset anziehen wird. Ich musste sofort loslegen“, sagt Jah. Modeschöpfer Calvin Klein, Songwriter Ben Harper und Schauspieler Jared Leto waren schon da, Gisele Bündchen kommt seit Jahren. Die Insel sei wie Rio vor 20 Jahren, sagt der brasilianische Designer Carlos Miele, der auch in New York lebt, aber ein Haus an der Lagune besitzt. „Das Leben ist leicht, und die Menschen sind die schönsten von Brasilien.“ Stimmt. Nicht ein Lineal passt zwischen die schwarzen Hotpants und die braunen Oberschenkel von Camila, einer Journalismusstudentin. Mit zwei Freundinnen tanzt sie im El Divino, dem Nachtclub in Downtown, zu Favela-Hiphop. Unterhalb der Gürtellinie beginnt für viele Brasilianerinnen der Ernst des Lebens. Tagsüber wird ihr Po in Stringtangas gesteckt und in die Sonne gestreckt, abends dann so verpackt, dass die Männer sich vergessen. Und die, mit denen es die Natur nicht so gut gemeint hat, die legen sich unters Messer, was Ende des Jahres dazu führte, dass es in Brasilien kein Silikon mehr gab und es importiert werden musste. Lohn der Mühe ist die Frage, auf die alle warten: „Sind Sie Model?“ Der DJ spielt den „Rap das Armas“, den Rap der Waffen, es geht drunter und drüber, dabei aber nie ordinär zu. Für Hormonschübe gibt es Honeymoon-Hotels, die stundenweise Zimmer vermieten, viele Brasilianer leben bis zur Heirat bei ihren Eltern. In einer Couchecke steht der weiße Amerikaner Hans und wirkt mit seinem kahl geschorenen Kopf wie ein Tourist. Ist er aber nicht. Er ist einer der Strippenzieher in Floripa. Seine Freundin, eine dunkle Schönheit namens Tatiana, schüttelt ihren Körper wie eine Marionette. Um das Paar gruppieren sich Feierwütige aus Chile, England und Australien. Die Gläser sind nie leer. Man solle ihn morgen in seinem Haus besuchen, sagt der kahle Hans, da könne er das Phänomen Floripa in gebotener Ruhe erklären. Gesagt, getan. Oben im Schlafzimmer macht sich Tatiana noch für das Foto schick, es war etwas spät letzte Nacht. Hans Keeling, 31, wartet in der Küche und erzählt seine Geschichte: Er suchte sein Glück und fand es lange nicht. Nicht in Princeton, nicht in Stanford, nicht auf der UCLA, auch nicht in der Anwaltskanzlei, in der er nach seiner Promotion Partner und reich wurde. Die Kanzlei schickte ihn 2004 nach Rio, und an einem Wochenende kam er dann nach Floripa, nur so, zum Surfen. Der gebürtige Kalifornier mit der deutschen Großmutter verliebte sich in die Insel, rief seine Kanzlei an und kündigte. „Ich habe meine Ersparnisse in das Grundstück hier am Praia Mole gesteckt“, sagt er. Praia Mole heißt übersetzt der weiche Strand, weil der Sand sich um die Füße schmiegt wie Samt. Marihuana liegt in der Luft wie die Gischt auf den Wellen, hier treffen sich die Surfer und die, die gern Surfer wären, zum Schauliegen, Flirten, Bier trinken. Keeling hat ein Grundstück am Berg über dem Strand gekauft, sein Haus und drei weitere Luxusvillen gebaut, die zum Verkauf stehen. Der Wert der Immobilien in Floripa wuchs in den vergangenen zwei Jahren um 250 Prozent, Keeling hat ausgesorgt. „Es ist seltsam, dass ich mehr verdiene, seit ich ausgestiegen bin“, sagt er, „aber Glück ist nicht nur der Blick aufs Konto, Glück ist, wenn ich morgens auf die Wellen schaue.“

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