GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT

Die Schwägerin des Kronprinzen begeht Selbstmord, und GANZ SPANIEN errichtet freiwillig eine Mauer des Schweigens um sein Königshaus. Niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Schon die Neugier des deutschen Reporters ist eine schwere Beleidigung der DISKRETESTEN europäischen Monarchie

Der erste Weg führt zum Palast. Zarzuela heißt der und liegt etwas außerhalb von Spaniens Hauptstadt. Genaueres wissen sie nicht, die Madrilenen, denn Normalsterbliche kommen da nicht hin und haben ihrer Meinung nach dort auch nichts zu suchen. Im ruhigen Mittagsverkehr geht es vorbei an Bellas Vistas, dem Stadtviertel der schönen Aussichten und des alten Geldadels. Über die Calle de Francos Rodríguez auf die A-6, Richtung La Coruña, zehn Minuten Fahrt, Ausfahrt Nummer 12 namens „Le Florida“ im Bezirk El Pardo. Eine Luxus-Wohnanlage, die nur tagsüber der Öffentlichkeit zugänglich ist, hohe Mauern, vor den Garagen Porsche Cayenne Turbos. Kein Schild, kein Hinweis, nicht einmal einer der vielen fleißigen Gärtner weiß, wo sein König wohnt. Gut, dass es beim Müll keine Standesunterschiede gibt; der Mann von der Stadtreinigung zeigt den Weg. Eine Auffahrt wie auf einen Golfcourse, vor dem Grün ein Schlagbaum, Wachhäuschen, Sicherheitsbeamte, auf langen Metallpfosten surrende Kameras. Vom Palast weit und breit nichts zu sehen. Monarchie real – ziemlich desillusionierend. Ein Wächter marschiert ans Fenster. Wo man hinwolle? Zum Palast, zum Pressechef Juan González-Cebrián Tello. Am 7. Februar 2007, einem Mittwoch, wurde Erika Ortiz, die jüngste Schwester von Prinzessin Letizia, 34, gegen Mittag tot in ihrer Wohnung aufgefunden – der Wohnung, in der Letizia Ortiz lebte, bevor sie Prinzessin von Asturien wurde. Der Körper der Künstlerin, die sich seit einigen Tagen bei ihrem Arbeitgeber Globomedia, wo sie als Setdesignerin tätig war, krankgemeldet hatte, war schon lange kalt. Am Abend zuvor soll die 31-Jährige sich mit Beruhigungsmitteln das Leben genommen haben.

Beim Namen Erika Ortiz verzieht der Sicherheitsbeamte sein Gesicht, winkt ab. Man solle sich schleichen, und zwar rápido. Ob er nicht den Pressechef anrufen könne, vielleicht einen Termin für später ausmachen? Mit der Hand zeigt er Richtung Ausfahrt, den Kopf angewidert in die andere Richtung gedreht. Fehlt nur, dass er auf die Windschutzscheibe spuckt. Auch beim Anrufversuch vom eigenen Telefon ist González- Cebrián Tello nicht zu sprechen, in dieser Angelegenheit nicht. Die Familie Ortiz Rocasolano kommt ursprünglich aus Oviedo, Asturien. Vater Jesús, 57, ist Journalist, Mutter Paloma, 53, Gewerkschafterin und Krankenschwester. Die Eltern legten Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Töchter, Letizia, Telma und Erika. Letizia moderierte bereits mit elf Jahren eine Hörfunksendung, ihr Vorbild war ihre Großmutter, Menchu Álvarez del Valle, eine bekannte Radiomoderatorin in Asturien. 1998 heiratete Letizia ihren Kollegen Alonso Guerrero; schon nach weniger als einem Jahr wurde die Ehe wieder geschieden. Erika, das Nesthäkchen, war weniger an der Karriere, dafür an den schönen Künsten interessiert. 1995 ging sie als Austauschstudentin für ein Jahr an die Berliner Universität, ein Erlebnis, das sie später als „meine schönste Zeit“ bezeichnete. Die Ehe von Jesús und Paloma wurde geschieden; der Vater heiratete zum zweiten Mal. „Eine bodenständige Familie, die es zu etwas bringen wollte“, nennt Mariló Suárez, 49, den Ortiz-Clan. Suárez, eine bekannte Journalistin, ebenfalls aus Asturien, kennt die Familie seit vielen Jahren und hat ein Buch über sie geschrieben: „Los Ortiz“. „Sie mussten hart arbeiten, haben nichts geschenkt bekommen“, sagt Mariló Suárez. Das gilt vor allem für Letizia, die zielstrebig und schnell ihre Karriere als Fernsehjournalistin bei CNN und TVE in Angriff nahm.