Ein Mann, ein Mord, ein Rätsel

Am 7. November 1974 wollte LORD LUCAN seine Frau erschlagen, doch versehentlich tötete er das Kindermädchen. Seitdem ist er verschwunden. Oder war alles ganz anders? Helge Hopp über einen unfassbaren Fall.

 

Düster war dieser 7. November 1974, diesig und für die Jahreszeit zu milde. Die Schlagzeilen wurden vom Einbruch in die Privatwohnung des Premierministers Harold Wilson beherrscht, bei dem die Täter dessen Steuerunterlagen stahlen. Bald sollte ein anderes Verbrechen die Titelseiten beherrschen: Der „Fall Lucan“, dessen Geschichte sich liest, als sei eine übermütige Agatha Christie ein letztes Mal zu großer Form aufgelaufen. Der Fall heißt nach dem mutmaßlichen Täter, weil dieser nicht nur wesentlich prominenter war und ist als das Opfer, sondern auch noch seitdem verschwunden ist. Das Geschehen, dessen verästelte Vorgeschichte noch zu betrachten sein wird, beginnt kurz nach 21 Uhr. Schauplatz ist das sechsgeschossige Haus Nr. 46 in der Lower Belgrave Street, ein Backsteinbau mit Rundbogenfenstern und schmiedeeisernen Balkongittern im Londoner Nobelviertel Belgravia.

Fast 15 Minuten wartet Lady Lucan bereits auf ihren Abendtee. Doch Sandra Rivett, das neue, 29 Jahre alte, etwas zu hübsche, etwas zu lebenslustige Kindermädchen, gerade erst seit acht Wochen bei Lady Lucan in Stellung, kommt nicht zurück. Nun gut, vielleicht hat sie wenig Lust, bereitet Lady Lucan sich diesen Neunuhrtee doch schließlich sonst immer selbst zu. Mit einem Seufzer macht sich die 37-jährige Dame des Hauses auf den Weg vom ersten Stock ins Souterrain, wo die Küche liegt. Im Erdgeschoss dreht Lady Lucan am Lichtschalter, aber die Lampe bleibt dunkel. Die Glühbirne war herausgedreht worden, sollte Scotland Yard später mitteilen. Sie ruft nach Sandra. Keine Antwort. Als Lady Lucan ein schwaches Stöhnen vernimmt, werden ihre Schritte kürzer. Kurz darauf, sie ist gerade am Treppenabsatz, spürt sie einen harten Schlag auf den Hinterkopf, eine strenge Stimme raunt: „Halt’s Maul!“ Aber Lady Lucan ist trotz zarter Statur eine zähe Person. Sie kämpft. Der Angreifer versucht, ihr einen spitzen Gegenstand in die Augen zu rammen; als das misslingt, setzt er zum Erwürgen an. Doch der Überraschungseffekt ist verpufft, als die Lady wenig ladylike dem Kontrahenten zwischen die Beine greift und dessen Hoden quetscht.

Im Souterrain, und hier handelt es sich um die vorerst letzte gesicherte Information, liegt in einem US-Postsack die Leiche Sandra Rivetts, erschlagen mit einem abgesägten, 23 cm langen und ein Kilo schweren Teil eines Metallrohrs, dies wiederum mit Heftpflastern umwickelt. Die gerichtliche Untersuchung wird feststellen, dass die Nanny, selbst alleinerziehende Mutter eines Sohnes, nach den Worten ihrer Freunde „ein Mädchen, das immer für einen Spaß zu haben war“, letztlich an ihrem eigenen Blut erstickte.

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Für die weiteren Ereignisse muss Lady Lucan, geboren als Veronica Duncan, als einzige Zeugin dienen. Glaubt man ihr, hat sie bereits während des Kampfes erkannt, wer der Gegner war: Lord Lucan, ihr jähzorniger Mann, der seit Januar 1973 – nach gut neun Jahren Ehe – getrennt von der Familie wohnt, aber noch im Besitz eines Hausschlüssels ist. Ihr Gatte ist Lady Lucan im Zuge der immer erbitterter geführten Sorgerechtsprozesse nurmehr in heftiger Feindschaft verbunden. Lady Lucan ist sicher: „Ich kannte seine Stimme, da reichte dieses kurze ,Halt’s Maul!‘, und ich wusste, dass er es war, wegen des Geruchs – eine Frau kennt den Geruch ihres Mannes.“ Ihre Version sagt, dass sie den Gatten beruhigen konnte. Er habe ihr gestanden, das Kindermädchen aus Versehen getötet zu haben, statt ihrer. „Sie hatte genau meine Größe, wie ich rötliche Haare und eine sehr ähnliche Figur.“

Lady Lucan, so ihre Schilderung, blutete stark, ging mit dem Gatten nach oben und tat so, als wollte sie ihm helfen. Man erörterte, wie Rivetts Leiche wegzuschaffen sei, wie man die Kinder beruhigen und Lady Lucans Wunden versorgen könne. Der Lord holte Handtücher, um der Lady Blutungen zu stillen. Sie floh. An der nächsten Straßenecke taumelte sie in den Pub Plumber’s Arms (Hausmotto: „Gerechtigkeit und Frieden“), rief in das verrauchte Gemurmel, sie sei mit Müh und Not einem Mörder entkommen, das Kindermädchen tot, die Kinder in Gefahr… Lady Lucan sank auf ein Sofa und verlor das Bewusstsein. Die Lady wurde ins St. George-Krankenhaus gebracht, die Polizei alarmiert. Sie kam schnell, fand die Rivett-Leiche als auch die unversehrten Kinder, dazu Scherben, Splitter sowie jede Menge weiterer Kampfspuren – offenbar hatte der ungeübte Täter im Halbdunkel oft zu- und öfter noch danebengeschlagen – und noch viel mehr Blut. Hingegen fand sie weder Indizien für ein gewaltsames Eindringen in das Haus noch gar Lord Lucan, weder am Tatort noch in seiner kleinen Wohnung in der Elizabeth Street, einige Gehminuten entfernt.

Seine Frau, die sich – des Prinzips „Kein Totenschein ohne Leiche“ wegen – erst seit acht Jahren als Witwe bezeichnen darf, ist sich recht sicher, was am Morgen des 8. November 1974 geschah: „Er wusste, was er sich, seinem Namen, der Ehre seiner Familie schuldig war“, meint die Dame mit brüchiger Stimme, „natürlich hat er sich umgebracht.“ Nein, Interviews wolle sie, die 70-Jährige, die heute ausgerechnet im kleinen Dienstbotenhaus wohnt, das an die Rückseite der Nr. 46 Lower Belgrave Street anschließt, eigentlich nicht geben. Auch keine Fotos, bitte – aber ein paar Fragen könne der neugierige Gast aus Deutschland wohl stellen. In Nr. 5 Eaton Row, wo selbst tagsüber schwere Vorhänge nicht bloß Blicke, sondern auch fast alles Licht fernhalten, ist es eng, stickig. „Mein Sohn ist die größte Enttäuschung meines Lebens“, flüstert die zierliche Lady, deren Leben in Einsamkeit erstarrt wirkt. Ihr Sohn, der 1967 geborene George Bingham, rechtmäßiger wie unwilliger Erbe des Titels „Earl of Lucan“. Er hat, glaubt man Lady Lucan, mithilfe korrupter Ärzte mehrfach versucht, sie zu vergiften, „er hat, als ich 1983/84 im Krankenhaus war, eingebrochen und wichtige Dokumente gestohlen“.

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