Miss Big
Erst Kinderstar, dann "Star Wars", dann nur noch Star. Je größer NATALIE PORTMAN wurde, desto mehr wuchs sie über sich hinaus
Natalie Portman, die Oscar-nominierte galaktische Königin, die seit mehr als der Hälfte ihres jungen Lebens ein Weltstar ist, betritt das kleine türkische Café in der Nähe ihrer Wohnung im New Yorker East Village. Sie kommt allein, ohne jede Entourage. Sie hört geduldig zu, während der Kellner die Spezialitäten des Tages ankündigt, alle mit Fleisch oder Fisch. Sie unterbricht nicht, um mitzuteilen, dass sie Vegetarierin ist, und bestellt schließlich einen Salat und ein Glas Leitungswasser.
Natalie Portman wäre gern Veganerin, aber sie isst Eier. Sie verzichtet auf Leder, trägt aber Wolle. Immerhin hat sie sich geschworen, keine neuen Sachen mehr zu kaufen. „Außer meine Laufschuhe haben Löcher“, sagt sie, „dann müssen neue her.“
Und was ist mit all den Kleidern, die ihr doch bestimmt geschickt werden in der Hoffnung, dass sie die bei einer Premiere oder Gala trägt? „Das schicke ich alles zurück. Die Idee, die hinter Mode steckt, überzeugt mich nicht. Es geht nur darum, dass Menschen Geld ausgeben.“
Gilt das auch für die Sachen von Zac Posen, der Natalie Portman als seine Muse bezeichnet? „Klar. Es ist nur so, dass in den letzten Monaten viele meiner Freunde geheiratet haben.“ Sie lächelt. „Und plötzlich trage ich ganz viele ausgefallene Kleider.“
Doch machen wir uns nichts vor: Momentan geht es weniger darum, was Natalie Portman anzieht. Sondern darum, was sie alles auszieht. Das Aufregende an Wes Andersons neuem Film „The Darjeeling Limited“ ist nämlich „Hotel Chevalier“, Andersons 13-minütiger Vorfilm. Der ist so viel besser als der Hauptfilm. Und: Natalie Portman ist nackt.
„Ich bin nicht ganz nackt“, behauptet Natalie Portman. Nun, das stimmt. Und stimmt nicht. „Hotel Chevalier“ handelt von einem jungen Paar, gespielt von Portman und Jason Schwartzman, das sich zu einem vermutlich letzten Rendezvous trifft. Portman ist rätselhaft, elegant und traurig, Peter Sarstedts Herzschmerz-Ballade „Where Do You Go To (My Lovely)?“ ist der Soundtrack, und wenn sich Portman im Profil an eine Anrichte lehnt, dann posiert sie sehr überlegen und kunstvoll, und ihre Ellbogen verdecken das, was man eben nicht sehen soll – aber sie ist definitiv splitternackt.
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Und dennoch und dennoch… Natalie Portman spielt keine Nacktszenen. Sagt sie. Sagen alle. Was mit ihrem ersten Film zu tun hat, „Léon – Der Profi“ aus dem Jahr 1994. Sie spielte damals ein zwölfjähriges Mädchen, dessen Eltern von korrupten Polizisten ermordet wurden, das nur dank des Auftragskillers Léon (Jean Reno) überlebt und nun eine zwar asexuelle, aber zärtliche Beziehung mit ihm beginnt. Die Reaktion der Medien, das Abrücken von Freunden und jede Menge fieser Briefe änderten zwar nichts an ihrer Liebe zur Schauspielerei, aber: „Ich wollte nichts Provokatives mehr machen, solange ich nicht erwachsen war.“ Natalie Portman, 26 Jahre alt, aber immer noch irgendwie kindlich, beginnt zu zittern. „Es war furchtbar“, sagt sie, „wie sich all diese Spießer ereifert haben. Und wenn man zwölf Jahre alt ist, denkt man ja nicht: ‚Leckt mich.‘ Dann denkt man: ‚Großer Gott, das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe.‘“
Vor und nach „Léon – Der Profi“ gaben sich Portman und ihre Eltern große Mühe, das Richtige zu tun. Gemeinsam entschieden sie sich gegen die Kinderstar-Karriere. Stattdessen ging Natalie weiter zur Schule, geschützt durch ihren tatsächlichen Namen Natalie Hershlag – Portman war der Mädchenname ihrer Großmutter. Sie lehnte die Hauptrolle in „Lolita“ ab. Zu sexy. Und die Königin Amidala in „Star Wars“ verkörperte sie nur unter der Bedingung, dass alle Szenen in den Sommerferien gedreht würden.
Noch weiter aus dem Scheinwerferlicht zog sich Portman zurück, als sie in Harvard Psychologie studierte. „Falls Harvard meine Karriere ruiniert, ist mir das ziemlich egal“, sagte sie zu der Zeit. „Ich bin lieber schlau als ein Star.“
Im Jahr 2004 war sie beides. In dem Film „Hautnah“, einem sexuell aufgeheizten Kammerspiel, in dem vier schöne Menschen (Portman, Julia Roberts, Jude Law und Clive Owen) wechselweise der Liebe und der Lust verfallen, von ihren Partnern aber auch wieder entsorgt werden, bat Natalie Portman Regisseur Mike Nichols, eine Nacktszene zu streichen. Ihr Argument: Die Rolle als pinkhaarige Stripperin sei auch so schon erotisch genug. Sie bekam recht. Erst von Nichols, anschließend von denen, die ihr den Golden Globe verliehen und sie für den Oscar nominierten.
Nichols, der inzwischen zu Portmans besten Freunden gehört, sagt über sie: „Es ist für viele Menschen schwer zu glauben, dass jemand, der so schön ist, auch eine erstklassige Schauspielerin sein kann. Aber das gab es früher auch schon, die Garbo war so ein Fall oder Louise Brooks.“ Portman bezeichnet Nichols wiederum als ihren kreativen Vater: „Er hat mir meinen Glauben an mich selbst zurückgegeben. Und er unterstützt mich: Ohne ihn hätte ich bestimmte Rollen nie bekommen.“
Und Wes Anderson? Hat sie eine überzeugende Erklärung dafür, warum sie bei ihm schwach wurde und sich für die Kamera auszog? „Keine. Außer der, dass ich manchmal etwas an meinen eigenen Regeln herumschraube, Lust an Experimenten habe.“
