Germany's Next Topmodel
Wer in CLAUDIA SCHIFFER nur noch das Gesicht von gestern sah, muss nun erkennen: Ihre guten Zeiten sind vorbei - jetzt kommen DIE BESSEREN. Große Modehäuser wie Chanel feiern die Wiedergeburt des deutschen Wunderfräuleins
Ein Foto. Es hängt bei mir an der Wand und ist eine eigenartige Erinnerung, weil nicht viel zu sehen ist. Ein heller Teppichboden, eine blaue Couch und zwei Füße mit rotlackierten Zehen in weißen Pumps. Es sind Claudia Schiffers Füße, und an der Haltung sieht man, dass sie die Beine übereinandergeschlagen hat. Genau in dieser Sekunde, als Boris Becker neben Claudia Schiffer so was sagte wie „Ähh, ja, die Claudia und ich sind ja die berühmtesten Deutschen, und man sollte, ähhh, ja, etwas dankbarer sein, wir haben ja viel für, ähhh, Deutschland getan“ oder so ähnlich, die üblichen Becker-Blasen eben. Das war an einem Juninachmittag in London, und bemerkenswert war, wie Claudia Schiffer ihre Beine übereinanderschlug, ganz kurz zuckte und einen unsichtbaren Zentimeter zur Seite rutschte, als ob sie dem Becker-Dampf ausweichen wollte. Sie lächelte noch nicht einmal, und das ist, wenn man Claudia Schiffer kennt, schon eine Meinungsäußerung. Becker sagte dann noch: „Claudia und ich sind ja gute Freunde“, aber da lächelte sie auch nicht.
Nun könnte man sagen, dass Boris Becker nur zum Teil recht hatte, denn Claudia Schiffer ist sicher berühmter als der ehemalige Tennisspieler. Und arbeitet auch immer noch als Model, Becker ja nicht mehr als Tennisspieler. Aber ihr ist unwohl bei solchen Superlativen, ihr ist auch unwohl bei „berühmt“. Nicht dass sie ihre Prominenz nicht kennt oder unnötig bescheiden ist, es ist nur so, dass man mit „berühmt“ kein Geld verdienen kann, und deshalb interessiert es Claudia Schiffer nicht. Aber dazu später mehr. Ihr ist vor allem unwohl bei „Ich, Claudia, die berühmteste Deutsche“. Das ist ihr zu laut und zu sehr „ich“. Man kann sich wirklich sehr lange mit ihr unterhalten, und sie sagt dann auch Sätze mit „Ich glaube“ oder „Ich denke“, aber dieses richtige, echte Ich ist das nicht, das hat Claudia Schiffer vor 18 Jahren woanders abgestellt, und es ist von außen verdammt schwer, irgendwelche Nachrichten daraus zu erfahren. Nicht zu lächeln, wenn einer etwas sagt, ist so eine Nachricht. Einen Zentimeter zur Seite zu rutschen auch. Und als einmal eine Reporterin ungläubig fragte: „Können Sie Ihr Lächeln einfach so anknipsen? Auch wenn es Ihnen nicht gut geht?“, kam die Antwort: „Ja, das kann ich, egal was passiert.“ Das war auch so eine Nachricht.
Und so muss man immer ein wenig rätseln, wenn man Claudia trifft. Ist das jetzt die angeknipste oder die echte Schiffer? Sagt sie jetzt, was sie denkt, oder sagt sie, was sie denkt, sagen zu müssen? Das war so, seit sie die Fotografin Ellen von Unwerth für Guess zu einem Brigitte-Bardot-Lookalike machte und sie 1989 zum ersten Mal für die deutsche Elle fotografiert wurde. Das war im Jahr des Mauerfalls, und so gesehen gibt es Claudia Schiffer genauso lange, wie es das wiedervereinte Deutschland gibt. Damals war sie 19, und wir standen an einem warmen Septembernachmittag auf der Place de la Concorde in Paris, und sie machte bei jedem Foto immer den Bardot-Mund, weil es die einzige Pose war, die sie damals konnte. Die Zeitungen schrieben über die Flüchtlinge in der Prager Botschaft, und Claudia stieg in einen der Brunnen auf dem Platz und sagte: „Die DDR ist absolut furchtbar. Das System ist unmenschlich. Ich möchte da nie wohnen.“ Und sie sagte auch, dass sie „Schmarotzer, die immer überall mit essen gehen und nie bezahlen“, nicht ausstehen könne. Das war alles etwas teenagerhaft ungelenk und irgendwie süß, aber es war vor allem „Ich, Claudia“. Vielleicht war es auch das letzte Mal „Ich, Claudia“, denn ein paar Wochen später begann mit ihr eine der größten Modelkarrieren der Welt, und etwas Seltsames geschah: Je öffentlicher sie wurde, umso mehr verschloss sie sich.
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Damals war ich selbst noch ein junger Reporter, und man denkt nach solchen Begegnungen immer, man kennt sich, aber ich erkannte Claudia Schiffer schon ein Jahr später nicht wieder. Sprach sie an diesem Tag noch schnell und kichernd, wurde nun alles sparsam und ein wenig steif. Je mehr große Welt und großes Leben sie aufnahm, desto dürrer und karger wurde das, was aus ihr herauskam. Und umso weltfremder. Als sie ein Jahr später in Hamburg einmal vor 200 Journalisten gefragt wurde, was sie sich denn für 100 Mark kaufen würde, sagte Schiffer irritiert: „Dafür bekommt man ja noch nicht einmal ein T-Shirt.“ Das junge „Ich, Claudia“ versteckte sich völlig und wurde durch ein Model-Ich ersetzt. Sie selbst erzählte einmal, dass sie als Kind so schüchtern war, dass sie sich zu Hause immer hinter Vorhängen versteckte, wenn Besuch kam. Das ist, so gesehen, bei ihr ein Stück Leben geworden.
Heute, 18 Jahre später, lebt sie in London und sagt, dass sie immer noch schnell rot wird, und manchmal kann man das sehen, wenn Paparazzi sie bei Premieren oder der Londoner Fashion Week fotografieren. Dann überzieht manchmal eine Apfelröte ihre Wangen, und sie lacht und steht etwas unbeholfen da, als gäbe es gleich Abi-Zeugnisse. Im Alltag fehlt ihr die Regie ihres Berufes. Und so kann es einem im Stadtteil Notting Hill passieren, dass eine blonde große Frau mit zwei Kindern über die Straße geht und man denkt, die sieht so ähnlich aus wie Claudia Schiffer. Paparazzi dösen bei ihr vor der Tür nur dann, wenn wirklich nichts Aufregenderes in der Stadt ist. Die Hoffnung, dass da aus der Tür mal ein fremder Mann oder eine schwankende Schiffer schleicht, haben sie aufgegeben. Da war 18 Jahre kein Ausrutscher, da kommt auch keiner mehr. Doch ganz so bruchfest war das nicht, als die Geschichte anfing.
Nein, sagt sie, sie hat sich damals mit 20, 21 Jahren wirklich nicht dabei wohlgefühlt, Claudia Schiffer zu sein. Sie habe es in manchen Momenten sogar gehasst. Um das zu verstehen, muss man einmal dahin fahren, wo sie herkommt. Nach Rheinberg, was entgegen aller biografischen Schiffer-Angaben nicht bei Düsseldorf, sondern näher bei Duisburg liegt, nur eben auf der anderen Seite des Rheins. Die Rheinberger sagen das nicht so gern, denn Duisburg ist Pott und Düsseldorf ist Pomp, dem will man näher sein. Wenn man in Rheinberg auf dem Marktplatz sitzt, sieht man im Osten immer die dicken weißen Qualmberge aus den Duisburger Hochöfen aufsteigen, und deshalb schauen die Rheinberger lieber nach Westen. 32000 Menschen leben hier, und 1846 erfand ein Hubert Underberg seinen Magenbitter, seitdem ist Rheinberg der Sitz der Firma. 1949 kam hier auch ein Mädchen zur Welt, das Brigitte Mohnhaupt hieß und das nach der Scheidung der Eltern allein mit seiner Mutter lebte, aber das ist ein Kapitel, über das sie in Rheinberg nicht so gern sprechen. Ein Kräuterschnaps, eine Terroristin und ein Supermodel sind seltsame Kinder einer Stadt.
