Der Tag, als wir jung waren

Er hatte Manieren und sah so frauenfreundich aus, dass er zum Salonlöwen der 68er wurde – und mehr: Gaston Salvatore über seinen Freund Rudi Dutschke, über Revolutionsgelder von Rudolf Augstein und eine Zeit, in der das Wort „ausdiskutieren“ noch positiv besetzt war

Die drei Menschenalter“ ist ein berühmtes Gemälde von Tizian, das ich vor vielen Jahren in Venedig sah und dessen rätselhafter Name mir in Erinnerung geblieben ist. Ich weiß noch, dass zwischen den drei männlichen Figuren keine feststellbare Verwandtschaft besteht.

Der junge Mann, der im Frühjahr 1967 verlegen in der Küche von Rudi Dutschkes Wohnung in Berlin steht und beobachtet, wie er die Bücher vom Küchentisch wegräumt, bin ich. Es gilt die 40 Jahre, die dazwischen liegen, zu überspringen. Ich erkenne mich auf den vielen Fotos in dem großen dunkelhaarigen, schüchternen Studenten nicht wieder. Es fällt mir leichter, mir Rudi Dutschke zu vergegenwärtigen. Ihm gehörte jene Zeit. Und gewiss nicht nur, weil er jung starb.

Mein abgeklärter Blick wandert auf die venezianische Lagune. Seit 30 Jahren lebe ich nun hier und bin als Schriftsteller tätig. Weder die Emigration nach Venedig noch die Wahl der deutschen Sprache waren beabsichtigt. 18 Jahre sind vergangen, seit ich nicht mehr im Exil bin.

Das Haus, in dem ich wohne, hat eine 1000-jährige Geschichte. Von der Terrasse auf der Rückseite aus kann man die uralten Mauern sehen, auf denen das Gebäude ruht. Mehrere Jahrhunderte lang gehörte es dem Deutschen Ritterorden. Johanniter und Templer hatten sich auf der gegenüberliegenden Kanalseite niedergelassen. Die drei Ritterorden organisierten und finanzierten die Kreuzzüge. An einer Ecke des Hauses liegt eine Brücke, die Ponte dell’Umiltà, die Brücke der Demut oder der Bescheidenheit. Es wissen nur wenige, dass es deutsche Ritter waren, die der Brücke diesen Namen gaben. In früheren Zeiten befand sich direkt vor dem Haus der Hafen. Marco Polo legte unmittelbar vor diesen Fenstern ab. Irgendwann im 16. Jahrhundert wurde hier eine Schule eingerichtet. Auf dem schmalen Ufer vor dem Haus verlief der Hafenstrich. Die Damen der venezianischen Gesellschaft wollten die Huren von ihrem sündigen Beruf abbringen und ermöglichten ihnen in diesen Zimmern Unterricht. Sie lernten sticken. Im 18. Jahrhundert übernahm das Haus der Kastrat Velluti, ein Sänger, der in der Zeit nach Farinelli zu Weltruhm gelangt war. Ein Nachfahre Vellutis, Marco, erlebte sechsjährig, wie sein Vater, ein Widerstandskämpfer, bei Tagesanbruch von der Gestapo aus dem Bett gerissen wurde. Der Junge stand an der Tür meines jetzigen Schlafzimmers.

Meine Gedanken führen jetzt, da ich mir vornehme, Berliner Spuren vor dem Verschwinden zu bewahren, zur Brücke der Bescheidenheit. Unsere Bewegung war keine Revolution.

Rudi Dutschke räumt seine Berliner Küche auf. Nicht er ist ein Gespenst, ich bin es.

Wie Rudi Dutschke studierte ich seit über einem Jahr an der Philosophischen Fakultät. Ihn kannten alle. Ich war ein Gesicht in der Menge. Seit neustem fanden unentwegt Vollversammlungen an der Universität statt. Der Rektor hatte eine Ausstellung mit Fotos aus Vietnam verboten. Bei dem darauf folgenden Sit-in, das war in Berlin neu, hatte die Polizei streikende Studenten aus der Halle des Henry-Ford-Baus getragen. Che Guevara versuchte unterdessen vom bolivianischen Wald aus, eine Revolution im ganzen Subkontinent zu entfesseln. In Bonn regierte die SPD mit der Union. Mit jedem Tag wurde auf dem Campus der Ruf lauter, den Obrigkeitsgeist zu überwinden. Es hieß: Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren.

Rudi Dutschke meldete sich bei den Versammlungen häufig zu Wort. Von hinten beobachtete ich, wie er mit gesenktem Blick und schnellem Schritt das Rednerpult erreichte. Erst als der drahtige kleine Student mit dem übergroßen buntgestreiften Pullover zu reden begann, sah er schließlich mit seinen tiefen, exaltiert funkelnden Augen die Zuhörer an. Sie trugen damals noch kurze Haare, Bärte waren eine Seltenheit. Dutschkes heisere Stimme war mir aufgefallen. Selbst wenn er leise sprach, schien er zu rufen. Seine Kritik am Imperialismus und Spätkapitalismus mutete in Berlin noch fremd an. Solche Parolen kannte ich aus Chile oder Kuba. Dutschke redete so, als stünde die Weltrevolution auch in der Bundesrepublik unmittelbar bevor. Es herrschte noch Ruhe in Deutschland. Aber nicht für Rudi Dutschke. Seine Sätze waren panzerhaft lang. Und noch heute hege ich die Vermutung, dass der anschließende Beifall der Studenten eher ihrer eigenen Zufriedenheit galt, Dutschkes Sätze verstanden zu haben.

Rudi hatte die Küche verlassen. Ich hörte die verschlafene Stimme einer Frau. Seine Frau Gretchen war schwanger. Rudi Dutschke kannte ich erst seit rund einer Stunde persönlich. Nach einem langen Seminar am Nachmittag war ich gerade dabei gewesen, zusammen mit vier Freunden aus Lateinamerika in meinen Käfer einzusteigen.

Wir sahen Rudi Dutschke auf uns zukommen. Meine Fahrgäste kannten ihn gut, sie besuchten die Kurse für politische Bildung, die Dutschke im Studentendorf hielt, wo er über revolutionäre Strategien in unseren Ländern dozierte. Als Mitglied der Sozialistischen Partei Chiles fand ich das unmöglich und nahm an den Kursen nicht teil. Etwas missmutig blieb ich an der Wagentür stehen, während Dutschke die anderen um Hilfe bat. Wir erfuhren, dass er einen politischen Verlag mitgegründet hatte. Die Druckerpresse sollte mit dem Ertrag künftiger Veröffentlichungen bezahlt werden. Es war vorgesehen, dass das erste Buch schon am nächsten Morgen in Druck ginge. Nur gab es dieses Werk an jenem Spätnachmittag noch gar nicht. Rudi Dutschke holte Che Guevaras „Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam“-Rede aus seiner Ledertasche. Er hatte sich nun vorgenommen, sie mithilfe seiner Studenten über Nacht zu übersetzen und mit einem Nachwort versehen frühmorgens der Oberbaumpresse abzuliefern. Das Vorhaben war extrem unrealistisch. Die anderen seilten sich einer nach dem anderen ab. Ich war nicht gefragt worden. Aber ich schämte mich für meine Kommilitonen. Ich fand es nicht richtig, ihren politischen Lehrer im Stich zu lassen. Ich höre mich noch heute sagen: „Ich helfe Ihnen.“