JA, PANISCH

Fräulein Masako wurde zur Freiheit erzogen: Elite-Unis, Sprachreisen, das ganze Programm. Dann heiratete sie den japanischen Thronfolger. Nun wird auch der Neigungswinkel ihres Kopfes bei der Begrüßung kontrolliert

Um zu verstehen, was Masako Owadas Problem ist, hilft ein Vergleich, den das japanische Kaiserhaus nicht goutieren wird. Aber damit beschäftigen wir uns später, nachdem Sie wissen, worum es eigentlich geht. Stellen Sie sich einfach einmal vor, Sie wären ein Rennpferd. Vorzügliche Zucht, beste Gene, Top-erziehung und -ausbildung. Sie sind eine Augenweide, schon in jungen Jahren ihren Altersgenossen weit überlegen, in jeder denkbaren Weise. Sie geben zu den größten Hoffnungen Anlass, die Rennbahnen der Welt warten nur darauf, von Ihnen erobert zu werden. Und dann wechseln Sie, ein vor Kraft und Ambition strotzendes Rassepferd mit dem uneingelösten Versprechen auf eine glorreiche Zukunft, den Besitzer. Und werden von einem Tag auf den anderen in einen Stall gesperrt. Kein Rennen mehr. Nur noch Zucht. Keine Läufe mehr auf weiten Wiesen, nichts, gar nichts. Nur Stall. Innen. Daseinszweck: Fressen und Gebären. Am Leben bleiben. Ihre ganze Energie, Ihre Kraft, Ihre Hoffnungen – reduziert auf ein paar Quadratmeter Gatter und einen kleinen Ausguck in die Freiheit. Wie verhält sich solch ein Rassepferd in einem Pferch? Wird es störrisch, apathisch, wild? Möglicherweise rebelliert es, vielleicht frisst es nicht mehr, in jedem Fall wird es weniger, Tag für Tag und Stück für Stück. Das wird auch irgendwann seinem neuen Besitzer auffallen. Er wird das artfremde, offenbar gestörte Verhalten seines Zuchtstars eine kleine „Anpassungsstörung“ nennen. Subtext: Das wächst sich aus! Unwahrscheinliche Geschichte? Nun ja.

Es ist unfein, die japanische Kronprinzessin Masako mit einem Rennpferd zu vergleichen, ja. Zumal dieser Vergleich hinkt wie ein lahmer Gaul, denn Masako hat dem neuen Leben ja zugestimmt. Hat bewusst eine Daseinsform akzeptiert, die sie – aus heutiger Sicht – so nicht gewollt haben kann. Aber welche junge Frau wagt schon Nein zu sagen, Nein!, wenn der japanische Thronfolger sie bittet, seine Frau zu werden. Mehrmals bittet. Der zukünftige Kaiser. Also bitte, da ist „Nein“ doch keine Antwort.

Auf den ersten Blick scheint Masakos Geschichte direkt aus dem Märchenland zu stammen: 1986 lernt sie den jungen Kronprinzen Naruhito Hironomiya auf einem Empfang kennen; sie hat gerade die Aufnahmeprüfung für den Diplomatischen Dienst bestanden, ein Beobachter des Kaiserhofs beschreibt die Ausstrahlung der 23-jährigen Masako so: „Es war, als ob sie eine Lampe im Herzen trüge.“ Ähnlich muss das auch der japanische Thronfolger gesehen haben. Ein Jahr später hält er nach mehreren unverbindlichen Treffen um ihre Hand an. Masako schätzt ihren künftigen Gatten, doch sie weiß andererseits zu viel über Japan, um dieser scheinbar märchenhaften Wendung ihres Schicksals ohne Misstrauen zu begegnen. Sie will nicht Teil eines starr ritualisierten Hofstaates, einer reinen Repräsentationsmaschinerie werden. Obwohl sie Jahre ihrer Kindheit und Jugend in Europa und Amerika verbracht hat, kennt sie ihr Heimatland gut genug, um diese Fallstricke der japanischen Monarchie und deren Auswirkungen auf die eigene Karriere einzuschätzen.

Schließlich befindet sich Masako ja zu diesem Zeitpunkt bereits auf einem gänzlich anderen Gleis. Die Tochter des früheren japanischen Diplomaten und jetzigen Richters am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Hisashi Owada, hat mit 23 Jahren schon eine glänzende diplomatische Karriere vor Augen. Eine Karriere, auf die sie gezielt hinarbeitete. Als Kind lebte sie in Moskau, besuchte Schulen in Tokio, New York, Boston. Mit der Abschlussnote 1,0 begann Masako 1981 das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Harvard, Abschluss vier Jahre später mit einem Diplom. Magna cum laude.

Nach dem ersten, noch vage vorgebrachten Heiratsantrag des japanischen Thronfolgers – den sie ablehnt – flüchtet sie erst einmal nach Oxford, der nächsten Weltklasse-Universität für werdende Alphatierchen. Absolviert dort ein sogenanntes Nachdiplomstudium am Balliol College, Schwerpunkt: Internationale Beziehungen, und erhält schließlich ihren Traumjob: Das japanische Außenministerium stellt Masako ein. Sie darf in den diplomatischen Dienst, wie schon ihr Vater. Trifft Politiker aus aller Welt, gestaltet aktiv, immer mit dem klar formulierten Anspruch, ihrem Land zu dienen. Und in diesem Moment, in dem sich alle Träume von Masako Owada zu erfüllen scheinen, taucht der kleine Prinz wieder auf und macht ihr den Hof. Massiver noch als vor Jahren, mit der Unterstützung seiner Berater, seines Hofstaates, seiner ganzen Familie. Der Kaiser in Wartestellung steht unter Druck, er ist schon über 30, 128 Millionen Untertanen registrieren jeden Schritt, den ihr Prinz auf Freiersfüßen tut.

Martin Fritz und Yoko Kobayashi beschreiben in ihrem Buch „Prinzessin Masako – Der gefangene Schmetterling“ die Zwangslage der jungen Diplomatin in diesem Herbst 1992. Erzählen, wie Masako den erneuten Heiratsantrag des Prinzen ablehnt mit dem Hinweis, sie habe nicht genug Selbstvertrauen für eine Verbindung mit ihm. Doch Naruhito lässt nicht locker. Täglich ruft er die zweifelnde, schwankende Masako an – und sagt dann die entscheidenden Sätze: „Ist es nicht gleich, ob Sie als Diplomatin oder als Mitglied der kaiserlichen Familie arbeiten? Beides dient ja dem Land. Könnten Sie mir nicht im Bereich der kaiserlichen Diplomatie helfen?“ Einige Tage später, am 28. November 1992, gibt er Masako ein Versprechen: „Ich weiß, dass Sie verschiedene Ängste und Sorgen haben, wenn Sie daran denken, ins Kaiserhaus einzutreten. Ich werde Sie mein Leben lang mit allen Kräften beschützen.“ Masako gibt nach, haucht zwei Wochen später: „Ich möchte an Ihre Worte glauben und mit Ihnen zu zweit leben. Und ich möchte mich bemühen, dass der Prinz glücklich werden kann – und ich selbst auch so ein Leben haben kann, von dem ich einmal zurückblickend sagen möchte, dass es ein schönes Leben war.“