PEER DU

Outlaw. Rabauke. Genussmensch. Einmanncombo. Jetzt aber schön der Reihe nach: Sonja Banze beim deutschen Finanzminister STEINBRÜCK

 

Peer Steinbrück ist kalt. Er zieht die Schultern zusammen, er legt die Hände um das kleine Windlicht, das vor ihm steht, er bestellt einen Irish Coffee, danach („Trinkt jemand einen mit?“) einen Weißwein. Er will jetzt keinen Büroleiter, keinen Pressesprecher, keinen Bürgermeister und keinen Kreisgeschäftsführer. Er will einfach mal ein bisschen reden. Er schimpft ein bisschen über die Berliner Politik („psychiatrisch“, „gaga“), erzählt ein bisschen über seinen Bruder, seine Partei, seinen Lieblingslimerick, den mit dem Priester und Timbuktu, und ein paar Churchill-Anekdoten. Das kannte man alles schon, aber lustig ist es trotzdem.

Es ist ein Dienstagnachmittag Ende November, draußen ist es gerade dunkel geworden, und Steinbrück hat sich in die hintere Ecke des Eiscafés in einer Ladenpassage eines Ortes namens Hilden verzogen. Das gehört zu Mettmann, Mettmann liegt bei Düsseldorf und ist Steinbrücks neuer Wahlkreis. Der erste seines Lebens. Eine halbe Stunde hat er jetzt mal Zeit. Den ganzen Tag ist er durch die Gegend gelaufen, hat sich geduldig durch die Städtchen führen lassen. Er hat sich Mühe gegeben. Er hat den Reporter von der Regionalzeitung beim Grünkohlessen mittags nicht angepfiffen, als der von „hohen“ Steuern sprach, war lange im Kinderparlament und hat das ganz gut gemacht, wie Unterricht. Es gab nur wenige Pannen, wie die, als er probiert hat, über die neue „Saison“, sprich Karneval, zu plaudern. „Das heißt Session“, zischt der Bürgermeister dazwischen, und: „Mann, Mann, Mann, das muss er aber noch lernen.“ Es war nicht das Bad in der Menge, Bürgerkontakt hatte er so gut wie keinen, das soll erst nächstes Jahr kommen. Es war mehr die Geländebesichtigung eines Feldherrn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, immer umringt von seinem Stab von Lokalgenossen. Die sind, das merkt man, ganz angetan von ihm. Und er auch von ihnen.

„Es ist ein Schlauch“, sagt er irgendwann, reibt sich die Augen und sagt es dann noch mal: „Es ist ein Schlauch.“ Gemeint ist die Politik. Aber man nimmt es ihm nicht so recht ab, das Abgespannte; es passt nicht zu dem wachen Gesicht. Das macht ihm doch Spaß, denkt man eher. Und kriegt daraufhin Steinbrück-Standard Nummer eins zu hören: Es sei eben nicht alles null oder eins, schwarz oder weiß, es sei „widersprüchlich. Gaga und großartig, und zwar am selben Tag“. Komplex. Aber das sei ja nicht zu vermitteln.

Nach elf Stunden mit Peer Steinbrück hat man ein paar Sachen gelernt. Eine davon ist die mit null und eins. Eine andere ist die, dass man besser nicht einfach mal so ein Wort wie „Niederlage“ sagt, weil dann nämlich sofort Steinbrück-Standard Nummer zwei kommt, dass Politik, wenn das mit den Medien so weitergeht, bald auf den Sportseiten stattfindet. Immer wieder trägt er diese Sätze vor und noch ein paar andere, immer wieder, als ob er sie zum ersten Mal sagt. Und man hat gelernt, dass Peer Steinbrück ein netter Kerl sein kann, interessiert, umgänglich, einer, der sich allen Ernstes, wenn man ihn fragt, ob der private Steinbrück denn anders ist als der Politiker, zurücklehnt, so ein „Hey, Baby“-Gesicht macht und mit knarrender Stimme sagt: „Oooh ja.“ Gehört hatte man: arrogant, streng, weiß alles besser, hält sich für den Größten, Helmut Schmidt jr.

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Peer Steinbrück ist jetzt 61. Er hat sich zäh nach oben geschraubt, vom kleinen Referenten im Bauministerium zum Wirtschaftsminister zum Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen zum Bundesfinanzminister. Vom „Peer wer?“, dem unbekanntesten Ministerpräsidenten aller Zeiten, zu einem der wenigen führenden Köpfe in der SPD und auf Platz drei der beliebtesten deutschen Politiker. Er sei „der Einzige in der Regierung, der was taugt“, sagt Helmut Schmidt über ihn. Er ist einer der wenigen in der SPD, der das Zeug zum Kanzler hat, und jeder, der ihn kennt, ist sicher, dass er sich den Job auch zutrauen würde. Aber. Er hat wenig Freunde unter den Funktionären der Partei, immer wieder hat er viele vor den Kopf gestoßen, unlängst nannte er die Genossen „Heulsusen“. Unwahrscheinlich, dass er zum Kandidaten aufgestellt wird. Er weiß das alles. Es kann sein, dass es jetzt einen neuen Peer Steinbrück gibt. Einen, der tatsächlich neulich mal seinen Mund gehalten hat in der Auseinandersetzung zwischen Franz Müntefering und Kurt Beck und der plötzlich mit der „Loyalitätspflicht“ eines Parteivize kam. Einen, der jetzt auf seine alten Tage noch per eigenem Wahlkreis den Parteisoldaten nachholt. Es kann sein, dass ihm das alles nichts mehr nützt, und auch das weiß er. Es kann aber auch sein, dass es irgendwann unerwartet eine Lücke gibt und Peer Steinbrück dann zuschlägt. Das wäre nicht das erste Mal in seiner Karriere.

a. Ich weiß alles, was vernünftig ist, aber ich tu’s nicht immer.“ Ab und an „mit dem Kopf durch die Wand“, „spontan“ – er könne sich nicht auf Dauer verstellen. Und will es auch nicht. „Darüber würde ich ein Magengeschwür kriegen. Gelegentlich muss man ausbrechen.“ Kleine Pause. „Und es macht auch Spaß.“ Kleine Pause. Und dann lacht er dieses meckernde Lachen hinterher.

Es ist ein paar Wochen nach Mettmann, es ist früh am Morgen. Steinbrück sieht ein bisschen käsig aus und ist langsam, die Nacht war kurz. Sein Büro in Berlin ist schmal und einfach, an der Wand hängt ein Bild: James Dean, „Boulevard of Broken Dreams“ („Da können Sie super drüber schreiben, der Minister kurz vor der Verzweiflung“, lästert er), auf dem Regal liegt Marx und Engels, Band 3, zerhauen von einem Wiegemesser („Habe ich selbst gemacht“). Steinbrück steht hinter seinem Schreibtisch, ein großer Mann, und wie viele große Menschen immer etwas geduckt, den Kopf eingezogen, ein paar der kurzen Haare stehen immer ab, was ihm etwas Zerzaustes gibt, als ob er es gerade noch zum Termin geschafft hätte. Und dann der Mund. Die Lippen immer fest zusammengekniffen, die Mundwinkel so weit runtergezogen, dass er aussieht wie ein todtrauriges oder tödlich beleidigtes Strichmännchen. Wenn man länger mit ihm zu tun hat, stellt man fest: Das ist nicht verkniffen. Das ist Steinbrück-Schnauze in Lauerstellung. Eine kleine Feuerpause, kurz bevor er wieder losschießt. Präzise, ins Schwarze.

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