Die Ding-Dynastie

Sie sind dünner als ihre Stimmchen und ertragen Regeln, die täglich härter werden: Models aus Osteuropa, gerade mal 16, tun für ein bisschen Blitzlicht alles. SONJA BANZE über eine Branche, für die Mädchen nur Haut und Knochen sind

 

Dass sie schön ist, erzählen ihr alle. Der Typ, der sie aus Weißrussland nach New York verfrachtet hat, sowieso, die von ihrer Agentur und auch die bei den Castings für die Modenschauen. „You are very beautiful“, „I love your legs“, was auch immer. Sie stand dann immer da, so scheu und fast ängstlich, dass sie sie sofort gernhatten, die sieben, acht Leute hinter den Tischen, hat leise „Thank you“ gesagt, gelächelt, ist artig einmal hin- und hergegangen („Would you please walk!“). Am Ende hat das alles wenig gebracht. Am Ende landete ihr Foto meist auf dem zweiten Stapel: „maybe“. Am Ende war vieles „vielleicht“, wenig sicher. New York lief ganz gut für sie, Mailand schon weniger, und jetzt, in Paris, geht’s gar nicht. Morgen fliegt sie wieder ab. Viel zu früh, es ist die letzte Februarwoche, die Prêt-à-porter- Schauen laufen sich heiß, aber sie hierzulassen kostet Geld und lohnt sich offenbar nicht. „Sie soll noch ein bisschen Zeit mit der Mutter verbringen“, sagt ihre Agentin, was nett klingt, aber nicht die Wahrheit sein kann. Sie ist noch ein Niemand, Nettigkeiten sind ihr egal. Am Nachmittag wird sie noch den Fotografenkünstlern Mario Testino und Paolo Roversi gezeigt, alles wäre gut, würde nur einer von beiden sie buchen.

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Veronika Antsipava, 16 Jahre alt, aus Witebsk, Weißrussland. Blass und dünn und zart, sie sieht aus wie ein Mädchen, das ein paar Vitamine gebrauchen könnte. „Ich will ein Star werden“ ist einer der wenigen Sätze, die Veronika auf Englisch kann. Sie hat das Zeug dazu, das finden alle, und sie versucht schon mal, sich wie einer zu benehmen: Schwarze Lack-High- Heels, schwarze Shorts, schwarzer Mantel, Prada-Brille im Haar, einen riesigen Starbucks-Pappbecher in der Hand, so kommt sie an diesem kalten, sonnigen Morgen in ihre Pariser Agentur in der Rue Duphot. Ein klassizistisches Haus, ein hoher, heller Raum, ein paar Leute, die in ihre Headsets hineinreden, um Models unterzubringen, Termine zu koordinieren. Veronika läuft geschäftig herum, lässt sich die neuen Fotos von sich zeigen und was im Internet auf style.com von ihr zu sehen ist. Richtig Zeit hat keiner für sie.

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Ihre Geschichte geht wie viele Geschichten: Ein Alex (Alex Heifitz, ein dunkelhäutiger Kleingewachsener mit Bartschatten, Mitte 40, aus Usbekistan – ein Mann, dem hier in der Agentur keiner so recht glaubt, dass er Zahnarzt in New York ist, was aber tatsächlich stimmt, und der nebenbei in Russland und der Ukraine nach Models sucht), Alex also hat sie in einer Modelschule entdeckt. Da war Veronika 13, zu jung für Europa und die USA, aber nicht für Japan. In den Ferien also Foto shootings in Tokio, sie war da „wahnsinnig erfolgreich“; und dann: Am 9. Oktober 2006 ist sie 16 geworden, zwei Tage später saß sie schon im Flugzeug nach New York.

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Alex hat sie bei DNA untergebracht, einer der weltweit angesehensten Modelagenturen. Er kassiert zehn Prozent ihrer Gagen, er ist jetzt mit ihr (und seinen anderen Models) hier in Paris, er war mit ihr in Mailand, er steht neben ihr, er redet für sie. Veronika wirkt unsicher. Sie ist 16. Sie wohnt mit vier anderen Alex-Mädchen in einem seiner Apartments in Brighton Beach, dem Russenviertel von New York, wo Männer auch im Sommer mit dicken Lederjacken und Wollmützen sitzen, Wodka trinken und von der Newa träumen. Jeden Morgen steht sie um sieben auf, geht für zwei Stunden ins Fitnessstudio, dann Frühstück, Castings, Shootings, Shows. Keine Partys. Das sind Alex’ Regeln. Zur Schule geht Veronika nicht mehr. Was sie verdient, weiß er, nicht sie. Ihre Mutter Janna kam mit in die USA, aber sie will in ein paar Tagen wieder zurück nach Hause, sie vermisst ihre Familie. Was Veronika aus Weißrussland mitgebracht hat, ist ihr Teddy („natürlich“, sagt Alex dazu), und sie träumt von einem Mercedes SLK. Das war’s. „Embrasse-moi“, sagt sie immer wieder zu ihrer Agentin, genießt den Brocken Französisch, mit dem sie sich noch ein bisschen mehr wie ein Star vorkommt. Die lacht: „Das ist das Einzige, was sie sagen können.“ Und umarmt das Mädchen.

Veronika Antsipava, blass und zart, ist eine von Gott weiß wie vielen Mädchen, die derzeit ununterbrochen in den Kreislauf der Modelindustrie gepumpt werden, die Tag für Tag durch die Gegend hetzen, Go-See, Go-See, Go- See, wie die Vorstellungstermine heißen, immer die schwere Plastikmappe mit ihren Fotos in den Armen, die sich bei Castings anstellen, die Fotografen hergezeigt und von denen Polaroids durch die Gegend geschickt werden. „Wir haben da eine, guck dir die mal an.“ Veronika ist eine aus dem Mädchenheer, die es vielleicht schafft und groß wird. Eine von denen, die vielleicht auch nicht. Eine von denen, die einen 40-Milliarden-Dollar-Markt anheizt (grob geschätzt, die Branche ist verschwiegen). Der Markt wächst unaufhörlich, die Rechnung heißt Roulette: Das Mädchen, mit dem man Millionen verdienen kann, kann überall und jede sein, und das Rad dreht sich schneller als jemals zuvor. Die Branche giert nach dem neuen Gesicht. „Gierig“ ist das Wort, das jeder irgendwann sagt, mit dem man spricht, und jeder wirft mit irgendwelchen Namen um sich, von einer, die er irgendwo gefunden hat, „very beautiful“. Wenn ein Mädchen Glück hat, wird es auf den Schauen entdeckt, von einem der Fotografen oder einem der Castingagenten. Wie lange es very beautiful bleibt? Models hielten früher acht bis zehn Jahre, heute oft nur ein, zwei Saisons. Mit 14, 15 anzufangen ist normal, mit 20-irgendwas ist sowieso Schluss. Die Mädchen haben nur noch einen Vornamen und bestenfalls noch den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens, Lucie P., Anna K., Tania D. Designer, so heißt es, wollen keine Supermodels mehr, die am Ende mehr beachtet werden als das Kleid, das sie tragen.

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Es gibt eine Art Topmodel, das sind die, die ohne Mappe in der Hand zum Casting kommen, die meinen, sie würden sowieso genommen (was dann oft doch nicht der Fall ist) – aber Hand hoch: Wer kennt Emina Cunmulaj, Diana Dondoe oder Irina Lazareanu? Und das sind Namen, die im Moment angesagt sind. Sie sind keine vier Jahre im Geschäft, aber schon wieder kurz vorm Abtreten, die Gesichter oft müde, abgespannt und abgeklärt. Draußen auf dem Flur warten frische, unverbrauchte, an denen noch keiner dran war, bei denen man vielleicht der Erste ist.

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