Das letzte Hemd des Paten
Vor genau zwei Jahren starb Marlon Brando in Hollywood – vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Am Sterbebett wachte seine Haushälterin Angela über seine letzten Atemzüge – und seine Finanzen. Sie soll ihn überredet haben, sein Testament zu ändern, um an seine Millionen zu kommen. Seitdem zanken windige Nachlass- verwalter und Brandos Familie um sein Erbe
Marlon Brandos Leichnam war aufgebahrt wie ein zur Strecke gebrachter Wal. Sein 135 Kilo schwerer Körper lag, in einen offenen Sarg gepfercht, im Bestattungsinstitut von Sherman Oaks. Jemand hatte ihn in einen Kaftan gehüllt, ihm seinen zinnoberroten Lieblingsschal um den kalten Hals geschlungen und sein Gesicht mit Rouge und all dem Zeug beschmiert, mit dem Bestattungsunternehmen ihre Toten herrichten. Ein letzter Auftritt, den Marlon Brando um alles in der Welt hatte verhindern wollen. „Niemand soll mich sehen, wenn ich gestorben bin, ich will, dass sich alle so an mich erinnern, wie sie mich zum letzten Mal gesehen oder gesprochen haben. Versprich es mir, versprich es mir“, hatte der Schauspieler im Frühjahr 2003 seine langjährige Geschäftsführerin und Vertraute JoAn Corrales unter Tränen angefleht. Auf sie hätte er sich eigentlich verlassen können, er hatte sie ursprünglich als eine von zwei Nachlassverwalterinnen eingesetzt. Doch diesen letzten Willen kann ihm JoAn Corrales nicht erfüllen. Brando stirbt am 1. Juli 2004, und zu seinem Testament taucht plötzlich ein 13 Tage alter Zusatz auf, in dem drei neue Nachlassverwalter eingesetzt sind. Beide Dokumente tragen Brandos Unterschrift. Zwei der neuen Nachlassverwalter stehen wenige Tage später an seinem offenen Sarg, zusammen mit einigen Familienmitgliedern, Freunden und seiner Ex-Frau Tarita, die auf dem Weg nach Tahiti von seinem Tod erfahren hat. Außerdem Angela Borloza, die seit 1994 seine Haushälterin und schließlich auch seine Geliebte war. Sie bringt ihre Kinder, Schwestern und Freunde mit und stellt sich am Kopf des Sarges auf, als wäre sie Brandos trauernde Witwe. „Es war abscheulich“, erzählt ein alter Freund Brandos aus New Yorker Tagen, der sich geweigert hatte, an dieser Vorführung teilzunehmen: „Das war das Letzte, was Marlon gewollt hätte – so zur Schau gestellt zu werden.“ Was aber hat Marlon Brando wirklich gewollt? Was ist geschehen im letzten Jahr, in den letzten Wochen und Tagen seines Lebens, die er bettlägerig, angeblich von Medikamenten halb besinnungslos und für niemanden erreichbar, in seinem Haus am Mulholland Drive verbracht hat? Setzte er seine Unterschrift wirklich unter den Zusatz des Testaments, wodurch alles, was ihm lieb und teuer war, seinen Wert verlor? War dies die letzte von vielen Tragödien in seinem Leben? Oder ist die Unterschrift eine Fälschung, von der nun die drei dubiosen Nachlassverwalter profitieren?
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Nach Brandos Tod zerrten die Klatschkolumnisten noch einmal all das hervor, was Brandos grandioses Leben in eine Tragödie verwandelt hatte: die Art und Weise, wie er zuletzt sein Talent verschleudert hatte; den Mord seines Sohnes Christian an dem Geliebten seiner Tochter Cheyenne, für den er verurteilt wurde; Christians anschließende Gefängnisstrafe und Cheyennes Selbstmord im Jahr 1995. Es gab Spekulationen, der zweifache Oscar-Gewinner habe ebenfalls Selbstmord begangen, bis das Medical Center der Universität von Kalifornien in einer Pressemitteilung Lungenfibrose – ein chronisches Leiden – als Todesursache nannte. Frühere Vertraute Brandos glauben an eine Verschwörung, in deren Mittelpunkt Brandos letzte Haushälterin Angela Borloza stehen soll. Sie, so die Theorie, habe den altersschwachen Schauspieler in seinen letzten Monaten von der Außenwelt abgeschirmt, ihn unter Drogen gesetzt und so seinen letzten Willen manipuliert. Sie, so heißt es, habe drei dubiosen Gestalten den Zugang zu Brando ermöglicht und den Weg zur lukrativen Nachlassverwaltung geebnet. Mit ihnen habe sich Angela nach Brandos Tod jährlich zwischen drei und vier Millionen Dollar an Tantiemen und Provisionen aus seinem Werk teilen wollen. Bei den angeblichen Mitverschwörern handelt es sich um den Hollywood-Produzenten Mike Medavoy, dessen Schwager Larry Dressler und Avra Douglas, einer früheren Freundin von Brandos Tochter Cheyenne. „Ich wünschte mir, ich könnte unter einer Kokospalme sitzen, wenn ich sterbe; wenn nicht, werde ich später dort sein. Schicke meine Asche zu Tarita“ Tatsächlich hatten es die drei neuen Nachlassverwalter des Brando-Vermögens eilig, die wichtigsten Besitztümer aus dem Erbe für einen Bruchteil ihres tatsächlichen Werts zu verkaufen und den Namen Brando als Warenzeichen für Werbeverträge zu vermarkten. Brandos Haus am Mulholland Drive veräußerten sie für fünf Millionen Dollar ausgerechnet an Jack Nicholson, der sich seit langem für das Anwesen interessierte.
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in der Ausgabe 07/2006
