Das Lexikon der Deutschen Gesellschaft
Keine Sorge, hier erfahren Sie nichts über so genannte Promis – dafür (fast) alles über die Beletage Deutschlands. Am Ende werden Sie sogar wissen, warum Hündchen Pöppi gern Privatjet fliegt und wie die Hemden aufs Flicks Yacht gebügelt werden
ADEL
Spielt der Adel überhaupt noch eine Rolle? Die meisten Angehörigen der ehemaligen Oberschicht sind „Etagenadel“, verfügen also über keinerlei Grundbesitz, sondern wohnen zur Miete. Selbst die Grundbesitzer gehören nicht mehr zu dem, was man einst als „Macht- und Geldelite“ bezeichnete, denn Forst- und Landwirtschaft bedeuten, ihre Kleinstaaten zu schlucken. Darunter kommt der Kleinadel, also all jene, die im alten Reich Steuerprivilegien genossen, aber nie souverän über ihre Region herrschten. Grafen und Freiherrn, werden wiederum vom Hochadel von oben herab beäugt. Grafen und Freiherrn schauen auf die „vons“ herab, und jene sind pikiert, wenn man ihre zum Teil bis ins Mittelalter zurückzuverfolgenden Familien mit jenen hunderten Familien über einen Kamm schert, die erst im 19. Jahrhundert geadelt wurden.
Wenn wir uns die Hierarchie des Adels im deutschen Kulturraum wie eine Pyramide vorstellen, thront auf der Spitze jene Handvoll Familien, die einem ehemaligen Kaiser- oder Königshaus angehört. Allen voran Angehörige des Hauses Habsburg (ehemaliges Kaiserhaus von Österreich). Ihre Nachkommen tragen allesamt den Titel Erzherzog oder Erzherzogin. Will man besonders höflich sein, spricht man sie mit „Kaiserliche und Königliche Hoheit“ an. Knapp dahinter folgen die Angehörigen des Hauses Hohenzollern, der ehemals preußischen Herrscherfamilie. Einzig der Chef des Hauses (zurzeit der junge Georg Friedrich von Preußen) wird „Kaiserliche und Königliche Hoheit“ genannt, alle übrigen Mitglieder sind Prinzen beziehungsweise Prinzessinnen und heißen schlicht „Königliche Hoheit“.
Ebenfalls in die allerhöchste Kategorie gehören die Mitglieder der Häuser Wittelsbach (ehemals bayerische Königsfamilie), Wettin (Sachsen), das Welfenhaus (Hannover), Württemberg, Zähringen (Baden), das Haus Brabant (Hessen) sowie die Häuser Mecklenburg, Oldenburg, Anhalt und Schleswig-Holstein. Knapp unterhalb dieser kaiserlichen, königlichen oder großherzoglichen Familien rangieren Fürstenhäuser, die entweder bis 1918 regierten (Reuss, Lippe-Biesterfeld, Schaumburg-Lippe, Schwarzburg und Waldeck) oder bereits vorher ihre Souveränität verloren. Zum Beispiel: Bentheim, Castell, Sayn-Wittgenstein, Thurn und Taxis. Unterhalb dieser Häuser rangieren jene Familien, die zwar Fürsten titel tragen, aber nie souverän über ein Land regierten (wie Bismarck). Der große Unterbau des Adels wiederum besteht aus etwa 20000 Familien, die entweder den Titel Graf, Freiherr, Ritter, Edler oder schlicht ein „von“ tragen. Aber auch hier besteht, wie erwähnt, ein großer protokollarischer Unterschied zwischen uradeligen Häusern und solchen wie „von Opel“ oder „von Siemens“, die erst im Spätherbst der Monarchie geadelt wurden. (siehe Gotha, siehe Industrieadel)
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Events
Events sind Veranstaltungen, die nach außen den Eindruck vermitteln, es handele sich um authentische Partys, die tatsächlich aber reine PR-Veranstaltungen sind. Besonders Berlin leidet unter einem Über- angebot an Events. Meist steht dann Isa Gräfin Hardenberg am Eingang, begrüßt die Gäste und nimmt die Gastgeberrolle ein, obwohl sie eigentlich ja Dienstleisterin ist. Der Sinn von Events in Berlin besteht darin, sich, sobald man fotografiert worden ist, ins Borchardt oder die Paris Bar abzusetzen und dann über das eben absolvierte Event zu lästern (siehe Pflichttermine).
Haustiere
Einer der reichsten Deutschen lebt mit seiner Frau in einer wunderschönen Villa, von der man einen malerischen Blick über die Bucht von St-Tropez genießt. Leider sind er und seine Frau kinderlos. Ihre Liebe konzentriert sich daher auf ihren kleinen, weißen Terrier, ein unausstehliches, in einem fort kläffendes, völlig neurotisches Wesen namens Pöppi. Das Hündchen verfügt über ein eigens angefertigtes, thronartiges Schlafplätzchen im Wohnzimmer, in dem, wo man auch hinsieht, kleine Fotos des Tieres in Silberrahmen stehen. Die Fotos zeigen Pöppi in Paris (im Hintergrund der Eiffelturm), in Pisa (im Hintergrund der Schiefe Turm), in Venedig auf einer Gondel. Bei einem Mittagessen versuchte ein mit dem Hausherrn befreundeter Milliardär, diesem zu imponieren: „Die Flugverbindungen zwischen London und Nizza sind ein Albtraum. Neulich musste ich einen Privatjet chartern, um unser Kindermädchen einfliegen zu lassen.“ Der Hausherr reagierte gelassen: „Du hast Recht. Ich musste Pöppi neulich mit dem Privatjet zum Tierarzt bringen.“
Neureiche
Im Lateinischen gibt es den Begriff „homo novus“, was wörtlich übersetzt „neuer Mann“ bedeutet und das bezeichnet, was wir heute einen Neureichen nennen. Ein Mensch, der sich ausschließlich über sein „neues“ Geld definiert und entsprechend mit den Symbolen seines frischen Reichtums zu protzen pflegt. Bescheidenheit ist ihm fremd, ebenso Geschmack. In seiner schamlosen Aufdringlichkeit bringt der Neureiche immerhin ein Kunststück fertig: Er vereint die ganz Reichen und die ganz Armen in ihrer abgrundtiefen Verachtung für ihn. Einschlägige Prototypen der Spezies „Neureiche“ sind Mario und Ute Ohoven. Ute Ohoven ist eine von vier Töchtern eines wohlhabenden schwäbischen Textilunternehmers. In zweiter Ehe ist sie mit dem Unternehmer Mario Ohoven verheiratet, der zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, als er ein von ihm mitentworfenes Steuerkonzept im Pressegespräch mit den Worten „Ich muss weg“ erläuterte. Ute Ohoven fungiert als Sonderbotschafterin der UNESCO und veranstaltet alljährlich eine Spendengala in Neuss, wo vor geschmacklich fragwürdiger Kulisse viel Geld für Kinder in Not gesammelt wird. Die Tochter der beiden, Chiara, dilettiert zurzeit als deutsche Paris Hilton.
Sylt
Alle denkbaren Sylter Impressionen sind seit über 100 Jahren, als die ersten Badegäste in Westerland aufkreuzten, in unzähligen Büchern geschildert worden: von der Ergriffenheit bis zur Leidenschaft, von glühender bis zu enttäuschter Liebe, vom Aufjauchzen der Seele bis zum Zorn über das unbeständige Wetter. Buhne 16, das Areal am Nacktbadestrand von Kampen, galt in den 50er- und 60er-Jahren als Sündenpfuhl schlechthin. Zahllose Illustriertenartikel beschäftigten sich mit dem zügellosen Treiben der urlaubenden Wirtschafts-, Film- und Medienprominenz. In lauschigen Nächten bei Vollmond und Champagner sollen die wüstesten Feste abgegangen sein. Von diesem Ruf zehrt die Insel heute noch, obwohl er der Realität nicht mehr entspricht. Den größten Umsatz mache er mit Mineralwasser, berichtet Herbert Seckler, der Wirt des am Weststrand von Rantum gelegenen Prominentenlokals Sansibar. Die in die Dünen gesetzte Holzhütte ist mittlerweile in ganz Deutschland bekannt. Warum? Als Ende der 80er-Jahre die Würdenträger der großen Hamburger Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, die Springers, die Jahrs, die Bauers, die Bretterbude entdeckten, führte das in deren Blättern zu einer wohlwollenden, bis heute anhaltenden Berichterstattung. Die Prominenz von Gunter Sachs über Bambi Burda bis Otto Waalkes ließ nicht mehr lange auf sich warten (mehr im „Lexikon der Lebensart“ von Andreas Odenwald und Günter Schöneis, erschienen bei Goldmann-Mosaik).
Wohltätigkeit
In höheren Steuerklassen gehört es dazu, sich für „Charity“ zu engagieren. Die Wahl des guten Zwecks sagt viel über die Förderer aus. Die Mutter der Begum Inaara Aga Khan (gegenwärtiger Name: Thyssen oder Thyssen-Henne, es ist da nicht ganz leicht, à jour zu sein) kümmert sich um streunende Hunde, die sie in ein Tierparadies namens Sonnenhof verfrachtet, dort rund um die Uhr mit Mozart beschallt und mit wechselnden Menüs verwöhnt. Eine norddeutsche Industriellengattin opfert viel Zeit für „gefallene Frauen“, um sie aus der Sklavenhaltung ihrer Zuhälter zu befreien. Warum? Stiller Widerstand gegen ihren Mann, einen überstrengen Moralisten. Die Arbeit mit Prostituierten ist für sie ein Mittel, um seinem Rigorismus die lange Nase zu zeigen. Auf einer Cocktailparty wurde die Autovermieterin Regine Sixt einmal auf ihr Charity-Projekt angesprochen. Sie antwortete knapp, dass sie sich in Afrika engagiere. „Wo genau?“, wollte der Frager wissen. Frau Sixt rief genervt ihre Assistentin herbei, um sich nach der genauen Natur ihres Engagements zu erkundigen. Das Grinsen des Fragers quittierte sie mit einem: „Wenigstens tue ich überhaupt etwas!“ So gesehen erscheint ihre Hilfe für nordafrikanische Straßenhunde in etwas milderem Licht.
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in der Ausgabe 04/2006
