Rubel dich reich!
Die Neureichen in Russland muss man einfach gern haben. Sie streicheln die Seele ihres Landes und leben von der Gelegenheit. Wladimir Kaminer erzählt von Typen, die über Geldkoffer stolpern, am Pokertisch darben oder manchmal auch im Knast landen.
Komische russische Oligarchen Das Schönste und Spannendste an jedem Gesellschaftssystem ist, dass es früher oder später zusammenbricht.So habe ich es in Russland erlebt. Alles, was noch gestern unantastbar und für ewig schien, fängt plötzlich an zu wackeln, die Politiker widersprechen sich selbst, dann kommt eines Tages im Fernsehen Schwanensee statt der Abendschau – und das ganze Land steht Kopf. Millionen werden aus der Bahn geworfen, alles, was man früher für einen sicheren Erfolgsweg hielt – Bildung, guter Arbeitsplatz, die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Partei – zählt nicht mehr.
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Die Uhren des Erfolgs werden wieder auf null gestellt. Solche Zeiten polarisieren die Bevölkerung. Die einen sehen darin die Apokalypse, die anderen einen euphorischen Neuanfang. In dem alten Europa, das sein Pulver weitgehend verschossen hat und sich gegen jede Aufregung wehrt, sind solche Turbulenzen kaum zu erwarten. Das Kreativste, was man sich hier an Umbrüchen leistete, war vielleicht die New Economy mit einem abschließenden Börsencrash. Die Jungs und Mädchen, die damals sehr schnell reich wurden, ernteten jedoch nur Empörung. In einer Gesellschaft, in der die Reichtümer über Jahrhunderte durch mühsames Handeln und Planen generationsübergreifend angehäuft wurden, wo das Protzen so verpönt ist, dass sogar die Damen ihre Pelzmäntel mit dem Fell nach innen tragen, hatte diese New-Economy-Klasse keine Überlebenschancen. Die Schlausten unter ihnen haben sich schnell angepasst und sind ganz selbstverständlich wieder auf die gediegenere Old Economy umgestiegen. In Westeuropa werden die Reichen sozialisiert und belehrt, dass Eigentum verpflichtet und mehr Geld mehr Verantwortung bedeutet. Vor allem aber gehen sie mit ihren Schätzen sehr vorsichtig um. Sie verstecken sie am liebsten. Pokerspiel im Hinterzimmer Anders in Russland. Meine Landsleute pokern gerne mit allem, was sie haben. Die Spielregeln werden öfter gebrochen, die Karten häufiger neu gemischt, manchmal wird sogar am Pokertisch ein bisschen geschossen. Der letzte gesellschaftliche Umbruch, der in Russland unter dem Namen Perestroika stattfand und Deutschland als so genannte Wendezeit erreichte, spülte viele frisch gebackene Global Player an die Oberfläche. Diese komischen russischen Oligarchen sind für die Europäer schwer zu begreifen. Chodorkowskij, der im Knast sitzt, halten sie für einen politischen Gefangenen, Beresowskij für einen Dissidenten. Am meisten Schlagzeilen machte der junge, sportliche Abramowitsch, der auf allen Fotos so blöde aus der Wäsche guckt, als wüsste er selbst nicht, in welcher Branche er eigentlich tätig ist.
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in der Ausgabe 03/2006
