Kein Rauch ohne Judy
Wenn im Dezember die internationale Kunstwelt zur ART BASEL MIAMI nach Florida pilgert, ist er der Mann, um den sich wieder alle reißen: Judy Lybke, der als Anarchist in Leipzig begann, Galerist von Stars wie Neo Rauch ist und den Dustin Hoffman zum Essen einlädt
Gerd Harry. Wenn einer Pech hat, heißt er so. Oder er sucht sich im Alter von sieben Jahren einen neuen Namen. Einen, der ihm passt, und wenn’s ein amerikanischer Frauenname ist: Judy. Davon gab’s in Leipzig nur einen, und einen Judy gibt’s auch in der internationalen Kunstwelt nur einmal. Nach dem Namen fragt längst keiner mehr, und wenn, hat er eine Geschichte parat, wie immer. Sie handelt vom West-Fernsehen und einer amerikanischen Serie und dem frechen Jody, der aussah wie er, auf Sächsisch Tschuuudie. Wie Judy Garland eben, sagt er vielleicht noch, jedenfalls ist man jetzt drin im Netz, und wenn sie erst mal losgeht, die Judyshow, wird geduzt und gelacht und angefasst, statt wichtigtuerischer Diskurse Dingsbums, Mensch, musste dir angucken, und wenn man Rockefeller heißt oder Flick oder jemand ist, den er mag, gibt’s Zugaben.
Seine Macht sieht man dem fröhlichen Galeristen nicht an, seinen Machtwillen schon gar nicht. Er hat was Clownhaftes, was Pumuckliges; runder Kopf, Sommersprossen, blitzblaue Augen, breite Zahnlücke, gestreifte Anzüge, dazu Holzpantinen, die Tarnung ist perfekt. Ohne Absicht aber passiert in seiner Manege nichts, das Verhältnis von Ursache und Wirkung, das hat ihm schon bei Karl Marx eingeleuchtet, und was passiert, wenn man unstrategisch entscheidet, hat er vor 25 Jahren gelernt, da war nämlich eigentlich alles vorbei.
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Leute, die Auszeichnungen ablehnten, das waren die Schlimmsten, die waren gefährlich fürs System, unberechenbar, die glaubten, sie hätten eine Wahl, auch in der DDR. Und ein Stipendium nach Russland auszuschlagen, nur weil man keine Lust hatte? Weil’s einem da zu kalt war und man Schauspieler werden wollte, statt Atomkraftwerkstechnik zu studieren? Jemand, der so gut rechnen konnte? Erledigt, schwarze Liste.
Judy Lybke, Sohn einer Wäscherin und eines Zimmermanns, ließ seine Haare wachsen, hörte die Doors und spielte Billard; ein bisschen Geld verdiente er als Aktmodell an der Leipziger Kunsthochschule, das durfte er, es galt nicht als richtiger Beruf. Einer derjenigen, der ihn da anstarrte, jede Rippe und jede Hautfalte, war jemand, der so alt war wie er und der Galerist Judy Lybke am Strand von Miami einen mindestens so ungewöhnlichen Namen hatte, Neo, und der nicht nur irre gut aussah, sondern der auch ziemlich gut malen konnte. Lybke hatte ja von Kunst eigentlich keine Ahnung, sie hatte ihn auch nie interessiert, aber mit der Zeit lernte er zu erkennen, was funktionierte und was nicht, und was Neo Rauch machte, das gefiel ihm.
Lybke stand damals auch Modell für Studienbewerber – und begann sich besonders für die zu interessieren, die durch die Aufnahmeprüfung gefallen waren. Die standen unter Druck, die würden ihm nutzen bei der einzigen Frage, die ihn damals wirklich umtrieb: Mädchen in seine Wohnung am Körnerplatz zu locken. Möglichst viele, möglichst hübsche. Der Plan war eines Abends entstanden, als mal wieder alle möglichen Leute bei ihm rumsaßen, auf dem Boden wie immer, Möbel gab es außer einer Matratze keine, man redete über die langweilige DDR und dass man sie etwas unterhaltsamer machen müsste, und als die Kiste Erlauer Stierblut leer getrunken war, da war’s beschlossen, Judy würde was mit Kunst organisieren, schließlich stellten alle Mädchen, die man so kennenlernte, immer nur eine Frage: Malst du oder schreibst du?
Zwei Wochen später war Eröffnung: „Die neuen Unkonkreten“. In Lybkes Wohnung unterm Dach, die er nie abschloss und in der ohnehin immer Party war. Die Ausstellung bestand aus ein paar Stühlen, auf die man Margarine geschmiert hatte, irgendwo lagen Fellstücke rum, was man sich halt so unter Beuys vorstellte. Der Hausherr empfing in Arbeitskleidung – Bademantel, drunter nackt –, in die verfilzten Haare hatte er drei Ostereier montiert. Das Ziel war erreicht, Mädchen waren haufenweise da und sie blieben über Nacht.
Von da an war Gerd Harry Lybke Galerist. Die vielen Besucher passten bald nicht mehr in seine Wohnung, Lybke besorgte sich neue Räume. Ging in ein Haus, sagte, er käme vom Kulturamt, und ließ sich den Schlüssel geben für eine Etage im Hinterhaus. Weil es eine private Galerie offiziell nicht geben durfte, nannte er das Ganze einfach Atelier mit Besuchszeiten, Eigen + Art. Es dauerte nicht lang, da war auch die Stasi regelmäßig zu Gast. So entstanden dicke Akten über Lybke und seine unsozialistischen Unternehmungen, seinen Umgang („demonstrativ-kulturlos“) und wie er sich durchmogelte „mittels seiner sprachlichen Gewandtheit“. Zufrieden meldete man im Jahr 1985, Lybke bemühe sich nach wie vor um ein Schauspielstudium, doch konnte „bisher die Zulassung verhindert werden“.
