Hillary!
Mit 14 wollte sie zum Mond fliegen, mit 45 war sie die First Lady der USA, mit 60 will sie die Welt regieren: HILLARY RODHAM CLINTON, die Favoritin der Demokraten. Chefreporterin Steffi Kammerer erlebte im amerikanischen Vorwahlkampf eine machtbewusste, leidenschaftliche und eine an jedes Detail denkende Frau: Vor den großen Reden übt sie zu Hause mit Ehemann Bill.
Eine Studentin, die bei der Abschlussfeier sprach, das hatte es noch nie gegeben. Die Präsidentin der Hochschule war strikt dagegen. Doch die Stimmung auf dem Campus war so erhitzt in diesem Frühling 1969, Martin Luther King und Bobby Kennedy waren im Jahr zuvor erschossen worden, dass sie nachgab, als sie hörte, wer die Rede halten sollte: Hillary Rodham, die Studentenvertreterin, bei Professoren und Studenten gleichermaßen beliebt, da hatte sie keine Sorge. Und Hillary hatte keinen Eklat geplant. Aber als Edward Brooke, der republikanische Senator, sich damit begnügte, Nixon zu verteidigen, verwarf sie ihre vorbereitete Rede und sagte stattdessen: Die junge Generation habe viel zu lange nur reagiert, sie habe die Verpflichtung zu protestieren. Politik müsse doch die Kunst sein, „das Unmögliche möglich zu machen“. Vor allem, den Krieg zu beenden. „Wir suchen nicht nach Wettbewerb, sondern nach ekstatischen Lebensformen.“ Ihre Mitstudentinnen jubelten. Sieben Minuten lang gab es stehende Ovationen, berichtete die Nachrichtenagentur AP. Das Life-Magazin schrieb über Hillary Rodham.
Nun steht sie wieder da, in der alten Aula im Wellesley College in der Nähe von Boston. Die jungen Studentinnen haben seit dem frühen Morgen Schlange gestanden. Sie halten Schilder hoch: Bitte mach Geschichte. Hill----aa----reee! Hill----aa----reee!, rufen sie. Die Besucherin lacht und hält eine tolle Rede heute, locker, so, wie sie ist, wenn sie sich wohlfühlt. Erzählt davon, wie es früher hier war, mit Herrenbesuch nur am Sonntagnachmittag bei offener Zimmertür. Und der Regel, zwei der vier Füße hätten jederzeit auf dem Boden zu sein. Sie grinst, macht eine Pause und sagt: „You should try it one day.“ Dann sagt sie, das ehrwürdige Mädchencollege habe sie in ganz vieler Hinsicht auf ihr Leben vorbereitet, auch auf den Wettbewerb mit dem „all-boys club“ präsidialer Politik. „Und nun lasst uns gemeinsam die höchste gläserne Decke einreißen!“
Hinter den Fensterscheiben glitzert der See in der Mittagssonne, Gänse schnattern am Ufer, es ist friedlich wie damals, als Hillary Rodham, aufgewachsen in einem Vorort von Chicago, ankam und eigentlich schon im ersten Semester wieder wegwollte; sie hatte Heimweh. Kommt nicht infrage, sagte die Mutter, die selbst nie die Gelegenheit hatte, ein College zu besuchen, und die immer dachte, ihre Tochter würde mal die erste Frau am Supreme Court der USA. „Wir sind keine Leute, die aufgeben.“ Mit solchen Sätzen ist Hillary aufgewachsen. Als sie vier Jahre alt war und ein Nachbarskind sie verprügelte, sagte die Mutter nur, schlag zurück, in diesem Haus ist kein Platz für Feiglinge. Der Vater forderte sie genauso: Wenn Hillary ein glattes Einserzeugnis nach Hause brachte, sagte er nur, das scheine eine leichte Schule zu sein. Mit 14 bewarb sich Hillary bei der NASA, sie wollte zum Mond fliegen. Man nehme keine Mädchen, hieß es.
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Heute will Hillary Rodham Clinton die erste Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten werden. Deshalb muss sie schnell weiter, draußen wartet der Wagen mit laufendem Motor, eine Umarmung noch für Alan Schechter, ihren alten Politikprofessor, der damals ihre Abschlussarbeit betreut hat. Der lederne Band steht in der Bibliothek, im Vorwort ein typischer Hillary-Satz. Sie habe zwar keine „liebende Ehefrau“, spottet sie, der sie für die Unterstützung danken könne, wohl aber ein paar Freunde. Auch das Jahrbuch von 1969 liegt hier, es zeigt Hillary im Minirock, lachend auf einem Felsen im Wasser, sympathisch natürlich im Vergleich zu ihren hochtoupierten Mitstudentinnen, die theatralisch posieren.
Ob Hillary Clinton die erste Präsidentin der USA wird oder nicht, das wird auch davon abhängen, ob sie ihre Wellesley-Seite zeigt – die spontane, persönliche, engagierte – oder die andere, seltsam instinktlose, die man häufig erlebt, wenn man sie im Wahlkampf begleitet. In Des Moines, Iowa, redet sie an einem Samstag vor der Gewerkschaft der Landwirte. Auf der Bühne liegen Kürbisse, die Bauern wollen Antworten, sie fürchten, dass sie ihre Farmen nicht mehr halten können in Konkurrenz zu den Großbetrieben. Vor ein paar Stunden waren John Edwards und Barack Obama hier, ihre demokratischen Rivalen, beide haben markige Sätze abgefeuert, die Bauern haben gejubelt. Als Hillary kommt, ist der Saal gesteckt voll, ein halbes Dutzend Secret-Service-Beamter steht um sie herum. Sie trägt Fakten und Zahlen vor, unendlich viele, abgelesen vom Blatt. Es gibt höflichen Applaus, mehr nicht. Dann verschwindet sie, keine Fragen, keine Fotos.
Ein paar Tage später, wieder in Iowa, kurz vor Thanksgiving. Die Feuerwehr von Shenandoah hat ihr halbes Dutzend Löschfahrzeuge gewaschen, die Blaskapelle steht bereit, auf Klappstühlen warten etwa 800 Leute, viele von ihnen haben sich freigenommen und sind weit gefahren, um die berühmte Kandidatin zu sehen. Doch Hillary Clinton kommt nicht. Sie wird per Telefon zugeschaltet, entschuldigt sich kurz, sagt, es habe Nebel gegeben, ihr Flugzeug habe nicht landen können. Ein Aaaahhh der Enttäuschung geht durch die Halle, nach einer Stunde Warterei. Clinton sagt durch den Lautsprecher, sie werde einen Ersatztermin finden, wolle jetzt trotzdem ein wenig über ihr Programm sprechen. Und dann redet sie von Freihandel und Krieg, aber auf den Stühlen sitzen nur noch ein paar Dutzend Leute.
Eineinhalb Stunden später und 100 Meilen weiter, im nächsten Ort, sagt sie genau das, was die Menschen in Shenandoah hätten hören wollen. Wie viel Pech sie heute gehabt habe, wie leid es ihr tat, dass sie eben diese vielen Leute habe sitzen lassen müssen, dass sie schon im Nebel gestartet sei, die ganze Fahrt über Sorge gehabt habe – und der Saal klatscht, noch bevor sie irgendetwas über ihr Programm gesagt hat. Diese Stimmen hat sie, genau so, wie die in Shenandoah verloren sind.
So ist sie, die mögliche Präsidentin Clinton: distanziert und zugewandt zugleich, und immer, wenn man glaubt, sie begriffen zu haben, ist sie wieder anders. Man denkt, sie mag die Menschen nicht wirklich, sie macht das alles nur, weil es sein muss, lächelt sich tapfer durch die Menge – „So nice to see you! Where are you from?“ –, lächelt, lächelt, klopft Schultern, so wie Bill es ihr vorgemacht hat. Aber dann steht vor ihr eine verhärmte Frau, die ihr wortlos die Hand auf die Wange legt, es sind keine Kameras in der Nähe, und Hillary Clinton erwidert die Geste, dann umarmt sie die fremde Frau und bedankt sich. Man sieht sie in einer Grundschule, wie sie sich zu den Zweitklässlern auf den Boden hockt und so mit ihnen redet, dass die es mit Sicherheit nie vergessen: warum es wichtig ist, zur Wahl zur gehen, dass sie sich trauen sollen zu träumen. Und dem Mädchen, das vor einer halben Stunde gesagt hat, sie wolle Chirurgin werden, reicht Clinton zum Abschied die Hand und flüstert: „Good-bye, doctor.“
