Die Triebfedern

Wie böse müssen Krimiautoren sein? Reicht ein hartes Frühstücksei, um Mordfantasien zu entwickeln? Geständnisse von Stefan Slupetzky, Friedrich Ani und Hansjörg Schneider

 

Raus aus der literarischen Schmuddelecke, rein in die Bestsellerlisten – eine erstaunliche Karriere für den Krimi. Richtig?

Schneider: Stimmt, das ist eine feine Sache. Ich muss immer an den Friedrich Glauser denken, einen der ersten echten Krimiautoren im deutschsprachigen Raum, ein Schweizer. Was für ein Könner! Und wie wenig ist er zu seiner Zeit von der Literaturkritik ernst genommen worden!

Slupetzky: Aber unsere Akzeptanz hat der Markt durchgesetzt – so wenig ich ihn mag, den Markt. Das hat nichts mit der Lernfähigkeit der Kritiker zu tun, mehr mit der Zuneigung der Käufer. Wenn ich mir die besseren österreichischen Zeitungen anschaue, finde ich selten Krimirezensionen – da herrscht ungebrochener Snobismus.

Immerhin gibt die Süddeutsche Zeitung Herrn Ani eine eigene Krimikolumne.

Ani: Das ist eine absolute Ausnahme im deutschen Feuilleton, das sonst eher gnadenhaft mit dem Genre umgeht. Die erfolgreichsten deutschen Krimis sind ländlich, übersichtlich, einfach gestrickt, ohne großen literarischen Aufwand. Knapp, schnell konsumierbar, einfache Spannung, etwas Humor, das war’s. Da muss man die Kritiker in Schutz nehmen, dass sie nicht jeden Mist rezensieren mögen.

Slupetzky: Würden wir, würdet ihr euch denn als „Krimiautoren“ bezeichnen? Ist das eine Einsortierung, die euch Freude bereitet?

Schneider: Ich habe spät mit Krimis angefangen, habe vorher Romane und Theaterstücke geschrieben. Natürlich gelte ich jetzt als Krimiautor. Ach, mir ist das egal – ich schreibe sowieso das, wozu ich Lust habe. Aber als was will man denn die anderen Bücher bezeichnen: „Ernsthafte Romane“ etwa, „Bürgerliche Romane“? Der normale Roman wird mir immer suspekter.

Ani: Ich sage wohl bald „Die Anderen“ zu den Nicht-Krimis.

Schneider: Schauen Sie, es ist doch in der deutschsprachigen Literatur der letzten 20, 30 Jahre so viel stinklangweiliges Zeug geschrieben worden, viel bejubelt, aber wenig gelesen. Als man auf die Bestsellerlisten geschaut hat, fand man lauter Amerikaner, die packende Geschichten geschrieben haben. Vielleicht ist der Kriminalroman deshalb so erfolgreich, weil die Leute es gründlich satthaben, sich beim Lesen zu langweilen. Das gilt auch für die Autoren. Wenn man lange Zeit angestrengt „Kunst“ produziert hat, freut man sich auch, wenn man mal eine saftige Geschichte hinschreiben kann.

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Meine Herren, passiert es Ihnen, dass Sie eine Geschichte, die auch ohne Verbrechen gut wäre, mit Toten anreichern, weil es ein Krimi werden soll?

Slupetzky: Es ist profaner, als Sie denken. Der Verlag will ein neues Buch, und zwar einen Krimi. Das ist eine Auftragsarbeit, aber das ist nicht schlimm, das sagt nichts über die Qualität aus. Wenn ich dann ein anderes Buch im Kopf habe, das definitiv kein Krimi ist, schreibe ich es eben später.

Ani: Für mich war es ein enormer Schritt, vor zehn, elf Jahren erstmals eine Kommissarfigur zu erfinden. Ich war sehr erstaunt, dass es mir gelang, meinen eigenen Blick auf die Menschen und die Welt auf eine andere Person zu übertragen. Es war, als würde ein Tor aufgehen, als könnte ich auf einmal sehen, wie ich meine Geschichten ausdrücken kann. Plötzlich wusste ich, wie ich „meine“ Figuren, meine unscheinbaren Menschen in schlecht beleuchteten Zimmern, wie ich die erzählen konnte. Erst von da an fühlte ich mich wirklich als Schriftsteller. Und mir ist egal, was die Leute sagen. Zur Not behauptet man eben, man schreibe gar keine Krimis mehr, und tut’s dann doch.

Gibt es denn Themen, die eigentlich in moderne Krimis gehören, an die sich aber kein Autor so recht herantraut?

Slupetzky: Es gibt eine gewisse Hilflosigkeit beim Versuch, die Folgen der Globalisierung und des ruppigen Wirtschaftsliberalismus zu behandeln. Wir haben konkretes Leid, wir haben echte Opfer, wir haben die Heuschrecken, Raffgier und Renditeerwartungen in aberwitziger Höhe – aber es ist schwer, mit diesem Phänomen literarisch zurechtzukommen. Vielleicht fehlt auch die grundsätzliche gesellschaftliche Verdammung. Jetzt über einen zu schreiben, der entlassen wurde und den Manager in dessen Villa erschießt, scheint mir doch zu platt.

Schneider: Geben wir zu, dieses Milieu ist nicht unbedingt das, mit dem wir gut vertraut sind. Aussteiger müssten so etwas schreiben, oder ein Wirtschaftsjournalist – wenn er denn schreiben könnte.

Müssen Sie eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt verspüren, Pessimismus oder gar Weltekel? Oder kann man den Beruf des Krimiautors auch gut gelaunt ausüben?

Schneider: Mit Charme und blendender Laune schreibt niemand ein gutes Buch.

Ani: Also bitte, wozu soll man denn schreiben, wenn es einem total gut geht? Da legt man sich doch lieber in die Sonne oder geht spazieren. Okay, Schreiben ist nicht durchgängig Quälerei. Aber es ist eine gewisse Stimmung, die zum Schreiben führt, die man braucht. Nur: Mit untergeschobenen Botschaften, mit diesem Weltverbesserungsehrgeiz will ich nichts zu tun haben.

Schneider: Ich glaube, ein wenig Ärger, bis hin zur Wut, das regt schon an. Aber das gilt nicht nur für Krimis. Wer unternimmt denn schon freiwillig diese sinnlosen Anstrengungen, eine Geschichte auf 300 Seiten auszubreiten, ein Jahr über diesem Text zu brüten, von dem dann vielleicht 3000 Exemplare verkauft werden, wenn er damit nicht etwas sagen will? Das machen doch nur Spinner, das ist sicher nicht der Beruf von ausgeglichenen, ruhigen Menschen.

Slupetzky: Richtig ist: Schreiben absorbiert einen. Schreiben kostet so viel Energie, dass man für das normale Alltagsleben in der Zeit nicht zu gebrauchen ist. Da geht nur noch das Notwendigste: Essen, Trinken, Verdauen, Schlafen. Man muss ja froh sein, wenn einem in dieser Zeit die Frau nicht davonläuft.

Ani: Ob es wohl Autoren gibt, die ein normales Leben weiterführen können, während sie an einem Roman schreiben? Mag sein, aber ich kann das nicht. Ich bin dann noch einzelgängerischer als sowieso schon, wie in einer Zwangssituation. Eingesperrt, man kann nicht weglaufen. Oder man hört ganz auf mit dem Schreiben.

Schneider: Krimi heißt ja immer, dass es um einen Tabubruch geht. Also dreht es sich um Grunderfahrungen der Menschheit, um Variationen der ersten Verbrechen. Kain und Abel, die Vertreibung aus dem Paradies, Ödipus. Das sind Krimis, sie handeln vom Schuldigwerden. Also ist der Krimi eine sehr alte, fast archaische, ganz ursprüngliche Gattung. Nehmen Sie Shakespeares Königsdramen… alles Krimis. Ziemlich blutrünstige noch dazu – unter sechs, sieben Leichen läuft da nichts.

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