Die perfekte Frau

Sie ist Spezialistin für Frauen zum Fürchten und wird dafür von allen geliebt. Sie dreht nur selten und wird regelmäßig für den Oscar nominiert. Sie hat vier Kinder mit einem der größten Sexsymbole aller Zeiten. Irgendwas macht ANNETTE BENING richtig

NATÜRLICH darf man sie fragen. Nein, muss. Aber keiner von den Printleuten will der Erste sein. Lieber eine der Lokalfernsehmäuse vortreten lassen. Da, die Blonde von der Vorabendshow auf KTLA übernimmt. „Mrs Bening, Annette…“ Annette Bening, die an diesem Tag im November zum vielleicht zweiten Mal in ihrer Karriere im Kreise ihrer kompletten Familie – Kathlyn, 14, Benjamin, 12, Isabel, 9, Ella, 6, und Ehemann Warren Beatty, 69 – einen öffentlichen Auftritt wahrnimmt, unterbricht Lächeln und Winken für die Kameras und wendet sich dem Mikrofon der Lokalreporterin zu. Es ist ihr Tag. Die Hollywood Chamber of Commerce würdigt die Bening für ihre Verdienste mit einem Stern auf dem Walk of Fame, star # 2324, nicht irgendwo, sondern direkt vor Grauman’s Chinese Theater, wo nur allerhöchste Hollywood royalty verewigt wird. Sie wirkt erfreut, aber nicht überwältigt. Diese lifetime achievements, das wissen alle Anwesenden, sind häufig nur eine tröstliche Anerkennung für Schauspieler, die längst einen Oscar verdient hätten. Aber gut. Die KTLA-Reporterin tritt vor. „Mrs Bening, Annette…“ Ja. „Sie sind eine großartige Schauspielerin…“ Oh, danke. „…aber was wir, unsere Zuschauer“, die Lokalreporterin lächelt jetzt breit in die Kamera, „was wir natürlich alle wissen wollen, ist: Wie haben Sie das gemacht, Hollywoods begehrtesten Junggesellen zu einem glücklichen Familienvater umzudrehen?“ „Ich war nie umwerfend SCHÖN. Deshalb fällt es mir leicht zu ALTERN“ Annette Bening, sehr businesslike in einem weißen Prada-Anzug mit schwarzer Bluse, wirft einen Blick zu ihrem Mann. Beatty, braun gebrannt und glücklich neben ihr, tritt einen Schritt zurück. Bening wendet sich der Reporterin zu: „Wissen Sie, nach 15 Jahren amüsiert mich diese Frage nur noch. Aber ich sag Ihnen was: Der Gedanke, jemanden zu zähmen, ist grauenhaft. Möchten Sie einen zahmen Mann?“ Hahahaha, macht die Lokalreporterin. Hahahaha, macht Annette Bening. Zähne funkeln im Sonnenlicht. Und dann hält sie eine kleine Dankesrede, „ohne meine Familie sind solche Ehrungen nichts wert“, blablabla, und ein weiterer Hollywood-Moment ihres Lebens ist verstrichen. Aber die Frage bleibt. Natürlich ist es eine unangemessene Frage, eine Frage, in der eine Beleidigung mitschwingt. Würde man Angelina Jolie fragen, wie sie einen Kerl rumgekriegt hat? Und entwertet man damit nicht ihre Größe als Schauspielerin, die Oscarnominierungen für „The Grifters“, „Being Julia“, „American Beauty“? Heißt das, ihre beeindruckende Theaterkarriere verblasst gegen die Domestizierung eines notorischen Junggesellen?

Es ist eine Woche nach der Sternzeremonie, ein Uhr mittags in Beverly Hills. Die Sonne wirft scharfe Schatten auf das Profil der Frau, die genug über Licht weiß, um den Regisseur ihres neuen Films „Running with Scissors“ anzuweisen, sie gnadenlos auszuleuchten, Hängebäckchen, Krähenfüße und alles. „Eitelkeit”, sagt sie, uneitel ins Mittagslicht blinzelnd, „ist das Letzte, was mich bei meiner Arbeit behindern sollte.” Die Arbeit, zu besichtigen ab dem 11. Januar, löste sofort Oscar-Geraune aus, wie fast immer, wenn Bening ihre dunkle Seite ans Licht befördert. Der Film dagegen, basierend auf den Bestsellermemoiren von Augusten Burroughs, stieß auf verhaltene Kritik. „Warum“, fragte die Los Angeles Times, „klingen wahre Geschichten so oft so unglaubwürdig im Film?“ Augustens Geschichte beginnt 1972, als seine manisch-depressive Mutter Deirdre (Annette Bening) ihren Ehemann Norman (Alec Baldwin) verdächtigt, erst ihre Kreativität killen zu wollen und dann sie selbst. Deirdre ist eine verkannte Dichterin mit einer Obsession für Anne Sexton. Als Norman ablehnt, sich bei ihrem drogenfreundlichen Psychiater Dr. Finch auf die Couch zu legen, verlässt sie ihn und schiebt Augusten zur Familie des Seelenklempners ab, um sich lieber um ihr inneres Kind zu kümmern. So verbringt Augusten zwei Jahre im surrealen Panoptikum der Dr.-Finch-Familie. Wahr oder Wahn, Regisseur Ryan Murphy hat sich ein wenig zu eng an die Erinnerungen eines verwirrten Teenagers gehalten. Der Film möchte eine Art Bildungsroman auf LSD sein, wirkt aber ungefähr so bewusstseinsverändernd wie ein Afri-Cola-Rausch. Es ist allein Annette Bening zu verdanken, dass das Ganze nicht zur Farce gerät. „Niemand spielt miese Mütter besser als Annette Bening“, wie das New York Magazine feststellte. DER ECHTE Burroughs kann sich über Benings Darstellung seiner Mutter gar nicht beruhigen. „Ich hatte Angst, dass eine Schauspielerin ihre Exzentrik als Plattform für große Kunst missbrauchen würde, mit einer Menge Geschrei und oscarreifen Zusammenbrüchen. Nicht Annette. Sie scheint sich sehr gut mit Geisteskrankheit auszukennen.

Wer je mit einem Manisch-Depressiven zusammengelebt hat, weiß, dass die Augen alles verraten. Es ist eine Art Pupillenerweiterung zwischen Abwesenheit und Hyper-Aufmerksamkeit. Es ist fast unmöglich zu beschreiben. Aber Annette hat es eingefangen.“ „Ich hatte mich zufällig vorher mit ‚An Unquiet Mind‘ von Kay Redfield Jamison beschäftigt”, sagt Bening, die wohl einzige vierfache Mutter der Welt, die als Einschlaflektüre die Memoiren von manisch-depressiven Psychatrieprofessorinnen studiert. „Die Autorin war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Depression, aber niemand wusste, dass sie selbst darunter litt. Eigentlich habe ich ihre Memoiren aus reinem Interesse gelesen, aber im Nachhinein erwiesen sie sich natürlich als perfekte Vorbereitung auf Deirdre.“ „Ich bin meinen Eltern immer noch sehr nah“, sagt Annette Bening, aber erst, nachdem sie den Kopf in den Nacken geworfen und ausgiebig über dieses 15 Jahre alte Zitat gelacht hat. Sie hat eine Lache wie eine Tresenschlampe, ein bisschen zu laut für das Four Seasons und absolut ansteckend. „Sie sind seit 54 Jahren verheiratet, meine Mutter betrachtet sich bestimmt zu Recht als Expertin für eine solide Ehe.“ Die Benings waren eine ganz gewöhnliche Mittelschichtfamilie, die aus Kansas nach San Diego übersiedelte, als Annette fünf war. Die Mutter bekennende Nur-Hausfrau, der Vater Versicherungsvertreter, der 30 Jahre lang Verkaufsseminare nach Dale Carnegie („Sorge dich nicht, lebe!“) hielt. „Ich glaube absolut, dass er davon etwas an seine Familie abgegeben hat“, sagt seine Tochter, „und sei es nur die Gewissheit, dass jeder für sein Glück selbst verantwortlich ist.“ Sie wußte schon mit sieben, was sie zu ihrem Glück brauchte: Babys, möglichst viele. „Ich war die Jüngste von vier Geschwistern und konnte mir keinen besseren Beruf als Mutter vorstellen.“