Burda, Lindholm, Furtwängler. Wer ist sie wirklich?
Sie führt mehrere Leben: als seriöse Verlegergattin und fürsorgliche Mutter, als schauspielernde „Tatort“-Kommissarin, als engagierte Ärztin. Und in jeder dieser Rollen scheint Maria Furtwängler perfekt besetzt. Michael Jürgs und Dieter Eikelpoth (Fotos) auf der Suche nach der wahren Persönlichkeit hinter den vielen Gesichtern der Münchnerin
Zwei der drei Katzen von Maria Furtwängler balgen sich knuffend, die dritte leckt irgendwo im Garten ihre Wunden. Charlotte Lindholm verdächtigt einen als bissig bekannten Nachbarn, den Kater von nebenan. Frau Burdas übergewichtiger Hund fühlt sich verpflichtet zu bellen, ist aber schnell erschöpft. Münchner Mücken sind von der Tageshitze ermattet, meiden den Tanz ums Licht. Die Sonne löst sich im Abendrot auf, hinter hohen Bäumen hängt bereits die Nacht. Die Frau mir gegenüber, ungeschminkt, Blondhaar irgendwie, bunter Sommerrock, Schuhe abgestreift, Füße auf dem Stuhl, Ungesundes knabbernd, stilles Wasser im Glas, ist gerade eben 40 Jahre alt geworden, sieht aber locker aus wie 30, auch aus der Nähe betrachtet. Doch sie wäre beleidigt, wenn man sie für so doof hielte, von Schleimereien dieser Art geschmeichelt zu sein. Also belasse ich es beim Augen-Blick. Aber recht habe ich doch. Maria Furtwänglers Drehbuchidee: in einer der nächsten „Tatort“- Folgen wird die Kommissarin Charlotte Lindholm schwanger Maria Furtwängler, geboren am 13. September 1966 in München, ist am 7. April 2002 berühmt geworden. Das erfuhr sie am Tag danach, dem 8. April. Jeden Morgen um neun Uhr werden, so ist es Sitte bei allen TV-Sendern, die Einschaltquoten vom Programm des Vortages bekannt gegeben. Aufgrund spezieller Beziehungen wusste sie ein paar Minuten vor neun Uhr – früher als die Redakteurin, die „nach meinem begeisterten Anruf ungläubig darum bat, ich möge noch einmal bei meiner Quelle nachfragen“ –, dass ihr „Tatort“- Debüt als Kommissarin Charlotte Lindholm 10,22 Millionen Zuschauer verfolgt hatten. A star was born. Maria Furtwängler besetzt seitdem auf dem Krimi-Spielfeld eine Marktlücke, je nach Wortschatz der Kritiker die der sensiblen Spröden oder spröden Sensiblen oder herbzarten Blonden oder blonden Herbzarten. Sie ist ein Markenzeichen, ist berühmt, wird erkannt. Was böse Folgen haben kann, weil vom Moment des Ruhms an jeder Satz, jeder Auftritt, jede Rolle im Hinblick auf die neue Fallhöhe betrachtet und bewertet wird. Die Lust, hoch Geschriebene wieder nieder zu schreiben, sobald sich die Chance auf eine Schlagzeile ergibt, ist ein journalistischer Urtrieb. Das weiß Maria Furtwängler natürlich, denn sie kennt den deutschen Medienmarkt hautnah. Wobei es in ihrem Fall nicht von Nachteil ist, dass ihr Mann das People-Magazin Bunte besitzt und zu einem großen anderen Verlag, der ein werktägliches Enthüllungsblatt herausgibt, beste Beziehungen unterhält.
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So kann sie wabernde Gerüchte und üble Nachreden, auch die im Münchner Bussi-Biotop geborenen, einfach weglachen: Ihre Ehe sei on the rocks, ihre Mutter führe sich auf wie die kurzfristig angeheiratete deutsche Begum. Sie muss nicht wie andere aus ihrer Spielklasse befürchten, dass ein eifriger Bild-Hauer sie vom Boulevard in die Gosse zieht. Kleiner Nachteil, meint sie, doch der ließe sich mittlerweile verkraften, „dass es Blätter gibt in anderen Verlagen, in denen ich außer im Programmteil gar nicht vorkomme. Eben weil ich die Frau von Hubert Burda bin“. Der hatte an jenem 7. April mit ihr und den Kindern, mit Freunden und Verwandten zu Hause das „Tatort“-Debüt seiner Frau angeschaut, zumindest den Anfang. Er saß in der ersten Reihe. Nach fünf Minuten drehte er sich zum ersten Mal um: „Ich finde das nicht langweilig, und ihr?“ Nach weiteren zehn Minuten wiederholte er, sich immer noch nicht zu langweilen und schlug vor, zappend zu prüfen, was auf anderen Sendern gegen Charlotte Lindholm laufe. Sein Vorschlag wurde einstimmig abgelehnt. Der Kunsthistoriker Dr. Hubert Burda zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Zwar sei er schon stolz auf sie, aber eigentlich schaue er im Fernsehen eh nur Nachrichten an, sagt Maria Furtwängler. Ist sie eine gute Schauspielerin? Ist sie eine schöne Frau? Als kühl lakonische Blonde Charlotte Lindholm findet sie sich ganz okay, manchmal gut, manchmal weniger gut. Sie hält sich in dieser Rolle nicht für Eleonora Duse, sondern für den richtigen Typ, die passende Besetzung. Charlotte Lindholm ist neugierig wie Maria Furtwängler, aber Frau Lindholms Kühle ist nicht die von Frau Burda. Die wirkt nicht kühl, sondern ist kontrolliert, wirkt unbedingt abwehrbereit, ist es jedoch nur bedingt. Der Figur, die ihr scheinbar passend auf den Leib geschrieben wurde, hat sie bei Gelegenheit „ein paar andere Eigenschaften“ verpasst. Mit einem sicheren Instinkt für Ungenauigkeiten, herrührend wohl aus ihrer medizinischen Vergangenheit, als Genauigkeit den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachte, greift sie inzwischen gern ins Drehbuch ein. Manchmal hilfreich. Die Szene, als Charlotte Lindholm ihre Ermittlungen vergisst und nächtens über den Balkon des Landgasthofs zu Hannes Jaenicke klettert – ein One-Night-Stand, aus dem Liebe wird –, war ihre Idee. Aber nicht etwa der aufregende Tatort Bett fiel aus dem Rahmen. Sondern als Vorspiel ihr witziges, aufgeregtes Agieren vor dem Spiegel, als sie probiert, was sie anziehen soll, bevor sie loszieht, um ausgezogen zu werden. Ich wollte nie nur ein Satellit sein, ein Mond, der um meinen Mann kreist In einer der nächsten Folgen wird Charlotte Lindholm schwanger sein, auch eine Idee von Maria Furtwängler, um der Figur Eigenschaften zu leihen. Sie verrät nicht, wer der Vater ist. Da die Schauspielerin Kathrin Ackermann inzwischen in den Krimis wie im wahren Leben ihre Mutter verkörpert, dürfte aber klar sein, wer sich in weiterer Zukunft ums Baby kümmert, wenn Frau Kommissar Mörder jagt. Weil sie nie eine Schauspielschule besucht hat, lässt sich Maria Furtwängler vor jedem neuen Dreh von Profis coachen. Was vor dem Durchbruch war – Serien wie „Eine glückliche Familie“ und „Hallo Onkel Doc“, romantische Melodramen wie Rosamunde Pilchers „Haus an der Küste“, die von papierenen Dialogen gezähmte „Achte Todsünde“ –, blieb nicht weiter in Erinnerung. Auch ihr ist es keine wert. Sie sucht selbst nach neuen Anstößen, wenn sie zum Beispiel im Spiegel eine Reportage entdeckt, in der ein großes TV-Drama steckt. „Ich bin extrem neugierig, suche immer wieder nach neuen Herausforderungen.“ Als ihr angeboten wurde, in einem Bio-Picture die Rolle der Verlegerin Aenne Burda zu übernehmen, war sie vor allem deshalb sprachlos, weil man es gewagt hatte, sie trotz ihrer privaten Rolle als Maria Burda mit einem solchen Vorschlag zu belästigen. „Für wie blöd halten die mich?“ Sie komme ja auch nicht auf die Idee, ihren Mann zu bitten, in einem ihrer „Tatorte“ einen Verdächtigen zu spielen, als Ausgleich dafür, dass sie so oft an seiner Seite Nebenrollen übernehmen muss.
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in der Ausgabe 10/2006
