DIE BLUTROTE BARONESSE
Beschützt von hohen Mauern, bewacht von bewaffneten Sicherheitsleuten – so lebten die Richthofens in São Paulo. Wie alle Reichen der Stadt versteckten sich die Nachfahren des legendären deutschen Jagdfliegers vor den Gangstern der Millionenmetropole. Sie schliefen, als ihre Tochter Suzane Louise von Richthofen ihren Mördern die Tür öffnete – und die eigenen Eltern totprügeln ließ. Carl D. Goerdeler rekonstruiert den spektakulärsten Mord der brasilianischen Kriminalgeschichte
São Paulo, diese wüste, wuchernde Metropole Brasiliens, in der die Reichen sich verschanzen, in einer Herbstnacht vor vier Jahren. Es ist der 30. Oktober 2002, es ist gegen 23 Uhr, nicht mehr so drückend heiß, die Corinthians – die Fußballhelden der Armen – führen 1 zu 0 gegen Flamengo, den ewigen Rivalen aus Rio. Der Wachmann Francisco Genivaldo Modesto Diniz sitzt vor einem flackernden Fernseher in seinem Warterhäuschen im Viertel Campo Belo, er freut sich für seine Mannschaft. Er bewacht unter anderem das Haus der Familie von Richthofen, ein unaussprechlicher Name für ihn, der Mann scheint ihm arrogant, die Frau ganz nett, beide weit weg in ihrer Welt der Reichen. Er, Francisco, passt nur auf, dass die Menschen, die genauso arm sind wie er, die Richthofens nicht beklauen. Der Scheinwerferkegel eines Autos fällt auf sein Warterhäuschen an der Ecke zur Rua Zacarias de Góes. Francisco sieht, wie ein weißer VW Gol (eine Kleinwagen- Kreuzung aus Polo und Golf) in die Garage von Haus 232 fährt. Am Steuer sieht er Suzane von Richthofen, die Tochter. Sonst niemanden, summend schließt sich das Garagentor. In der Garage steht Suzane von Richthofen, 19, Jurastudentin, Kreditkarte vom Vater, eine Nichte des „Roten Barons“, Manfred von Richthofen, der im Ersten Weltkrieg 80 Flieger vom Himmel schoss. Hineingeboren in die besseren Kreise des Landes. Sie hat das Garagentor mit der Fernbedienung geschlossen. Sie verteilt Gummihandschuhe an ihren Freund Daniel Cravinhos de Paulo e Silva, 22, und an dessen Bruder Cristian, 27 Jahre alt. Sie hat die beiden jungen Männer im Auto versteckt in das Haus geschmuggelt. Mit den Gummihandschuhen färbt sich ihre Mutter sonst die Haare. Cristian öffnet den Kofferraum und holt zwei Keulen hervor. Daniel, ein Hobbybastler mit einer Vorliebe für Mo- dellflugzeuge, hat sie selbst zusammengebaut. In ihrer matt glänzenden, improvisierten Klobigkeit sehen sie aus wie mittelalterliches Kriegswerkzeug. Je zwei ein Meter lange Eisenstreben, wie sie als Regalstutzen verwendet werden. Zusammengenietet zu einer Vierkantkeule, innen ein Holzpflock, der als Griff am unteren Ende herausragt, damit man besser zuschlagen kann. Suzane deaktiviert die Alarmanlage der Villa.
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Seit vier Jahren sind Suzane und Daniel ein Paar. Es ist das Klischee einer Liebe. Sie: aus gutem Hause, spricht vier Sprachen, blond, klug, 2000 Euro darf sie im Monat vom Konto ihres Vaters abheben – der ist Ingenieur beim Straßenbauamt, die Mutter Psychologin mit eigener Praxis. Man lädt zum Dinner in die Villa, reist regelmäßig nach Europa. Er: ein schöner Junge ohne Geld, aus einem Viertel, in dem man nachts besser dunkle Haut hat oder ein gepanzertes Auto. Kein Schulabschluss, kein Job, eine Leidenschaft für Modellflugzeuge, ein Hang zu Joints. Nicht der Mann, den Eltern sich für ihre Tochter wünschen. Aber einer, den sich höhere Töchter wünschen, um das Leben ein bisschen wilder zu machen. „Ich konnte seinem Zauber nicht widerstehen“, wird Suzane später aussagen. „Er war wie Gott für mich.“ Daniel zeigte ihr, was die Nacht zu bieten hat. Er zog mit ihr durch die Discos, ihr Geld öffnete die Türen seiner Träume. Er drehte ihr Joints, die Nächte endeten nicht selten in einem Motel, ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte sie mit ihm. Ein Flirt, der enden wird, dachten die Eltern. Aber je mehr Zeit Suzane mit Daniel verbrachte, desto mehr entglitt sie den Eltern. Sie solle sich endlich auf die Schule konzentrieren, mahnte Vater Manfred von Richthofen, wenn die Familie zusammensaß. Als sie das Abitur an der Deutschen Schule von São Paulo machte, schenkte er ihr zur Belohnung den weißen VW Gol. Suzane, Daniel und Cristian schleichen von der Garage ins Atrium, vorbei am Pool und betreten das Haus durch die unverriegelte Seitentür. Suzane geht voraus durch die Eingangshalle bis zum Fuß der Treppe, die in den Oberstock führt. Dort befindet sich das Schlafzimmer ihrer Eltern. Es ist still im Haus, kein Licht oben. Aber schlafen die Eltern auch wirklich? Suzane geht vorsichtig die Treppe hinauf, die Tür zum Schlafzimmer ist nur angelehnt. Sie hört das gleichmäßige Atmen, sie weiß nun: Die beiden schlafen. Suzane macht Licht im Korridor, das Zeichen für die Brüder.
