Deutsche Wertarbeit

Strahlend lächeln und reden, schon klar. Aber was macht Horst Köhler sonst noch? PARK AVENUE begleitete den Bundespräsidenten auf einer langen Reise durchs Protokoll. Kein Mitleid, aber: Wäre der erste Mann im Staate gewerkschaftlich organisiert, er würde für weniger Termine auf die Straße gehen

 

Ein Montagmorgen im Oktober, strahlend leuchtet der Herbsthimmel über Berlin, vor dem Empfangsgebäude für Staatsgäste im militärischen Teil des Flughafens Tegel wartet der Luftwaffe-Airbus „Theodor Heuss“ mit laufenden Motoren. Ein breiter schwarz-rot-goldener Streifen zieht sich über den Rumpf der Maschine, darüber der Schriftzug „Bundesrepublik Deutschland“. Drei dunkle Limousinen rollen durch die Wache zur Startbahn, Minuten später wird der Airbus mit dem Bundespräsidenten an Bord zu einem dreitägigen Staatsbesuch in die Niederlande aufbrechen.

Horst Köhler nimmt auf einem der grauen Lufthansa-First-Class-Sessel im vorderen Teil der Maschine Platz, ein schmuckloses weißes Klebeetikett an der Kopfstütze reserviert seinen Sitz. Auf dem Tisch vor ihm steht ein kleiner Teller mit Butterkeksen und Ferrero Rocher. Den Bundespräsidenten und seine Frau begleitet eine 20-köpfige Delegation aus Staatssekretären, Abgeordneten, Botschaftern, Referenten und persönlichen Gästen; außerdem an Bord: Protokollmitarbeiter, Gepäckmeister, Dolmetscherinnen, Stabsärzte, eine Handvoll Journalisten sowie sieben Sicherheitsbeamte und die 13- köpfige Crew. 13 – der Bundespräsident ist nicht abergläubisch, der Flug dauert aber auch nur 75 Minuten. Irgendwo im Luftraum über Venlo meldet sich Oberstleutnant Leveling: „Herr Bundespräsident, verehrte Frau Köhler, kein Grund zur Beunruhigung – ab sofort werden wir von zwei Kampfjets der niederländischen Luftwaffe eskortiert.“ Die Piloten hängen sich so dicht an die Tragflächen des Airbus, dass Fensterplatzsitzer deren behandschuhte Finger zählen können. 150 Kilometer weiter vorn marschieren derweil 21 Salutschützen in historischen Uniformen auf der Landebahn in Rotterdam auf.

In der Businessclass der „Theodor Heuss“ werden Sandwiches verteilt, Botschafter Dr. Rainald Steck blättert im Programm zur Reise, einem gebundenen weißen Heftchen im DIN-A6-Format mit geprägtem Bundesadler. Als Chef des Protokolls im Auswärtigen Amt organisiert Steck die Auslandsreisen des Bundespräsidenten. Im Herbst 2006 hatte der niederländische Botschafter bei ihm angerufen, um mitzuteilen, er sei gerade aus Den Haag zurückgekehrt und habe den Wunsch der Königin zu übermitteln, den Bundespräsidenten zu einem Staatsbesuch einzuladen. In Absprache mit dem Niederlande-Referat im Auswärtigen Amt, dem Chef der außenpolitischen Abteilung sowie dem Persönlichen Büro des Bundespräsidenten wurden drei Tage im Herbst 2007 ausfindig gemacht, anschließend erfolgte die offizielle Einladung. Im Frühjahr hatte man die Themenschwerpunkte der Reise festgelegt, ein erstes Konzept erarbeitet – und schließlich das Besuchsprogramm. In der zweiten Augusthälfte absolvierte Steck dann eine Vorausreise in die Niederlande. Zusammen mit Vertretern von Bundespräsidialamt, Protokoll, BKA und Bundespresseamt inspizierte er mit den niederländischen Gastgebern und Botschaftsangehörigen jeden Besuchspunkt, jede Fahrtroute, jeden Ort, an dem sich der Bundespräsident aufhalten würde. Die Frage, ob sich das Verhältnis von Aufwand und Ertrag eines Staatsbesuchs in Zeiten von E-Mail und Internet noch in angemessener Balance befindet, beantwortet Steck auch auf zähes Nachfragen diplomatisch.

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Am ersten Abend des Besuchs steht Botschafter Steck nun im Rahmen einer Flügeltür zum Balkonzimmer im ersten Stock des königlichen Palais Noordeinde; ihm gegenüber haben Königin Beatrix, der Bundespräsident, Frau Köhler, der Prinz von Oranien und Prinzessin Máxima Aufstellung zum Defilee vor dem Staatsbankett genommen. Nacheinander präsentiert der Protokollchef die deutschen Gäste. Der Oberhofmeister hat für den Anlass Frack vorgeschrieben. Neben dem Balkonzimmer werden unter enormen Kronleuchtern Genever und Gouda zum Aperitif gereicht, im Ballsaal gießen livrierte Lakaien schon mal einen Puligny-Montrachet 1er Cru für die Toasts nach den Tischreden in vergoldete Gläser. Das offizielle Abendessen der Königin ist als 13. Programmpunkt auf Seite 36 im insgesamt 165 Seiten dicken Protokollbuch verzeichnet. Neben der Begrüßung mit militärischen Ehren, einem Geschenke- und Ordensaustausch, Terminen in Senat und Abgeordnetenhaus, Begegnungen mit dem Ministerpräsidenten, einem Besuch des Internationalen Strafgerichtshofs, einer Podiumsdiskussion, einem Chorkonzert mit anschließendem Cocktailempfang, einem Universitäts- und Ausstellungsbesuch sowie zwei Gesprächskreisen über die Perspektiven der bilateralen Zusammenarbeit weist das Programm insgesamt 30 Einzeltermine für den knapp 60-stündigen Staatsbesuch auf. Nicht mitgerechnet: diverse Transfers im standergeschmückten Staats-Cadillac „Saint-Tropez“ samt 15 Mann starker Ehreneskorte auf Motorrädern.


Ist der Bundespräsident auf Reisen, wird er von Ronny Archut begleitet, einem äußerst höflichen jungen Mann mit auch abends noch tadellos sitzendem Anzug und perfekt gebundener Krawatte. Herr Archut ist der Hausintendant des Bundespräsidenten, eine Art moderner Majordomus. Auf Reisen ist er mit dabei, um sicherzustellen, dass die Garderobe des Präsidenten in Schlössern, Gästehäusern und Hotelsuiten knitterfrei im Schrank hängt. In einem unscheinbaren Aktenschrank in einer Ecke seines Büros im Nordflügel von Schloss Bellevue bewahrt Ronny Archut außerdem die Orden des Bundespräsidenten auf. Er weiß genau, wie und zu welchem Anlass sie korrekt angelegt werden und dass es wichtig ist, die Lackschuhe zum Frack vor dem Hemd anzuziehen, da man ansonsten wegen der steifen Hemdbrust nicht mehr zum Zubinden runterkommt. Außerdem kümmert sich Hausintendant Archut darum, dass der Bundespräsident gelegentlich wenigstens auf Autofahrten was zu essen bekommt. Oder eine Scheibe Leberkäse mit süßem Senf als nächtlichen Imbiss in der Residenz des deutschen Botschafters in Den Haag. Seit 15 Stunden ist der Bundespräsident am zweiten Besuchstag schon auf den Beinen, bis auf eine Umziehpause vor der abendlichen Gegeneinladung für die Königin hatte er keine freie Minute. Inzwischen ist es halb elf, und Horst Köhler sitzt immer noch ziemlich frisch im Kaminzimmer. Über ihm schwebt ein Deckengemälde aus dem frühen 18. Jahrhundert, es zeigt einen himmlischen Bacchanal. Der Bundespräsident im beige-goldenen Fauteuil darunter trinkt mit den Journalisten ein Glas Rotwein. Heute Nachmittag hatte er anlässlich einer Podiumsdiskussion über Nachhaltigkeit und Klimaschutzziele sehr elegant diverse Strategien zur Vermeidung klarer Antworten vorgeführt. Nun sitzt er unter einer Verkörperung der Milde in Öl. Vorsichtshalber mahnt Pressesprecher Martin Kothé gleich zweimal Vertraulichkeit an.

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