Interview mit einem Vampir

Keine Angst, der Hund hat nichts zu befürchten, obwohl er Imelda Marcos, 78, gehört. 20 Jahre lang saugte sie als First Lady der Philippinen das Volk aus, musste dann mit ihrem Mann ins Exil - nun ist sie wieder da. Und will den Menschen Schönheit bringen. Und Liebe. Ja, ihr Schuhtick ist noch der harmloseste Tick.

 

Möglicherweise spielt Imelda Marcos ja bereits in der Liga von Marge Simpson oder dem Holzmichel und funktioniert in der öffentlichen Wahrnehmung mehr als Comicfigur und eingeführte Marke denn als Person aus Fleisch und Blut. Etwas, das bisher nur wenige geschafft haben. Evita Perón zum Beispiel, Paris Hilton oder auch Karl May, um mal drei zu nennen. Sie wissen schon.

Das Gefährliche bei Imelda Marcos aber und dem unwillkürlichen Grinsreflex, der allein die Erwähnung ihres Namens hervorruft, wird dabei gern übersehen: Imelda Marcos ist nicht bloß die leicht angetitschte Ex-Schönheitskönigin, die auf dem Gipfel ihrer Macht zwischen 1200 und 3000 exklusive Paar Schuhe besessen haben soll – da schwanken die Angaben; nein, Imelda Marcos war die rundum nicht harmlose Gattin eines korrupten Schurken und dessen Erfüllungsgehilfin bei dem Plan, ihr Volk auszubluten. Dass Imelda Marcos nach ihrer Rückkehr aus dem hawaiianischen Exil heute wieder in Manila lebt und dort in Protz und Prunk nahezu unbehelligt Verschwörungstheorien vor der Weltpresse spinnen darf, gehört zu den Mysterien der jüngeren Geschichte des gebeutelten Landes, bringt allerdings auch gut zum Ausdruck, über welch starke Aura Imelda Marcos verfügt.

Egal wo die inzwischen wächsern wirkende, aber immer noch tipptopp zurechtgemachte Greisin auftaucht, bannt sie Zuhörer. Mit Geschichten von tausendundeiner Macht, aus Tagen, in denen sie mit Ronald Reagan tanzte und auch von den restlichen Weltführern hofiert wurde. „Ich habe in meinem Leben das Beste vom Besten erlebt und das Übelste vom Üblen“, sagt sie und umreißt mit diesem einen Satz eine Lebensgeschichte, die Stoff für Hollywood abgäbe, Romanze und Politthriller, Tragödie und Posse in einem. In den Nebenrollen könnten unter vielen anderen auftreten: Mao, Gaddafi, Andy Warhol, Rockefeller. Manche der arabesken Episoden aus dem Kostümschinken – nennen wir ihn „The Imeldific“ – verhalten sich zu dem, wie große Teile der Welt die philippinische Vergangenheit bewerten, in etwa so wie die Hitler-Tagebücher zum Dritten Reich, aber bitte, was soll’s. Die Realität hat Imelda Marcos’ Sicht der Dinge noch nie sonderlich beeinflusst: „Ich sehe Schönheit in allem!“ lautet ihr Credo früher wie heute. Diesen „Auftrag“, beichtete sie neulich in einem Fernsehinterview, habe sie von ihrem Gatten, Ferdinand Marcos, mit auf den Ehe-Weg bekommen: „Er sagte, ich sei die Gastgeberin in einem Haus, das er baue! Und was zeichnet eine gute Gastgeberin aus? Schönheit!“

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Nun ist Schönheit eine Tugend, die im Auge des Betrachters liegt. Doch selbst ein toleranter Inneneinrichter dürfte im großzügig bemessenen Marcos-Apartment im 34. Stock eines Nobelblocks in Manila an seine Grenzen stoßen: Ein plüschiger Dalmatiner-Snoopy, mehr als einen Meter groß, steht auf einem Stuhl aus der Zeit der chinesischen Ming-Kaiser; an der Wand ein Gemälde von Michelangelo, „Madonna mit Kind“; und überall und irgendwo hängen Meisterwerke von Picasso und Pissarro über Kübeln mit Blumen aus bemalten Muschelschalen. Eine goldpatinierte Louis-XV-Garnitur und ein schmuckloses Rack mit Videokassetten von „Pretty Woman“ bis „James Bond“ greifen den Sehnerv an, Tiffanylampen, kostbarer Jade-Nippes, ein Sony-Plasmafernseher und goldene Buddhastatuen geben ihm den Rest. Es ist eine protzblitzende Welt, in der die ehemalige First Lady der Philippinen zum Interview empfängt, wobei das designte Durcheinander in den Gemächern wunderbar mit dem krausen Geplapper der Diva korrespondiert, mit dem sie sich die Vergangenheit schönredet: Alles glänzt und funkelt aufs Wunderlichste, aber nichts passt so wirklich zusammen. Beispielsweise redet Imelda Marcos gern davon, dass sie früher, als erste Frau im Staat, stets eine Stütze der Armen und Entrechteten gewesen sei. In ihrer Amtszeit von 1965 bis 1986 fiel Imelda Marcos jedoch niemandem durch überragende altruistische Wesensart auf. Viel größer war ihre Sorge, zwischen Paris und New York die richtigen Kleider zu erwischen, dazu die passenden Handtaschen und Schuhe, immer wieder Schuhe, Schuhe, Schuhe. 1986 hatte das Volk dann genug: Ferdinand Marcos wurde nach 21 Jahren Korruptionsherrschaft abgesetzt, zusammen mit Imelda floh er nach Hawaii. Im Gepäck den bitteren Nachruf der Organisation Transparency International, wonach das Marcos-Regime das zweitkorrupteste Regime der Welt gewesen sein soll, nur die Suhartos aus Indonesien waren noch schlimmer.

Penibel wurde inventarisiert, was Imelda Marcos im Malacañang Palast in Manila bei ihrer Flucht zurücklassen musste: 15 Nerzmäntel, 65 Sonnenschirme, 508 bodenlange Kleider, 888 Handtaschen, 71 Sonnenbrillen. Die Anzahl der Schuhpaare konnte nur geschätzt werden, ihre damals beschlagnahmte Schmucksammlung wurde 2006 auf rund 800 Millionen Dollar taxiert. Und? Bereut sie ihren hysterischen Kaufrausch? Wenigstens ein wenig? Aber so was von überhaupt nicht! Als Imelda Marcos 1991 von Hawaii auf die Philippinen zurück-kehrt, poliert sie noch das Image der Gierigen und Schuhverrückten: Sie eröffnet in der Hauptstadt, genauer im Distrikt Marikina, ein Schuhmuseum, hauptsächlich mit Exponaten aus ihrer eigenen Sammlung. Gäbe es für Chuzpe eine Medaille, Imelda Marcos würde sie gewinnen.

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