Die wilde Anna

"Ich bin jung, wunderschön und singe, bis ich nicht mehr kann" sagt Anna Netrebko über sich selbst. Aber nicht nur das. Sie ist der erste Popstar der Oper, Millionen kaufen ihre CDs. Ihre Stimme hat diesesn Sog, den es nur einmal in hundert Jahren gibt. Als Gott sie schuf, musser Mozart gehört haben... Axel Brüggemann erklärt, warum diese Frau so verehrt wird. Mit exklusiven Fotos von Martin Schoeller.

 

Es war ein Fehler, mit Anna Netrebko über Musik zu reden. Als ich sie das letzte Mal traf, wollte ich wissen, was sie von der Gegenwartsmusik hält. Keine gute Idee. Ihre Augen hörten plötzlich auf zu funkeln und suchten mit großem Kullern die Decke ab. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder bei sich war: „Willst du nicht lieber wissen, was ich kann, außer zu singen?“ Dann nahm Anna einen Stift in jede Hand und schrieb ihren Namen gleichzeitig in Spiegelschrift und richtig herum. Dann noch einmal das Gleiche in Kyrillisch. Und als sie fertig war, grinste sie wie ein kleines Mädchen, das der Frage nach der richtigen Mathe-Antwort durch einen Trick entkommen war. Jede Sängerin hätte jetzt irgendetwas von den Neutönern Rihm, Lachenmann oder Stockhausen erzählt, sich über das kakophonische Pling-Plang-Plong begeistert. Im Klassik-Zirkus gehört das zum guten Ton. Doch Anna antwortete nur: „Um ehrlich zu sein, ich kenne gar keine lebenden Komponisten!“ Dann gackerte sie und nahm den Stift wieder in die Hand: „Ich zeige dir noch einen Trick.“ Dieses Mal war es ein altes Seemannsspiel. In rasanter Geschwindigkeit hämmerte sie das Holz zwischen ihre schlanken Finger. Danach grinste sie: „Vergiss die Komponisten! Jetzt bist du dran.“ Seit Maria Callas war kein Opernstar mehr so Mainstream wie Anna Netrebko. Sie ist Soap und Opera in einer Person. Doch während die Callas eine Tragödin war, ist Donna Anna der Gegenentwurf. Sie säuft, schnattert und singt. Anna Netrebko verkörpert, was die Oper selten hatte: die unendliche Leichtigkeit des Seins. Ihre Alben mit Arien von Puccini und Verdi landen in den Popcharts, Thomas Gottschalk setzt sie halbnackt auf sein Samstagabendsofa neben Robbie Williams und betatscht den Klangkörper mit Altherrenworten, der Telefonanbieter O2 legt sie splitternackt in die Badewanne. „Es war das längste Bad meines Lebens“, pariert Netrebko jede Kritik an ihrer öffentlichen Inszenierung, „aber kein Problem, ich wurde rund um die Uhr mit Champagner versorgt.“ Die neue Operndiva erklärt der alten Kunst die Götterdämmerung. Anna Netrebko ist Soap und Opera in einer Person. Zu Hause in ihrer St. Petersburger Zweizimmerwohnung dreht sie den Sony-Player auf, legt sich auf den Flokati, hört Justin Timberlake und Christina Aguilera. Gleichzeitig singt sie neben Rolando Villazón und Plácido Domingo, wird in New York, London, Salzburg, in Berlin und München mit Verdi, Dvorák und Mozart gefeiert.

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Was viele nicht wissen: Die Sängerin ist von Selbstzweifeln gequält. Während Operneinsteiger jubeln, krittelt das Feuilleton. Der Hype macht verdächtig, besonders in Welten, in denen die Zeitrechnung nicht nach Moden, sondern nach klassischen Perioden gemessen wird. „Alles Inszenierung!“, schreien die Kulturreporter, und Stimm-Papst Jürgen Kesting spöttelt: „Anna Netrebko ist eine hinreißende Sängerin für Leute, die mit den Augen hören.“ Wird ihre Karriere so schnell zu Ende sein, wie sie begonnen hat? Wer Anna Netrebko nicht nur von der Litfaßsäule kennt, ist verblüfft, welch schmale Schultern den großen Ruhm tragen. Wenn man vor ihr sitzt, glittert da wenig, kein aufdringliches Parfüm, keine Schminke. Sie sieht aus wie eine Oberschülerin, die dunklen Haare aus der Werbung sind dünner, als man denkt und dienen hauptsächlich dazu, den Händen, die sie immer wieder verlegen durchstreifen, eine Beschäftigung zu geben. Ihr Körper schafft es gerade einmal zehn Minuten die Konzentration einer Operndiva zu halten, dann beginnt er in alle Richtungen zu zappeln. Nur die Augen sind genauso, wie der stern einmal dichtete, „sie versprechen jedem alles“. Ihre schmalen, dauerbewegten Marathon-Lippen helfen ihnen dabei. Anna Netrebko plappert gern und erzählt jedem, was er hören möchte. Niemand nimmt es ihr übel, weil sie keinen ohne Geschichte nach Hause schickt. Dem einen Reporter sagt sie, Champagner sei ihr Lieblingsgetränk, dem andern Wodka. Sie hat immer einen anderen Geschmack. Einem Frager verrät sie, dass sie davon träumt, nackt zu singen, dem nächsten, dass sie das völlig anders gemeint habe. Einen Tag verkündet Anna Netrebko: „Ich habe mich um die österreichische Staatsbürgerschaft beworben“, einige Tage später – die russische Presse tobt und die österreichische frohlockt –, betont sie, dass sie Russin bleibe, auch wenn ihr Wiener Antrag in Kürze wohl angenommen wird. Anna Netrebko malt ihre Wirklichkeit wie Pippi Langstrumpf und tapeziert die Villa Oper kunterbunt – eine Welt, wie sie ihr gefällt. Und die ist oft besser als die Realität.

Als Anna sechs Jahre alt war, standen plötzlich ihre Freunde vor der Tür. Die Mutter fragte: „Was wollt ihr denn hier?“ – „Annas Geburtstag feiern!“, antworteten die Kinder im Chor. Die Mutter hat schnell den Tisch gedeckt und eine Party inszeniert. Obwohl Anna erst ein halbes Jahr später sieben wurde. So, wie das Kind mit ihren Freunden gespielt hat, spielt der Sopran heute mit den Journalisten. Und die stehen gern vor ihrer Tür und singen ihr ein Ständchen. Anna, die Vielsagende. Einmal ist Champagner ihr Lieblingsgetränk, im nächsten Interview sagt sie „Wodka!“ Und so sind die Märchen entstanden, die zu schön sind, um unwahr zu sein. Zum Beispiel, dass sie im St. Petersburger Mariinskij-Theater als Putzfrau entdeckt wurde. Das wird gern abgeschrieben, stimmt aber nicht. Wahr ist, dass Anna schon immer ein Faible für Ruhm und Öffentlichkeit hatte. Gemeinsam mit den Jungpionieren trällerte sie ABBA-Songs, und 1988 hat sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester Natascha beim Schönheitswettbewerb Miss Cuban beworben – und wurde in einem silbern glitzernden Badeanzug Zweite. „Wir fanden uns damals unglaublich schön“, sagt sie heute. Als Preis gab es einen Farbfernseher. Natascha gewann den Wettbewerb. Anna ist in Krasnodar aufgewachsen, einer Arbeiterstadt im südöstlichen Russland, der ehemaligen Kornkammer der UdSSR. „Da gab es nichts“, erinnert sie sich, „nicht einmal ein Opernhaus.“ Sie wuchs im Schatten von Industrieraffinerien als Tochter einer gutsituierten Ingenieursfamilie auf; das Klavier gehörte zum Haushalt, und nach der Oberschule brach sie über 1000 Kilometer nach St. Petersburg auf, um zu singen. Damals kannte sie noch keine Opern, nur Operetten.

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in der Ausgabe 08/2006


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