Gipfel der Fußballversteher

Im Western wäre nur Platz für einen von ihnen. Im Fernsehn aber senden sie friedlich nebeneinander. Sogar die WM haben sie sich aufgeteilt. Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner. PARK AVENUE brachte sie zum Gespräch zusammen auf die Couch. Denn es kann nur beide geben...

 

Eine Hamburger Hotelsuite mit Blick auf die Alster. Gipfeltreffen der beiden TV-Stars, die sich das deutsche Fernsehen aufgeteilt haben. Die Namen - damit es keinen Streit gibt - in alphabetischer Reihenfolge: Beckmann und Kerner. Ein Männergespräch über ihre WM, ihren Glauben und ihre Kinder...

HERR KERNER, wie es aussieht, werden Sie nie ein WM-Finale in Deutschland kommentieren. Stattdessen darf am 9. Juli der Kollege Beckmann ran. Neidisch?

JBK: Erstens: Ich bin eine neidfreie Zone. Zweitens: Ich moderiere, Reinhold kommentiert. Das ist ein großer Unterschied. Drittens: Reinhold hat in den letzten knapp 20 Jahren so viel für den Sportfernsehjournalismus getan, dass er es mehr als verdient hat. Außerdem ist er ein hervorragender Kommentator. Ich gönne ihm das Finale.

Und Sie, Herr Beckmann? Stolz?

RB: Glücklich, würde ich eher sagen. Schon als kleiner Bengel hab ich mich da hingeträumt. Wenn ich als Kind mit meinen Brüdern samstags Fußball spielte, waren wir immer rechtzeitig zur Schlusskonferenz der Bundesliga wieder zu Hause vorm Radio und haben die Kommentatoren nachgemacht. Kurt Brumme zum Beispiel mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Oder bei Radio Bremen, da gab es einen Verrückten, einen poetischen Fußball-Philosophen, Helmut Poppen. Seine Gedanken flogen manchmal auf und davon. Den fand ich irgendwie gut. Da hab ich schon davon geträumt, das möchte ich eines Tages auch machen.

Mit dem Finale erfüllt sich also ein echter Lebenstraum.

RB: Kann man so sagen, absolut.

Werden Sie denn wenigstens im Stadion sein beim Finale, Herr Kerner?

JBK: Da können Sie mal von ausgehen. Allerdings habe ich noch keine Karte.

Die WM im eigenen Land. Ist das etwas Besonderes für Sie? Spüren Sie einen stärkeren Druck?

JBK: Ich sträube mich ein bisschen gegen diesen Ausdruck „im eigenen Land“. Dieses Land gehört mir ja nicht. Natürlich gibt es jetzt einen besonderen Hype. Aber ich glaube, es wird nicht anders sein als eine WM in Frankreich, oder Reinhold?

RB: Na ja, wenn Elfenbeinküste gegen Argentinien in Hamburg spielt, kann ich mit dem Fahrrad zum Stadion fahren. Oder ich setz mich ganz entspannt in den Zug nach Berlin, um Brasilien gegen Kroatien zu kommentieren. Das macht vieles leichter. Bei der Italia 90 mussten wir immer überlegen, wie wir jetzt schnell von Mailand nach Rom oder Neapel kommen.

JBK: War aber auch nicht schlecht.

RB: Wunderbar war das.

Die Erwartungen an die WM und die deutsche Mannschaft sind sehr groß. Manche erwarten von deren Abschneiden gar Auswirkungen auf politische Reformprozesse und wirtschaftlichen Aufschwung. Teilen Sie diese Ansicht?

RB: Es gibt ja inzwischen die seltsame Auffassung, dieses Land kann nur genesen, wenn Deutschland Weltmeister wird. Das halte ich für einen absurden Versuch, besonders seit dem erfolgreichen Confed-Cup, dem Fußball eine gesellschaftliche Kraft und politische Bedeutung zuschreiben zu wollen, die absolut übertrieben ist.

JBK: Die Veränderungen von Klinsmann bei der Nationalmannschaft sind – egal, was zurzeit so gerne geschrieben wird – in keiner Weise vergleichbar mit den großen Reformen, die das Land dringend braucht oder anstrengt.

RB: Der Sport kann doch nicht von dem ablenken oder gar das ersetzen, was eigentlich die Politik leisten sollte. Auch wenn ihm in einer entpolitisierten Zeit neuerdings die Feuilletons jovial auf die Schultern klopfen. Ich finde das unangemessen und grotesk.

Könnte nicht eine extrem positive Stimmung entstehen, die zu einer gesellschaftlichen Aufbruchstimmung führt?

JBK: Natürlich wird dieses Turnier eine besondere Stimmung, eine Euphorie auslösen. Doch all diejenigen, die hoffen, dass die WM Veränderungen bringen oder forcieren kann, wie zum Beispiel der Weltmeistertitel 1954 nach dem Krieg oder 1990 nach dem Mauerfall, die werden völlig enttäuscht werden. Das liegt aber in erster Linie daran, dass wir nicht Weltmeister werden.

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