Star-Schnitt

Stylisten sind die neuen Bosse von Hollywood. Indem sie bestimmen, was Leinwandgötter auf dem roten Teppich (und im Supermarkt) tragen, machen sie Kleider zum Must-have fürs Volk. Es geht um 160 Milliarden Dollar jährlich – da muss man schon mal harte Bandagen zum Abendkleid anziehen

 

Es war Mitte September, am Sonntag nach den Modenschauen in New York, als Rachel Zoe zum Angriff blies. Vor fünf Jahren noch war sie eine Stylistin von vielen, aber mittlerweile kennt die Welt Zoe als jene Frau, die Starlets wie Lindsay Lohan, Mischa Barton und Nicole Richie einen Modestil verpasste, der sie zu Vorbildern für junge Frauen auf der ganzen Welt machte.

Im Ton charmant, in der Sache beinhart, stellte Rachel Zoe, 36, im Magazin der New York Times die Machtfrage: „Anna Wintour ist meine Heldin, aber alle sagen mir, dass ich viel einflussreicher bin. Vogue ist natürlich ganz großartig, hat aber leider keine Wirkung darauf, wie gut die Geschäfte eines Designers laufen. Wird aber eine Celebrity in der Paparazzi-Presse mit einer völlig unbekannten Marke abgebildet, kann daraus innerhalb einer Woche der angesagteste Designer der Welt werden.“

Wintour, die Chefin der US-Vogue, unumstrittene Königin im Reich der Mode und spätestens seit dem Film „Der Teufel trägt Prada“ eine Legende, äußerte sich vorerst nicht zu diesem Angriff – dafür hat sie ihre Fußtruppen in den Blogs. Aber die Kollegen gingen sofort auf Distanz: „Ich kann nicht glauben, dass Rachel Zoe das gesagt hat. Das ist so großspurig“, sagt Phillip Bloch, der unter anderem Sandra Bullock einkleidet. Bloch rühmt sich gern damit, als Erster celebrity dressing praktiziert zu haben, doch Rachel Zoe hat ihn längst an Bekanntheit überrundet. „Anna Wintour macht eine Modemarke groß, wir brechen den Look herunter, sodass jeder ihn tragen kann.“ Brav gekuscht, Phillip.

Zoe jedoch hält sich nicht an die Hackordnung. Sie ist eine von knapp zehn führenden celebrity stylists und celebrity dressers, vermutlich die mit dem besten Gespür für das veränderte Machtgefüge in der Mode und mit dem klaren Plan, diese Zunft bald in Richtung höhere Sphären zu verlassen. Und dazu gehört nun mal Präsenz in der Öffentlichkeit. Den Platz hinter den Kulissen überlässt sie Kollegen wie L’Wren Scott – bekannt für ihren eleganten pariserischen Couture-Stil –, die nur als Freundin von Mick Jagger öffentlich auftritt, als dresser von Nicole Kidman jedoch äußerste Zurückhaltung übt. Auch Jessica Pastor scheut die Öffentlichkeit, sie gilt als besonders schwieriger Fall, auch unter Kollegen: „Sie ist link und unorganisiert, jeder weiß es, und niemand hat Respekt vor ihr“, sagt Phillip Bloch freundlich lächelnd. „Aber sie zieht mehr Leute an als Rachel und ich zusammen.“

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Seit der zweiten Hälfte der 90er-Jahre hat sich der Einfluss der Stars auf die Mode ständig erweitert, vor allem dank junger Klatschblätter wie US Weekly in den USA oder Heat in England. Diese Zeitschriften schufen sich eine eigene Kaste neuer Prominenter: Frauen wie Sienna Miller, die Karriere machen, weil sie Sinn für Modetrends und Style beweisen. Ihre Hauptbeschäftigung: Partys besuchen und großartig aussehen. Dafür brauchen sie Helfer, die Stylisten, die für sie einen Look kreieren. „Leute wie Nicole Richie werden wegen ihres Modegeschmacks bekannt, aber natürlich war das in Wahrheit mein Geschmack“, sagt Rachel Zoe unbarmherzig. Ihren Bohemian-Look – auf elegante Weise verwahrlost, sonnengebräunt, mit riesigen Sonnenbrillen und fransigen Haaren –, so erklärt wiederum Phillip Bloch, „mag ich sehr, aber er ist jetzt ein bisschen out“. Der Job von Rachel Zoes jungen Kundinnen ist es, fotografiert zu werden, sobald sie aus dem Haus gehen – und dann so oft wie möglich. Also zieht sich Lindsay Lohan auf dem Weg von einer Party zur nächsten pro Abend bis zu fünfmal im Auto um. So ist sichergestellt, dass es genügend verschiedene Fotos von ihr gibt, die in Zeitschriften, Tageszeitungen und auf Websites veröffentlicht werden können. In diesem Spiel wird nichts dem Zufall überlassen. Wer glaubt, dass die „ungeschminkten“ Fotos von Mischa Barton oder Keira Knightley in Trainingshosen bei Starbucks oder im Supermarkt ganz und gar zufällig zustande kommen: von wegen. Zoe hatte sich zuvor oft Outfits für diese Shopping-Fotos überlegt. Und wenn Cameron Diaz dreimal pro Woche mit derselben Tasche fotografiert wird, hat ihre Agentur die Taschen von der „Entertainment Industry Relations“-Abteilung oder der VIP-Abteilung eines Modehauses geschickt bekommen.


Im alten Hollywood waren Joan Crawford, Barbara Stanwyck und ihresgleichen Stars, ehe sie Modevorbilder wurden. Heute läuft die Karriere umgekehrt: Sienna Miller fing als Stil-Ikone an (oder, wie manche meinten, als billige Kate-Moss-Kopie) und hofft bis heute auf ihren Durchbruch als Schauspielerin. Und anders als früher muss keine Ikone jederzeit untadeliges Benehmen an den Tag legen: Trunkenheit am Steuer und mit Drogen oder ohne Unterhose erwischt zu werden geht als altersbedingtes Über-die-Stränge-Schlagen durch und gilt als ganz sexy, solange das Gesamtbild stimmt: cool, schick, jung, schön, ein bisschen verdorben und immer im Mittelpunkt. Sobald man allerdings nur noch Hohn und Mitleid erntet wie Britney Spears, ist Schluss mit dem Verständnis.

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