Unser Fremdenführer

Der neue PARK AVENUE-Kolumnist ANTHONY LASSMAN ist der Kopf von „Nota Bene“, dem edelsten Reise-Guide, seit es Touristen gibt – was er über eine Stadt nicht weiß, lohnt sich nicht zu wissen

„Hat das Claridge’s nicht eine ganz wunderbare Persönlichkeit?“, fragt Anthony Lassman, springt von einem Seidensessel in der Penthouse Suite des Londoner Grandhotels auf und wirkt dabei, als sei das Wort „Gentleman“ für ihn erfunden worden: Der sehr schlanke, sehr elegante Mittfünfziger steckt in einem Maßanzug, der Händedruck nicht zu leicht und nicht zu fest, die Stimme nicht zu laut und nicht zu leise. „Ein Glas Champagner?“ Er weiß, wie man Atmosphäre schafft. Und genau diese Gabe hat er vor Jahren zu seinem Beruf gemacht, indem er „Nota Bene“ erfand – den elitärsten Reiseführer der Welt. Man kann ihn nicht kaufen, sondern nur abonnieren – zehn Ausgaben für 375 Pfund im Jahr. Bei „Nota Bene“ darf man sich fühlen wie in einem Club, dem auch Vielfl ieger wie Mick Jagger, Jerry Hall, Jemima Goldsmith, Gwyneth Paltrow, Ralph Lauren und Michael Kors angehören. Entsprechend ist der Sprachstil von „Nota Bene“, nämlich so, als würde ein weit gereister Freund plaudernd seine Lieblingsadressen verraten: „Wenn Sie schon gezwungen sind, in Nizza zu bleiben, ist das Palais de la Méditerranée der Taittinger-Dynastie die beste Wahl“, steht da. Oder: „Buchen Sie im Four Seasons Paris Zimmer nur in der sechsten oder siebten Etage, die haben herrliche Terrassen.“ Anthony Lassman benutzt das Wort „bespoke“, also „maßgeschneidert“, nicht nur, wenn er über Herrenausstatter spricht. Auf verschwenderischen Luxus, dieses „top, top, top“, kommt es ihm nicht so sehr an; statt dessen müsse man immer auch den Kontext eines Hauses betrachten: Ist es authentisch? „In Brasilien kann ich einfach nicht den Service-Standard wie im Peninsula Hong Kong erwarten.“ Dafür habe man dort die herrlichsten tropischen Landschaften, bezaubernde Menschen und auch ein paar „dark sides“. Begonnen hat diese Passion, als Lassman 14 war. Mit den Eltern absolvierte er einen klassischen 60er-Jahre-Familienurlaub an der Adria. Eines Nachmittags war er verschwunden. „Weil ich gehört hatte, dass man mit der Bahn in ein paar Stunden in Venedig ist.“ Die Aufregung war natürlich riesig, doch „mich hat dieser Ausflug unbeschreiblich glücklich gemacht“. In Venedig fand er, wovon er damals schon träumte: Kunst, Geschichte, Glamour und spannende Leute. Später entschied er sich auf Drängen des Vaters für den Beruf des Bauunternehmers: Er kaufte alte Fabriken und machte Luxuswohnungen daraus. Weil er in diesem Geschäft gut war, wurde er „leidenschaftlicher Reisender“, vor allem nach der Hochzeit mit Elaine, dieser „wunderbaren Frau und brillanten Designerin“. Das hätte nun ewig so weitergehen können mit den beiden und ihren drei Kindern. Doch dann kam dieser Tag, kurz vor seinem 50. Geburtstag, „wo andere noch mal ein Baby zeugen oder sich eine Geliebte suchen“.

Anthony las einen Artikel über ein neues Hotel in einem Bordmagazin. Er kannte das Haus und ärgerte sich sehr über den Stuss in dem Heft. „Was schreiben diese Leute“, beschwerte er sich bei Elaine. Worauf sie cool sagte: „Na, dann bring doch selbst einen Reiseführer raus. Du interessierst dich doch seit Jahren für Hotels!“ Und damit hat sie ihn einmal mehr verblüfft: „Genau das wollte ich. Sofort!“ Zurück in London, hat er eine Kreativagentur engagiert. Die erfand den Namen und die Optik von „Nota Bene“. So wurde Anthony Herausgeber und Elaine sein wichtigster Consultant. Und weil sie sich im Fashion- und Interiordesign so gut auskennt, gibt sie nun einen eigenen Stadtführer heraus, „Nota Bene Pulse“. „In dem listet sie auf, was kein Concierge weiß“, wie Anthony erzählt: Herrliche kleine Shops für Seife oder Schokolade, die besten Yoga- Studios, spezielle Friseursalons für Blonde und die wichtigsten Modeboutiquen, deren kompetenteste Verkäufer gern auch mal namentlich erwähnt werden. Lassman selbst treibt inzwischen den Aufstieg zu einer weltweit bekannten Luxusmarke voran. Ab sofort bietet er nämlich einen noch exklusiveren Service an: Auf Einladung und mit 20 000 Pfund Aufnahmegebühr kann man das „Nota Bene Premium Level“ erreichen, bei dem jedem Mitglied jederzeit ein persönlicher Assistent zur Verfügung steht. Im Januar mit der Freundin zu den Schauen nach Mailand, Ostern zum Skifahren nach Courchevel, im Sommer an die Amalfiküste? Alles wird auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten. Um sicherzugehen, dass alle Mitarbeiter weltweit beim Hotelcheck auf die richtigen Dinge achten, hat Anthony eine Liste mit Standardfragen erstellt. Am wichtigsten aber ist ihm der Service: „Behandeln sie dich beim Check-in als Statisten – oder kapieren sie, dass du einen Langstreckenflug hinter dir hast?“ Nach der ersten Prüfung kommt der Meister mit Frau persönlich vorbei, und beide kontrollieren alle Informationen noch mal. Dass sie so fast jede Nacht in einem anderen Hotel übernachten müssen, ist für den Reisesüchtigen blanker Genuss. „Ich sitze in einer Lobby, warte auf meine Frau, um zum Dinner zu gehen, und bin der glücklichste Mensch auf der Welt.“