Die besessene Hälfte

Der französische Staatspräsident ist verheiratet. Und ob das eine Nachricht ist! CÉCILIA SARKOZY gehört nämlich zu der Spezies Frau, von der Männer träumen – solange es nicht die eigene ist: Denn diese First Lady geht keinem Skandal aus dem Weg und in die Küche nur, wenn dort auch ein Krisenherd steht

 

Cécilia ist nicht schön, sie ist schlimmer. Sie ist die Frau seines Lebens, und da raus macht der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy kein Hehl. Aber ob er auch der Mann ihres Lebens ist, weiß nur ein Mensch, nämlich sie selbst. Dazu schweigt sie sich aus; sie schweigt überhaupt gern. Doch man muss nicht unbedingt den Mund aufmachen, um gemein zu sein. Seit der 52-jährige Sarkozy vor sechs Monaten zum französischen Staatspräsidenten gewählt wurde, hat er alles unter Kontrolle: Die eigene Partei verharrt in Anbetung, die sozialistische Opposition ist ausgeschaltet, die Medien sind begeistert, die Meinungsumfragen berauschend. Kurz: Frankreich liegt ihm zu Füßen, dem „neuen Napoleon“, wie der kleine Präsident von seinen wenigen Gegnern genannt wird. Selbst George Bush mag ihn. Doch mag ihn auch seine eigene Frau? „Cécilia ist meine Stärke und meine Achillesferse“, hat er einmal über sie gesagt. Und auch: „Im Grunde ist Cécilia meine einzige Schwäche.“ Das weiß die Welt spätestens seit Sarkozys Triumph am 6. Mai. Mehr als 53 Prozent der Franzosen haben an diesem Tag für ihn gestimmt, Cécilia nicht. Sie, die jahrelang an der Karriere ihres Gatten gearbeitet hat, ihn und sich beständig ins Rampenlicht rückte, erscheint nie im Wahllokal. Und kam auch nicht zu der von ihr organisierten Siegesparty im mondänen Fouquet’s auf den Champs-Élysées. Politprominenz, das Showbusiness, Freunde und Familie warteten auf die première dame de France – doch der Platz an Sarkozys Seite blieb zunächst leer, was sie umso mehr in den Mittelpunkt rückte. Statt richtig zu feiern, greifen alle zum Handy. Ihr frisch gewählter Mann, ihre Töchter, Sarkozys Bruder, dessen Frau, selbst Laetitia Hallyday, die junge Frau des geriatrischen französischen Rockstars Johnny. Stundenlang flehen und betteln sie, Cécilia möge doch bitte, bitte, bitte erscheinen. Als Madame endlich auftritt, nachts um halb elf, wirkt sie wütend und zugleich abwesend; auch sieht sie, die sonst ewig Durchgestylte, für ihre Verhältnisse aus wie ein ungemachtes Bett. Keine Schminke überdeckt die Blässe, die durch tägliche Gymnastik gestählten langen Beine stecken in einer zerknautschten Hose, die Haare sind zurechtgezupft. Später, auf der Place de la Concorde, schreit sie ihren Präsidenten-Mann sogar an, vor Tausenden seiner Anhänger, die zum Jubeln gekommen sind, vor Millionen Franzosen, denen vor ihren Fernsehern die Kinnladen runterklappen.

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„Sie haben Jackie Kennedy gemocht, sie werden Cécilia anbeten“, hatte Sarkozy im Fouquet’s noch launig gescherzt, um die Abwesenheit seiner 49-jährigen Gattin irgendwie zu möblieren. Doch das Spektakel, das sie anschließend veran staltet, ist Lichtjahre entfernt von der stets eleganten Pflichterfüllung der seligen Jacqueline. Und nie zuvor hat sich eine französische First Lady dermaßen bizarr bei der Nation eingeführt. Nach diesem Auftritt rechnen die Franzosen bei Sarkozys Amtsantritt zehn Tage später mit dem Schlimmsten: Wird Cécilia in Jeans auf dem roten Teppich herumschlunzen, maulend und schmollend? Mitnichten. In Prada gewandet nimmt sie, inmitten ihrer Patchwork-Familie, hoheitsvoll die Huldigungen des Publikums entgegen und bleibt auch für die Fotografen stehen – als sei sie Angelina Jolie in Cannes und nicht First Lady in Paris. Später presst sie sich sogar Tränen aus den hellen Augen und gestattet ihrem vor Stolz platzenden und verliebten Gatten, ihr einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Der hat alles im Griff, nur seine Frau nicht. Dafür hat sie ihn im Griff.
Ihre Vorgängerinnen blühten im Verborgenen und widmeten sich diskret den Siechen sowie den schönen Künsten; Cécilia widmet sich mehrheitlich sich selbst, und dies nicht eben diskret. So was hat es im Élysée-Palast noch nie gegeben, und die Nation ist mal hin und weg vom „Hauch von Dolce Vita und Riviera, den Cécilia überall verbreitet“, wie die Zeitschrift Elle über die glamouröse Mischung aus „Kurtisane und Mata Hari“ schmachtet, mal genervt von den ewigen Allüren der Primadonna. Täglich berichtet die Presse von der Cécilia- Front. Tut sie etwas, oder tut sie nichts? Wird sie kommen, gehen oder gar nicht erst erscheinen? Und wenn ja, wie? In Prada, in Jeans, in Dior. Auf Stöckelschuhen oder in Turnschuhen? Oder, auch denkbar, im Negligé?

Stets „ist sie da, wo niemand auf sie wartet, und nicht da, wo sie erwartet wird“, wie ein Mitarbeiter ihres Mannes es zusammenfasst. So büxt die „première fugitive de France“, die erste Ausreißerin Frankreichs, wie die Zeitung Libération sie nennt, vom G8-Gipfel in Heiligendamm vorzeitig aus, um zurück nach Paris zu reisen. Und im August bleibt sie einem Barbecue in Maine mit der versammelten Bush-Familie fern, genau zu einem Zeitpunkt, als die Amerikaner sich nach dem Zerwürfnis mit den Franzosen wegen des Irakkriegs wieder anschicken, Fritten „french fries“ zu nennen statt „freedom fries“. Die Bushs bleiben auf den Burgern sitzen, und Sarkozy murmelt zur Entschuldigung irgendetwas von einer schweren Angina. „Und das Schlimmste ist, dass ich sie angesteckt habe.“ Er tut so, als sei seine Frau moribund, doch tags darauf wird sie fotografiert, jäh genesen und quietschfidel beim Shoppen mit Freundinnen in Wolfeboro in New Hampshire, wo sie und Nicolas nebst Entourage Urlaub machen.

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