Mein Herz so links
Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Vom „Che Guevara von Kassel“ zum König von Frankfurt, der nun alles hat, wogegen er früher demonstrierte: Geld, Stil, trautes Glück. Und Verleger ist er auch noch geworden. In diesem Monat kann Bernd F.Lunkewitz 60 Kerzen auf seiner Geburtstagstorte auspusten. Und ein rundum pralles Leben feiern
Es ist ein merkwürdiges Krächzen, das durch den Park gellt, gibt es hier einen Hahn? Weder auf dem ebenmäßig geschorenen Rasen noch auf den Terrassen des etwa 100 Meter entfernten Poolhauses lässt sich ein Tier erblicken. Erneut wird das Tischgespräch in der Villa in Frankfurt am Main durch das Krähen unterbrochen. Das sei Nachbars Hahn, sagt Bernd Lunkewitz und legt sich Spargel auf, für dessen perfekten Garzeitpunkt er zuvor die Runde verlassen hatte, um der Köchin in der Souterrainküche Anweisungen zu geben. Die Nachbarn von Herrn Lunkewitz, das sind die Bankiersfamilie von Metzler und die Hoteldynastie Steigenberger. Die Besitzer des Federviehs, das seien die von Metzlers, sagt Lunkewitz. Die Sylvia wolle eben wissen, was in den Eiern drin ist, sagt er und wechselt das Thema. In dieser Gegend spricht man nicht über die Bewohner von nebenan. Seit 14 Jahren zählt Bernd F. Lunkewitz zur Nachbarschaft. Lunkewitz, der Besitzer des renommierten Aufbau-Verlages, der Immobilienspekulant, dessen vielfache Millionen aus dem Baugeschäft die Verluste im Buchhandel spielend querfinanzierten. Der Mann, der Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre als Maoist und Hausbesetzer Krawall machte, wohnt heute in einer der prunkvollsten Villen Frankfurts. 2000 Quadratmeter groß ließ er sie im klassizistischen Stil von Quinlan Terry, dem Architekten von Prinz Charles, bauen. Er habe eben alle 15 Jahre eine neue Phase, sagt er lapidar mit dezentem hessischem Singsang zu seinen wechselnden Lebensstilen. Und im Moment, so scheint es, bereitet der ehemalige „Genosse Lunke“ einen neuen Abschnitt vor. Wenige Tage zuvor saß er wütend gegenüber der U-Bahn-Station Hackescher Markt im Berliner Büro seines Aufbau- Verlages, dem einst größten Belletristik-Verlag der DDR mit prominenten Autoren wie Anna Seghers, Kurt Tucholsky, Heinrich Mann oder Egon Erwin Kisch. Der Verleger ist geladen. Warum, weiß man nicht so recht. In den warmen braunen Augen haust heute Kälte, das Gesicht regungslos, wie in ein Korsett gepresst. Selbst als „Schatz“, seine 30 Jahre jüngere Frau Stephanie, anruft, wird diese mit sonorer Stimme angeraunzt, sie wisse doch, er habe jetzt keine Zeit. Der Lektor wird beschimpft, weil ein Buch, das Lunkewitz gerade haben will, nicht im Regal steht. Herrlich ungehobelt bietet er nichts zu trinken an, schüttet sich selbst aber sein Glas mit Apfelsaft voll. Zum Verstellen ist Lunkewitz, der im Oktober 60. Geburtstag feiert, zu alt und auch zu erfolgreich, ihm ist egal, was andere denken. Und jetzt passt ihm eben nichts und niemand, und außerdem muss er auch gleich noch die Ausstellung einer Illustratorin des Verlages eröffnen, solche Termine sind ihm ein Graus. Intellektuell daherreden vor hennagefärbten „Midagern“ in Batikhosen, das ist nicht seins, und so wird er später mehr über den ebenfalls hauseigenen „Struwwelpeter“ als über die Kinderbücher der Dame reden.
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Er sei ein linker Kapitalist, der Bücher verkaufen will. Eine spezielle Gattung. Geld ist die Waffe der Marktwirtschaft, und mit der will er inzwischen Einfluss nehmen, nicht mehr mit durch die Luft fliegenden Steinen wie früher. Nach der Wende hatte Lunkewitz den prestigeträchtigen Aufbau- Verlag von der Treuhand für eine Million Deutsche Mark erworben, doch der Umsatz brach nach dem Kauf ein, in den ersten drei Jahren häuften sich rund 27 Millionen Mark Verlust an. Er installierte einen Vertriebschef, führte Lizenz-, Marketing-, Presseabteilung ein, gründete einen Taschenbuchverlag und setzte auf Populärliteratur, sodass Aufbau heute wieder rentabel ist. Aber der Verlag mit seinen 13 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr hält mühsam den erstarkten Buchhandelsketten und der Konkurrenz durch internationale Großverlage stand. Den geschäftlichen Druck, den nimmt er sportlich, was ihn erzürnt, das sind die Gerichtsverfahren. Wahrscheinlich hat er gerade wieder ein Schreiben vom Anwalt bekommen und ist deshalb so aufgebracht – seit dem Kauf des Verlages 1991 prozessiert er unnachgiebig. Während durch das offene Fenster die Straßenmusikmelodie von „La vie en rose“ dringt, redet sich Lunkewitz im Büro des Aufbau-Verlages und des ebenfalls ihm gehörenden Verlages Rütten & Loening in Rage. Ohne Einleitung zetert er: „Der Verkauf des Aufbau-Verlages und des Verlages Rütten & Loening sind ein einheitliches Rechtsgeschäft, also untrennbar verbunden.“ Seit 1990 liege aber beim Vermögensamt ein Rückgabeantrag der jüdischen Alteigentümer von Rütten & Loening vor, den die Treuhand und das Vermögensamt 13 Jahre lang verschwiegen hätten. Die Lunkewitz-Faust knallt auf den Tisch. Dann sind da noch die Plusauflagen. In der DDR hatte der Aufbau-Verlag Bücher von Autoren gedruckt, die im Westen unter Vertrag standen, aber nicht ausreichend Lizenzgebühr bezahlt. Als Lunkewitz den Verlag übernahm, klopften gleich die West-Kollegen an und verlangten Begleichung im zweistelligen Millionenbereich, was maßgeblich zu den hohen Anfangsverlusten führte. Die Treuhand habe von allem gewusst, sagt Lunkewitz, sie sei „eine in Teilen kriminelle Vereinigung, die vom Bundesfinanzminister angeleitet und beaufsichtigt wurde“. Scharf moniert er, dass er sich nicht „gern vom Staat betrügen“ lasse – in dieser Stimmung ist es mit Gefahr verbunden, sich ihm in den Weg zu stellen. Selbstverständlich werde er „ein Buch über die kriminellen Machenschaften der Treuhand machen“. Auch wenn er skeptisch ist, dass diese Leute ein Buch überhaupt treffen würde, aber „den Betrügereien der staatlichen Behörden“ will er nicht zusehen. Und deshalb wird der circa 1,75 Meter große Mann, der es unausstehlich findet, wenn man ihm nicht in die Augen schaut, weiter prozessieren. Lunkewitz kennt nur den Schritt nach vorn.
