Russendisko Deluxe
Das neue Russland präsentiert sich in Berlin glamourös, weltoffen und in steter Champagner- und Partylaune. Das ist die eine Seite des Botschafters Wladimir Kotenew. Die andere ist hochpolitisch – und hochbrisant
Plötzlich tanzt da ein Russe aus der Reihe. Seit einer Stunde haben sie vor dem Botschaftsgebäude der Russischen Föderation Unter den Linden zackige Marschmusik aufgespielt, die braven, feschen Kadetten der Suworow-Militärschule. Nun hebt dieser eine das Bein clownesk seitlich in die Höhe, dreht sich um sich selbst und fängt an zu swingen. Kurze Verwunderung bei den Passanten – etwa Revolution? Dann stimmen seine Kameraden ein, tanzen, wirbeln und jazzen – selbstredend immer noch im Gleichschritt. Der Ausfall entpuppt sich als einstudierte Slapsticknummer. Klar gibt das ein Hurra und begeisterte Akklamationen auf dem Boulevard, wo noch bis 1989 die Rote Armee Stechschritt zum Besten gab. Solche Russen lieben die Berliner. Drinnen im Botschaftspalast hat sich noch ein Russe aller Konventionen entledigt. Wladimir Kotenew, 50, Russlands Botschafter in Berlin, betreibt hier die Fortsetzung der Diplomatie mit den Mitteln des Zirkus. Während sich ein paar Hundert Meter weiter die Vertretungen anderer Großmächte, wie die von Großbritannien oder der USA, ängstlich gegenüber einer möglicherweise terroristisch gestimmten Außenwelt abschotten, verirrte Touristen als Sicherheitsrisiko von ihren Bürgersteigen scheuchen, reißt Kotenew die Tore zu seinem prunkvollen Stalin-Zuckerbäckerbau weit auf. Obwohl er der alten Sowjet-Diplomatenschicht entstammt, scheint er den Satz des Dissidenten Alexander Solschenizyn, „Wenn wir immer nur vorsichtig sind, sind wir dann noch Menschen?“, verinnerlicht zu haben. Kotenew will Mensch sein, und was für einer. Erst kürzlich tanzten hier auf seine Einladung hin knapp 2000 Modeleute, darunter Hollywood-Stars wie Mischa Barton und Rupert Everett, duschten förmlich in Wodka, während rund um die Lenin-Büste im Garten ein Laserlichtdom illuminiert wurde. Was bedeutet „anything goes“ auf Russisch? Heute ist deutsch-russischer Wirtschaftsball – in Kooperation mit Porsche und Eon und BASF und, und, und. Und Gasprom. Kotenew hat sich seinen goldbestickten Diplomatenanzug angezogen und begrüßt ein buntes Völkchen aus Wirtschaftsgrößen und Politikern, Preußenprinzen und Exzellenzen, Wolfgang Joops, Günther Jauchs und Franzi van Almsicks. Motto: Hummer, Schampus, Kaviar – wir haben’s ja. Dazwischen tanzen Eisbärpuppen, schunkeln Folkloregruppen zu Balalaikamusik, hüpfen durchtrainierte Artistenkinder in die Luft. Und immer wieder die Charme versprühende Maria Kotenewa, 50, die offenbar jeden einzelnen Gast persönlich zu umhegen trachtet. Russland, so lautet die Botschaft, das ist ein guter Freund, ein offener Partner, eine schöne Frau, eine riesengroße Spaßgesellschaft.
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Die deutschen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Society sind von diesem unkonventionellen Russki nicht minder begeistert als die Passanten vor dem Gatter am Anfang des Abends. „Diese neue offene Diplomatie der Kotenews ist nicht nur clever, sondern hilft, Barrieren zwischen den Völkern abzubauen“, schwärmt etwa Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der das ausufernde Buffet (Kaviar, Straußenfilet, Sushi…) spendiert und den Vorgarten werbewirksam mit seinen Boliden vollgestellt hat. „Moderne Leute“ seien die Kotenews, sagt Walter Momper, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses. Sie seien eben nicht wie jenes ehemalige Schweizer Botschafterpaar, das vor einigen Jahren durch exaltierte Partypräsenz von sich reden machte. „Diese beiden inszenieren nicht sich, sondern ihr Land.“ Verleger Florian Langenscheidt sieht den Glanz „großer Diplomaten aus den 20ern“ schimmern. Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck lässt sich in der Ball-Euphorie zu einer Verteidigung der viel gescholtenen russischen Pressefreiheit hinreißen. „Mein Herz schlägt für Russland“, sagt er. „Solange sich niemand über Menschenrechtsverletzungen der USA aufregt, halte ich die kritische Russland-Haltung für einseitig. Außerdem gibt es auch so etwas wie das Menschenrecht auf Essen, Kleidung, Sicherheit, das die russische Regierung gewährleistet.“ So viel Zuneigung nennt man dann wohl: Freundschaft! Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer ist da verhaltener. Auf die Frage nach der Wirkung von Kotenews Stil sagt er: „Kann sein, dass es hilft, aber nicht bei jedem.“ Und schon sind wir mitten im Dilemma des Wladimir Kotenew. Er kann noch so laut für sein Land und dessen Vorzüge trommeln, da ist immer dieses große, unangenehme „Aber“. Entscheidende Spitzenpolitiker und die Medien begegnen den Balzrufen seines Landes mit hartnäckiger Taubheit. „Wir haben den Kalten Krieg beendet“, sagt er. „Im Westen aber tragen ihn viele immer noch aus.“ Das wollen wir genauer wissen und verabreden uns anderntags mit seiner Exzellenz zum Tee. Die freundlichen Mitarbeiter des Botschafters führen durch das Gebäude. Hier der Boden aus dem Marmor, den Hitler angeblich für ein NS-Siegesdenkmal in Moskau vorgesehen hatte und der dann ja nicht gebraucht wurde. Dort der Wappensaal mit den kunstvollen Insignien der ehemaligen Sowjetrepubliken. Und die überraschende Information, Stalin habe dem Gebäude die Worte gewidmet, es werde einmal am Schnittpunkt eines friedlich vereinten Europas stehen. In einem gemütlichen Zimmer mit Stofftapeten, Ledergarnitur und dampfendem Teewägelchen nimmt Kotenew Platz. Er ist ernst und doch smart, alles im Griff habend. Typ: John Bosley aus „Drei Engel für Charlie“. Also, wie ist das jetzt mit Russland als lupenreiner Demokratie? Der Botschafter seufzt. „Wir in Russland sagen in solchen Fällen: Nur der Faule hat diese Frage noch nicht gestellt.“ Diese West-Journalisten. Müssen einfach immer gleich mit der Tür ins Haus fallen. Kürzlich habe ihn bei der Boss-Party ein Chefredakteur, der sich gerade eines seiner Lachsbrötchen in den Mund stopfte, gefragt, wo sich die Folterräume im Hause befänden.
