Sankt Moritz
In "Elementarteilchen" spielt er einen kaputten Sexsüchtigem. Im wahren Leben träumt MORITZ BLEIBTREU von der großen Liebe. Über einen Kerl, der sich gern ein bisschen härter gibt, als er ist.
Das Einzige, was der Mann unter Kontrolle hat, ist seine Erscheinung. Ordentlich gestutzter Kinnbart, blau-weiß gestreiftes Hemd, dazu der mahnende Lehrerblick, in der Hand Baudelaire. Hinter seiner Wohnungstür sieht es weniger schön aus. Da ist ein schreiendes Kind, das er mit Schlaftabletten zur Ruhe bringt, ein rassistisches Buchmanuskript, das keiner will, und die vollgewichste Klausur, die er einer Schülerin zurückgeben muss. Als er schließlich versucht, das Mädchen zu verführen und sie ihn mit offener Hose sitzen lässt, bricht er weinend zusammen. Kurz darauf sitzt der Hauptdarsteller in Oskar Roehlers Film „Elementarteilchen“ in der Psychiatrie. Und weint und weint, und die Kamera hält frontal auf sein Gesicht, und allein das Zuschauen ist schwer auszuhalten.
Man muss an diese Szene denken, wenn Moritz Bleibtreu erzählt, wie er vor sechzehn Jahren fast alles geschmissen hätte, weil er dachte, er kann es nicht. Weinen auf Befehl. Schauspieler sein. Wie er alles in Frage stellte, woran er seit seiner Kindheit geglaubt hatte. Er war nach New York gekommen, um sich ausbilden zu lassen. Hatte sich die besten Lehrer gesucht, und Method Acting schien der rechte Weg, so hatten auch Pacino und De Niro gelernt, die großen Vorbilder seiner Jugend. Aber da saß er nun, und was bei allen anderen funktionierte (trauriges Erlebnis erinnern, heulen), funktionierte bei ihm nicht. Und so stocherte die ganze Klasse in seiner Psyche herum.
Sein bester Freund, der mit zehn Jahren überfahren wurde, vielleicht hatte er das nicht verkraftet? Sein Verhältnis zur Mutter, der Schauspielerin Monica Bleibtreu, war das nicht viel zu eng? Oder der Vater, Hans Brenner, der hat sich doch nie um ihn gekümmert? Es half alles nichts. Keine Tränen. Er konnte und wollte es nicht.
Gerettet hat ihn seine Mutter. Die rief irgendwann an und erzählte von einer kleinen Rolle am Hamburger Schauspielhaus, die er haben könnte. Moritz Bleibtreu zögerte.
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So als Versager heimzukommen, das passte ihm nicht, nach vier Jahren im Ausland. Mit 17 war er aus Hamburg weg, als klar war, er würde die 11. Klasse eh nicht schaffen. Ging als Au-pair nach Paris, dann nach Rom, dann eben nach New York. Das Schauspielhaus Hamburg war so etwas wie ein zweites Zuhause für ihn. Hier hat ihm die Maskenbildnerin Bärte angeklebt, wenn seine Mutter probte, er hat im Fundus mit Säbeln und Pistolen gespielt, hat bis in die Nacht in der Kantine gesessen und zugehört, wie die Alten diskutiert haben. „Ich hab mit so vielen tollen Frauen gearbeitet. Hätte ich die eine oder andere im Alltag kennen gelernt, hätte ich mich vielleicht auch in sie verlieben können“ Er kam zurück. Die Rolle, die er bekam, war winzig. Er musste darin nur ein einziges Wort sagen. Nämlich „ja“. Und das ein gutes Dutzend Mal hintereinander. „Und irgendwie haben die Leute gelacht. Das war für mich wie voll tanken“, sagt er. Mit jedem Abend wurde es besser. „Da habe ich begriffen: Es gibt für einen Schauspieler nur eine Sache, die ihn groß sein lässt – das ist Selbstvertrauen.“ Heute ist Moritz Bleibtreu der gefragteste deutsche Schauspieler seiner Generation. Sein großer Durchbruch kam 1998, mit „Knockin‘ on Heaven‘s Door“, in dem er den wunderbaren, preisgekrönten Soll-isch-dir-Hirn-wegpusten-Ganoven Abdul spielt, kurz danach war er der schusselige Manni in „Lola rennt“, für den Franka Potente um ihr Leben rannte. Er war ein fieser Yuppie, ein Ruhrpott-Macker, ein liebesmüder Melancholiker, ein Schwuler und ein kiffender Pizzabäcker. Und er hat ungewöhnliche Entscheidungen getroffen. Hat in Dänemark gespielt und dafür mal eben Dänisch gelernt, hat in der asiatischen Steppe gedreht, weil er Bakhtyar Khudojnazarov toll fand, den Regisseur. So wurde Oscar-Preisträger István Szabó auf ihn aufmerksam und besetzte ihn neben Harvey Keitel in „Taking Sides“.
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in der Ausgabe 03/2006
