Der unsichtbare Zinnsoldat

Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Kultur in Deutschland lebendig, quietschfidel, kreativ und sogar wirtschaftlich erfolgreich. Mausetot dagegen ist die Kulturpolitik, und das verdanken wir Bernd Neumann. Der ist unser Kulturstaatsminister, ein Pedant und Aktenfresser, der vor allem durch eines glänzt: Abwesenheit. Eine bitterböse Polemik von AXEL BRÜGGEMANN

 

Sie war schon totgesagt, die musikalische Erziehung in Deutschland, als Bildungsexperten und Politiker nach der PISA-Studie einen radikalen Systemwechsel forderten, das Geld fehlte und der Musikunterricht auf Platz eins der Ausfallstundenliste rangierte. Bis der Dirigent Daniel Barenboim kam und mitten in Berlin einen Musikkindergarten gründete, um zu beweisen, dass die musikalische Erziehung lebt. Sie waren schon totgesagt, die philharmonischen Orchester, weil sie im Osten fusionieren müssen und in den Metropolen täglich um Subventionen ringen. Bis der Dirigent Claudio Abbado kam und eigene Ensembles gründete, um mit dem Mahler Chamber Orchestra aus lauter jungen Musikern und dem All-Star Ensemble des Lucerne Festival Orchestras zu beweisen, dass Klangkörper nicht nur leben können, sondern sich auch rechnen. Es war schon totgesagt, das Festspielhaus in der maroden Kurstadt Baden-Baden, als ein desaströses Missmanagement von Politik und Wirtschaft zum Stopp staatlicher Subventionen führte. Bis der Impresario Andreas Mölich- Zebhauser die Ärmel hochkrempelte, das Haus übernahm, die Klinken bei Unternehmern wie den Burdas und Götz Werner (dm-Drogerie) putzte, um zu beweisen, dass seine klingende Kurklinik mit Valery Gergiev und Anne-Sophie Mutter als musikalischer und finanzieller Zauberberg leben kann. Sie waren schon totgesagt, die Opern in Berlin, als eine Stiftung gegründet wurde, um Teile der Häuser zu fusionieren und die Etats zu schrumpfen – als die Stiftung selbst vor dem Bankrott stand. Bis die Intendanten aufhörten, an den Sparspuk zu glauben, und einfach wieder Theater machten, um zu beweisen, dass sie lebt, die Oper in Berlin. In Deutschland wird gern totgesagt. Die Feuilletons trauern wortreich in schwarz umrandeten Abgesängen, und die Entscheidungsträger nicken mit betroffen-hilflosen Mienen. Die Wahrheit ist: Die Kultur lebt quietschfidel, ist kreativ und wirtschaftlich erfolgreich – was wirklich tot ist, ist die Kulturpolitik. Seit dem Regierungswechsel ist sie hauptsächlich wohlgescheitelt, staubgrau und wortkarg.

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Kbig_ende#ürzlich, bei einem Abendessen im Kreise von Musikern und Theaterleuten, kam das Gespräch auf den Kulturstaatsminister: „Hör mir auf mit diesem Bernd Naumann“, sagte einer. Zwischen Scampi und Muscheln wurde über das „E“ , das da zum „A“ wurde, nicht einmal gelacht. Obwohl eine Welt zwischen Michael Naumann und Bernd Neumann liegt. Würde man die tragisch-komischen Protagonisten von Thomas Mann und Franz Kafka klonen, hätte man wahrscheinlich so einen wie Bernd Otto Neumann: einen Exlehrer und Spießbürger, einen Pedanten und Aktenfresser, den noch mit 64 Jahren die Aura des JU-Mitglieds umweht. Jahrelang zog der aus Ostpreußen vertriebene Politiker im roten Bremen in die aussichtslose Schlacht um das Bürgermeisteramt, wurde 1987 von Helmut Kohl in den Bundestag befördert, war Staatssekretär im Forschungsministerium und hockte im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt. Ein Zinnsoldat der Partei, der schließlich von Angela Merkel mit dem Posten des Kulturstaatsministers belohnt wurde. Noch bevor Neumann sein Amt antrat, war den Kulturschaffenden der Stimmungswandel klar – aber sie hofften auf einen administrativen Fürsprecher, flirteten mit der Option, keinen Schöngeist zu haben, der ihnen, den Schöngeistern, die Show stiehlt. Sie wollten keinen Glamour, sondern Genauigkeit, einen loyalen Lobbyisten. Dass Bernd Neumann nun weder glänzt noch malocht, ist enttäuschend. Außer einiger Vorlagen gegen Raubkopien im Internet hat er keinen kulturpolitischen Impuls gesetzt. Er ist ein Politiker ohne Vision; so wie viele seiner neuen Minister-Kollegen. Einer, der die Krise aus den Details der Bürokratie heraus lösen will. Als die griechische Polis in der Krise steckte, entdeckten Platon und Aristoteles die Musik als gesellschaftliche Kraft. Während Platon befürchtete, dass ihre Emotionalität die Menschen aus der Bahn werfen könnte, behauptete Aristoteles, Musik wirke karthasisch und könne die Menschen zu sich selbst zurückführen. Mitten in der Staatskrise wurde die Kraft der Töne als Lösung debattiert. So unterschiedlich die Meinungen der antiken Denker, so einig waren sie sich über die Möglichkeit der Klänge als geheime Kommunikationsebene der Menschen, als Grundrauschen eines Landes, als flüsternde Wirklichkeit einer Nation.

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