Unser Mann in Hollywood

In einem Alter, in dem andere sich auf die Rente vorbereiten, begann für ARMIN MUELLER-STAHL das vielleicht größte Abenteuer seines Lebens. Er folgte dem Ruf der Traumfabrik, büffelte Englisch, eroberte die Studios und das Publikum. Jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, denkt der Weltstar ans Aufhören. Zwei, drei Filme, dann will er endgültig Adieu sagen – und nur noch malen und schreiben

 

Unter dem Himmel von Hollywood: deutsche Kaffee- und Kuchenzeit auf der bühnengroßen Holzterrasse des Schauspielers Armin Mueller-Stahl, hoch über dem Ozean, in den Hügeln von Pacific Palisades. Vor einem Los-Angeles-Panorama unter leuchtender Nachmittagssonne, das den Vorspann eines Breitwandfilms abgeben könnte, lässt der Darsteller mit den stahlblauen Augen und dem ausdruckserprobten Faltenwurf im Gesicht seine zahlreichen Leben, die er in den zurückliegenden 75 Jahren gelebt und gespielt hat, Revue passieren. Seine Bilanz lautet: „Ich habe einfach Glück gehabt.“ Dann verrät er das Geheimnis dieses Glücks: „Mein Leben habe ich immer als Abenteuer verstanden.“ Dieses Abenteuer Leben hat den gebürtigen Ostpreußen stetig westwärts getragen. Von Tilsit bei Königsberg in das Berlin der Nationalsozialisten, der sozialistischen DDR, des Kalten Krieges und der Alliierten in das Westdeutschland der Marktwirtschaft und des Wende-Kanzlers Helmut Kohl und an den Ostseestrand, wo er sich bei Lübeck ein Haus einrichtete, um von hier aus Ende der Achtziger zum großen Sprung anzusetzen hinüber nach Amerika und hinauf in diese kleine, feine weiße Villa über dem Pazifik, wo seine Frau Gabriele uns jetzt Zitronenkuchen serviert. Sie ist 18 Jahre jünger als er, seit 33 Jahren sind die beiden verheiratet und haben einen erwachsenen Sohn. Zum Mittagessen saßen wir im Gartenrestaurant des berühmten Hotels Chateau Marmont, ein 1927 erbautes, mit Zinnen, Türmchen und Balkonen verziertes Märchenschloss am Sunset Boulevard. Mueller-Stahl ist ein nur seltener Besucher hier. In Deutschland würden sich die anderen Gäste nach ihm umdrehen, hier scheint der Star aus Germany nur ein schlank gebliebener, älterer Herr mit weißem Haarkranz unter hoffnungsvollen wie hoffnungslosen Jungstars zu sein. Zunächst ist kein freier Tisch zu sehen. Aber kaum erspäht uns der Restaurantmanager, eilt er beflissen herbei, raunt dem dann doch überraschten Schauspieler ein „Ich bin ein großer Fan von Ihnen“ ins Ohr und stellt uns flink den besten Tisch unterm Sonnenschirm bereit. Mueller-Stahl belustigt der Auftritt des Bediensteten. „Um uns herum sind alles Schauspieler, richtige und falsche“, sagt er, „sogar die Ober.“ Uns fällt der wunderbare Thriller „Der Himmel von Hollywood“ von Leon de Winter ein, in dem de Winter einem seiner tragischen Helden die Worte in den Mund legte: „Integrität, Solidarität, Bescheidenheit. Darum dreht es sich. Wenn du diese drei Dinge faken kannst, dann bist du in Hollywood der gemachte Mann.“ Das sei das Geheimnis von Hollywood, bestätigt Mueller-Stahl: „Faken ist alles. Die ganze Schauspielerei ist Lüge. Die Kunst dabei ist, glaubwürdig zu lügen. Wenn du Figuren glaubwürdig darstellen kannst, dann hast du gewonnen.“ Hollywood, das sei eben „Falschgeld“, eine exklusive Währung, die hoch im Kurs steht. Jenen, die damit zu jonglieren verstehen, gewährt sie dank grotesk hoher Gagen Zutritt zu einer Metaebene realitätsferner Kreise und Welten. „Aber dem Durchschnitt, der keinen Star-Nimbus schafft, dem geht’s ganz schlecht.“

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Armin Mueller-Stahl ist glaubwürdig. Sonst hätte er es nicht bis auf den Olymp der Stars in den sieben Hügeln von Pacific Palisades zwischen Beverly Hills, Malibu und Santa Monica geschafft. Er ist eines von über 5000 Mitgliedern der Academy, welche die Oscars vergibt. Er selbst hat deutsche und internationale Preise wie nur wenige seiner Kollegen angehäuft. Und er musste nie „in irgendwelchen Serien schmachten“. Er wurde und wird geliebt für die Rolle des anrührenden Taxifahrers in Jim Jarmuschs „Night on Earth“. Er spielte den grausam liebenden Vater des Pianisten David Helfgott in „Shine“, wofür er sogar eine Oscarnominierung erhielt. Und er war Sam Krichinsky, der tragikomische Patriarch einer jüdischen Kleinbürgerfamilie in Barry Levinsons „Avalon“. Mueller-Stahls gebieterisches „Cut the turkey“ zum Erntedankfest erreichte in Nordamerika Kultstatus. Der berühmte CNN-Talker Larry King schwärmte, dieser Film sei „zweifellos einer der fünf besten, die ich je gesehen habe“. In mehr als 120 Filmen und zahllosen Theaterinszenierungen hat Armin Mueller-Stahl im Laufe seiner Schauspielerkarriere mitgewirkt, in großen und kleinen Rollen. Er ist einverstanden mit seinem Lebenswerk. Er ist der deutsche Star von Hollywood. Ein stiller Star. Inzwischen hadert er manchmal mit dem Schauspielerdasein. Hollywood, sagt Armin Mueller-Stahl, ist „ein brutales Geschäft“. Wer hier bestehen will, der muss lächeln und alles und jeden great finden. Kränkungen, Verletzungen, Niederlagen, Intrigen, Rückschläge behält man besser für sich. Man überspielt sie mit Eitelkeit. Wer über keine eitlen Marotten verfügt, wird nicht ernst genommen. Armin Mueller-Stahl beherrscht diese Spielregeln. Sein Überlebenstraining ist seine Lebenserfahrung. Als er durch die Mauer in den Westen zog, war er schon knapp 50. Das Leben in der DDR hat ihn gelehrt, nicht zu vertrauensselig zu sein. Und so wählt er auch heute seine Worte mit Bedacht und hält sich mit öffentlichen Kommentaren über Kollegen und die Politik seines Gastlandes zurück. Auch aus einer gewissen Dankbarkeit heraus. „Die Leute hier haben die Arme aufgemacht“, sagt er, „mich zwar nicht gleich eingemeindet in Hollywood, aber aufgenommen.“ Letztes Jahr haben sie ihm und seiner Frau sogar einen amerikanischen Pass geschenkt. Er hat sich einen unauffälligen Panzer aus distanzierter Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit und Unnahbarkeit zugelegt, hinter dem der andere, der sehr private Mueller-Stahl in Ruhe gelassen werden will. Kommt man ihm dennoch zu nahe, kann er mit Worten, Mimik, Gestik sperrig werden und „von oben herab“ spielen. Er bleibt zwar stets höflich und gut erzogen, ein Gentleman, gibt sich aber zunehmend kühl temperiert und wortkarg, bis hin zur schlechten Laune. Nur in sehr privatem Kreis teilt er schon mal aus, nennt er Namen und kippt mit bitterer Ironie seinen Ärger von der Seele. Unsere Rückfahrt vom Chateau Marmont, ein Stück weit den fast 40 Kilometer langen Sunset Boulevard hinunter, Richtung Pazifik, wird unvermittelt eine Zeitreise durch Mueller-Stahls Hollywoodkarriere. An der Grenze zwischen West-Hollywood und dem Villenteppich von Beverly Hills deutet er plötzlich auf ein architektonisches Meisterstück: ein gepflegtes zweistöckiges, links und rechts von hässlichen Bürogebäuden bedrängtes Art-déco-Haus aus den 30er-Jahren. Hausnummer 9169. Diese Adresse war ein Meilenstein auf seiner lebenslangen Wanderung nach Westen. Hier hat das Abenteuer Amerika seinen Anfang genommen beim Zusammentreffen mit dem legendären Agenten Paul Kohner, dem „Zauberer vom Sunset“, der sein Leben verwandeln sollte.

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