"Ach, ich bin doch nur ein Diener!"

Willem Dafoe ist im Kino der Schurke, den man küssen möchte, um sich danach den Mund abzuwischen. Wer so was kann, kann auch mehr, nein?

 

Der Mann macht schon vor dem Erscheinen einen guten Eindruck, und das geschieht so: Wenn Schauspiel spitzen kräfte wie Irène Jacob, Bruno Ganz, Michel Piccoli, Christiane Paul und eben Willem Dafoe in Köln aktiv sind, soll die rheinische Weltpresse auch davon erfahren.Also veranstaltet man zum Dreh des Films „The Dust of Time“, einer wilden Tour durch die Desaster des 20. Jahrhunderts, die der griechische Veteran Theo Angelopoulos dreht, eine Pressekonferenz, selbst wenn weder kluge Fragen noch Auskünfte zu erwarten sind. Bevor es losgeht, vergleichen nervöse junge Assistenzjungs und Assistenzmädchen die Uhrzeit und ihre Einsatzgebiete: Wer kommt von wo, wer holt wen ab? Irgendwann die Frage: Was ist mit Willem? „Der kommt allein“, sagt eine junge Frau, eben noch fast platzend vor Wichtigkeit, jetzt die pure erwachsene Gelassenheit, „er weiß, wo es ist, er weiß, wann es WILLEM DAFOE anfangen soll – der schafft das.“ Und wirklich: Er kommt, allein und pünktlich.

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Dann langweilt er sich, probt bei den besonders dummen Fragen sein vernichtendes Krokodilslächeln und wird nur munter, als eine junge Reporterin vom Regisseur wissen will, warum er in seinem europäischen Kunstkino einem „Hollywood-Star“ die Hauptrolle gebe. Schluss mit nett und lustig, in Sekundenschnelle bilden sich tiefe Canyons auf Dafoes Stirn. Der alte weise Grieche hingegen bleibt ganz ruhig und sagt, solche Kategorien interessierten ihn nicht, er halte Dafoe für einen „sehr guten“ Schauspieler, das allein sei wichtig.

Über den „Hollywood-Star“ kommt Dafoe auch Wochen später nicht hinweg, denn dieses Missverständnis rührt an seine Überzeugungen. Angelopoulos’ Antwort hat ihm gefallen, er kann sie zitieren. Und ergänzen. „Das sind doch die Typen, die so teuer und so wichtig sind, dass jedes Drehbuch auf sie zugeschnitten wird“, schimpft er, der sich anders verstanden wissen will: „Ich bin gern die perfekte Marionette für einen Regisseur, gern auch das Sprachrohr – das ist völlig okay für einen pflichtbewussten Schauspieler.“ So wie für andere das Buch, die Partner, die „künstlerische Herausforderung“ (oft gelogen) oder die Höhe der Gage (meist wahr) entscheidend ist, so ist Dafoe einer, der Regisseuren vertraut. Oder sehr neugierig auf sie ist. Es müssen nicht zwingend ältere Herren sein: In „Zurück im Sommer“ (ab 7. August im Kino), einem mit Julia Roberts, Emily Watson und Ryan Reynolds erstklassig besetzten Familiendrama, hat sich Dafoe dem Debütanten Dennis Lee anvertraut und ist als cholerischer Familientyrann wieder ein großartiger Widerling. Er schätzt Typen, die ihn führen. „Ich bin nur der Nachmacher – das klingt nicht besonders kreativ, aber das ist der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Im besten Falle kommt hinzu, dass ich dem Regisseur etwas zeigen kann, was ihn überrascht, was er meinte, ohne es zu wissen. Dann habe ich ein sehr gutes Gefühl, ihm zu dienen.“

Generell mag er die „manischen Szenensammler“ nicht so gern, „die sich dann mit einem Riesen haufen in ihrer Höhle, auch Schneideraum genannt verstecken und da unter höchster Geheimhaltung ihren Film montieren“. Bei seinen Favoriten hingegen „entsteht der Film am Set“, das sei dann, sagt Dafoe, intimer, man sei „wahrhaft beteiligt, nicht bloß irgendein kleiner Dienstleister“. Mit Wes Anderson hat er zuletzt gearbeitet, mit Spike Lee, Paul Schrader und Lars von Trier, nicht die Einfachsten ihrer Art. Nein, schwächt Dafoe ab, er wähle „nicht bewusst nach solchen Etiketten aus, aber es gibt einen Drang zu denen, die als ‚anders‘ gelten, versponnener. Ich liebe diese Typen, die einen nie in Ruhe lassen, dauernd konfrontieren mit Ideen, mit Forderungen, mit Eindrücken. Die sich nicht schnell zufriedengeben. Dann fühle ich mich den ganzen Tag über glänzend unterhalten, eingebunden, gut beschäftigt. Abends bin ich völlig kaputt, aber sehr glücklich“. Der Regisseur-Sammler Dafoe, dessen Kollektion „noch lange nicht komplett ist, nicht mal annähernd“, hat als Schauspieler einen Ruf, dessen Last er ahnt, die er aber zu ignorieren versucht.

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