Post von der RAF: Liebe Mutter,…

Was hier zu lesen ist, sind Briefe von Johannes Thimme an seine Eltern – doch die Briefe gehen jeden etwas an: Denn sie dokumentieren, wie eine Mutter ihr Kind an tödliche Hirngespinste verliert

 

SIE FANDEN SICH über einen Aushang in der Mensa, der Terrorist und seine Schülerin. Sie hatte den Zettel aufgehängt, und er hatte sie angerufen. Seitdem trafen sie sich jeden Donnerstag zum Unterricht, nachmittags um zwei. Er holte sie mit seinem weißen VW Käfer vom Bahnhof in Tübingen ab, und sie fuhren zu einem Bauernhof am Rande der Stadt, wo er ein kleines Zimmer bewohnte. Dort holte er seine Querfl öte hervor, dann übten sie. Einfache Töne zunächst, erste Melodiefolgen. Er mochte am liebsten Jethro Tull, „Living In The Past“. Der Song beschrieb sein Leben ganz gut: „Once I used to join in, every boy and girl was my friend, now there’s revolution, but they don’t know, what they’re fi ghting.“ Es war Frühling, es war 1976, das Jahr sechs der Roten Armee Fraktion. Menschen waren getötet worden, Polizisten, Terroristen, auch Unbeteiligte, zuletzt am 24. April 1975, als ein RAFKommando die deutsche Botschaft in Stockholm besetzt und zwei Geiseln erschossen hatte. Die RAF sah sich im Krieg gegen einen faschistischen Staat, und der Staat tat ihr den Gefallen, sich sehr herrschaftlich zu geben: mit Sondergesetzen, mit Kriegsvokabular, mit einer allgegenwärtigen Fahndung. An den Nachmittagen, an denen er Unterricht gab, sprach Johannes Thimme nicht über Politik. Er war versunken in die Musik seiner Querflöte. Er war 20 Jahre alt und studierte in Tübingen Sinologie, Soziologie und Politik. „Ich hatte den Eindruck, dass er ein sehr verschlossener Typ war“, sagte später Friederike, seine Flötenschülerin, in einer Vernehmung. JOHANNES THIMME kam aus gebildetem Hause: Der Vater war promovierter Archäologe, Leiter der Antikenabteilung am Badischen Landesmuseum in Karlsruhe, Autor wissenschaftlicher Aufsätze, er reiste viel. Die Mutter war Doktor der Germanistik, als die Kinder größer waren, arbeitete sie als Lehrerin am Gymnasium. Johannes war der mittlere von drei Söhnen, der agilste. „Er hat fast immer irgendwo eine Beule“, schrieb die Mutter in ihr Tagebuch, das viele Jahre später die Basis eines Buches* sein würde. Abends, wenn er einschlafen sollte, legte die Mutter Vivaldi auf, er mochte diese Musik. Er mochte auch das Theater. Er sah im Fernsehen Marcel Marceau, und als der Pantomime zu einem Gastspiel nach Karlsruhe kam, besuchte er die Vorstellung.

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Ein Bild, das der Mutter noch Jahrzehnte später gewahr ist: „Im Zuschauerraum saß er neben mir in seinem dunkelgrünen Nickipullover, aus dem ein weißer Polohemdkragen guckte. Musik ertönte. Johannes wendete mir sein strahlendes Gesicht zu und sagte in glücklichem Wiedererkennen: Vivaldi! Ein Herr in der Sitzreihe vor uns drehte sich um, um dieses Kind zu betrachten, das er möglicherweise für einen grässlichen frühreifen Snob hielt.“ Es war ein gutbürgerliches Leben in der schwäbischen Provinz. Die Söhne traten dem Skiclub Ettlingen bei, der auch zwei Tennisplätze hatte. Sie spielten gut und waren doch anders. Sie trugen bald die Haare lang, und die Mutter hörte es bei den Versammlungen raunen, „dass die Frau Doktor das duldet“. Sie wurde ein wenig unsicher, als Clemens, der Älteste, sich ein Zeitungsfoto von Fritz Teufel und Rainer Langhans übers Bett pinnte, die provokanten Herren aus der Kommune 1, die sich gern nackt zeigten und Rebellen gegen das Bürgerliche sein wollten. Sie versuchte, es als einen Spleen zu sehen. Ebenso den Spruch, den sie auf dem Lateinheft von Johannes las: „Johannes Thimme, Unterdrückter des kapitalistischen Leistungssystems“. Sie musste lachen und sagte ihrem Sohn, sie könne keine größeren Anzeichen von Unterdrückung an ihm erkennen. „Ich war mir nicht klar darüber, dass eine solche versuchte Provokation ein ernsthafteres Gespräch anstatt Ironie verlangt hätte.“ Ulrike Thimme und ihr Mann waren ja selbst dem Zeitgeist nicht verschlossen, dem Nachbeben der 68er-Bewegung, der Sehnsucht nach ein wenig mehr Revolution und viel mehr Rock ’n’ Roll. Auf ihrem Dual-Plattenspieler drehten sich Alben der Beatles, auch Wolf Biermann tönte durchs Wohnzimmer: „Du, lass dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.“ Sie lasen „Das Prinzip Summerhill“ von Alexander Sutherland Neill, die Bibel für Anhänger der antiautoritären Erziehung. Auch eine andere Bibel, das „Rote Buch“ von Mao Zedong.

Vielleicht gab es Alternativen, ein anderes System, eine andere Gesellschaftsidee? Die Mutter war beeindruckt, als sich Johannes für die Gründung eines autonomen Jugendzentrums in Ettlingen engagierte, auch wenn das Projekt am Ende scheiterte. Sie war nicht verwundert, als er regelmäßig sechs bis acht Schulfreunde mit nach Hause brachte. Aus dem Kinderzimmer drangen Wortfetzen, um die Nazizeit ging es, um Kapitalismus und Imperialismus. Politische „Basisgruppen“ an den Schulen waren üblich, die Mutter sorgte sich nicht. „Später habe ich mich gefragt, ob ich mich nicht einmal hätte dazusetzen sollen, um mit den Söhnen danach darüber zu diskutieren, was sie in der Gruppe vorgesetzt bekommen hatten.“ ZU DEN GÄSTEN gehörte auch ein hagerer und wortgewandter Junge: Christian Klar, Beamtensohn. Mittags zwischen den Schulstunden wollte er nicht nach Hause fahren und kam deshalb mit zu Clemens und Johannes. Die Jungen redeten darüber, dass Klauen nichts Schlechtes sei, weil niemand direkt, sondern nur Großkonzerne geschädigt würden. Dass in Cäsars Werken das Sterben verherrlicht werde. Dass türkische Gastarbeiter benachteiligt und Frauen unterbezahlt würden. Es war unübersehbar, dass Johannes den älteren Christian dafür bewunderte, wie klug er sprach. Christian Klar wurde einer der Top-Terroristen der RAF, er sitzt noch heute im Gefängnis und wartet auf seine Begnadigung. Er ist eines der letzten RAF-Mitglieder im Strafvollzug. Johannes Thimme übte sich in den Argumenten der Älteren, die Äußerungen seiner Mutter spielte er gegen sie selbst aus: „Wie du sehr richtig sagtest: Gewalt erzeugt immer nur Gewalt“, meinte er, als die RAF 1972 einen Anschlag auf das Hauptquartier des 5. USCorps in Frankfurt verübt hatte. „Oder sind die Amerikaner als Friedensengel in Vietnam?“ Mit seinem Bruder Clemens besuchte er auch die ersten Kundgebungen gegen die Haftbedingungen von RAFGefangenen. Vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe versammelten sich Angehörige der Häftlinge und Anwälte zu einem dreitägigen Solidaritätsstreik.

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