Der Fall der zwei

Über die Liebe und den Tod lohnt es immer nachzudenken: Warum erschießt sich ANDREAS SCHIESTL-SWAROVSKI? Warum rast seine Frau MARGRETH auf freier Strecke gegen einen Baum? Die Kristall-Dynastie schweigt. Warum?

 

Von oben die Sonne, von unten der Nebel. Die Tiroler Berge wie ein Fleckerlteppich. Zu wenig Schnee, zu viel Grün, die Lifte arbeitslos. Der Friedhof Weerberg liegt am Hang, gegenüber vom Gemeindeamt.Das Grab an einer Mauer, im Schatten. Davor steht eine alte Dame und betet. Kopftuch, Lodenmantel, Kragen hochgekrempelt, als bliese ein eisiger Wind, dabei ist Frühling im Februar. Nicht für jede Kälte gibt es ein Thermometer. „Die Spur deiner Worte, die Spur deiner Umarmung, die Spur deines Lächelns, niemand kann sie auslöschen in uns“, steht auf zwei schlichten Holzkreuzen. Darunter die Fotos von Andreas Schiestl-Swarovski und seiner Frau Margreth.

Sie, von allen nur „Margee“ genannt, verunglückt am 20. Dezember 2006 auf dem Heimweg, fährt gegen einen Baum. Ihr Mann, millionenschwerer Urenkel des Firmengründers Daniel Swarovski, erschießt sich einen Monat später, am 20. Januar 2007, in der gemeinsamen Villa am Weerberg.

Auf dem Grab liegt ein Kranz mit Schleife: „You will always be in our hearts.“ Von den Töchtern Natascha, 9, und Alexandra, 13, jetzt Vollwaisen. Zwei kleine Laternen brennen. Und die Frage nach dem Warum. UNTEN IM INNTAL, IN DAS SICH DER NEBEL WIE EIN WEISSES KISSEN BETTET, da liegt Wattens, der Swarovski-Hauptsitz. Die „Kristallwelten“, der Erlebnispark, den André Heller für Swarovski geschaffen hat, locken Touristen, die vom Brenner über die A12 aus dem Urlaub kommen. Es wird geschwäbelt und gesächselt, der Shop ist voll, die Kasse auch. Swarovski, seit fünf Generationen in Familienbesitz, ist Österreichs Vorzeigeunternehmen. Milliardenumsätze, hochprofi tabel. Sie werden die Rockefellers der Alpenrepublik genannt, mit eigener Flugzeugflotte und Weingütern in Argentinien und China.

Intern, so hört man, nicht immer einig, nach außen hin einig diskret. Über Ausnahmen wie „die Fiona“ redet man nicht. Gründer Daniel Swarovski kam 1895 aus Böhmen nach Wattens, weil er hier die Wasserkraft fand, die seine Glasschleifmaschinen in Gang brachte, das Glas zu Kristall machte. Aus Angst vor Fremdeinfl , und auf der kleinen Dorfstraße, die am Friedhof vorbeiführt, rattert ein Traktor. Bürgermeister Ferdinand Angerer sitzt in seinem Büro im Gemeindeamt. Braunes Sakko, schwarzer Rollkragenpullover mit Adidas-Emblem, Jeans, grauer Schnurrbart, gemütlich. Er wolle nicht groß auftauchen in der Geschichte, weil die Familie Swarovski keine Geschichten über sich wünsche. „Die haben so viel Einfluss hier in Tirol, das glauben Sie nicht“, sagt er.

Ein guter Arbeitgeber sei er gewesen, der Herr Schiestl-Swarovski, habe Gärtner, Innenausstatter, Handwerker beschäftigt. Am gesellschaftlichen Leben habe das Ehepaar kaum teilgenommen, wenn man davon absähe, dass seine Frau bei der örtlichen Polizei immer wieder als Raserin aufgefallen sei. „Die hatte so ein Faible für schnelle Autos“, sagt der erste Mann im Ort und grinst, fast ein wenig bewundernd. Einmal im Jahr habe sie die Kinder aus Weerberg zum Schwimmen in den hauseigenen Pool eingeladen, ansonsten seien die beiden oft in Amerika gewesen.

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Dass die beiden keine Kostverächter waren, „mei, das sind halt die Gerüchte, aber richtig wissen tut’s keiner“. Und das mit dem Fluch, der angeblich auf dem Haus laste, das könne er nun überhaupt nicht nachvollziehen. Nur weil es 1973 Hanns-Martin Schleyer erbaute, der später von der RAF ermordet wurde, und es anschließend ein Wurstfabrikant erwarb, der kurz darauf pleiteging, und sich jetzt der Herr Schiestl-Swarovski darin erschossen hat. An so einen Quatsch, so übersinnliches Zeug, daran glaube er nicht. „Aber einen Käufer zu finden, das wird jetzt schon schwierig.“

ANDREAS SCHIESTL-SWAROVSKI kommt am 28. Januar 1960 als Sohn von Fritz Schiestl und dessen Frau Wilhelmine Schiestl-Swarovski zur Welt. Die Mutter ist die Enkelin von Firmengründer Daniel Swarovski, der Vater der Bürgermeister von Wattens. Allerhöchste Tiroler Prominenz. Man ist im Schützenverein und im Skiclub. Der „Andi“, wie ihn Familie und Freunde nennen, ist der einzige Sohn. Er hat drei ältere Schwestern, Monika, Erica und Daniela, und eine jüngere, Marietta. Als er 13 ist, stirbt seine Mutter, „an der er sehr hing“, wie eine Bekannte berichtet. „Mit dem Verlust der Mutter verlor er seine komplette emotionale Erziehung, sein Empathievermögen“, sagt einer, der ihm später begegnet. Seine Schwestern kümmern sich, Andreas Schiestl-Swarovski ist zurückhaltend, gilt als sensibel. An Depressionen soll er gelitten, Medikamente genommen haben. Freude macht ihm die Jagd, auf der Technischen Hochschule in Innsbruck absolviert er eine Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur. Ende der 1980er-Jahre verliebt er sich in Doris Ebner, eine Tochter aus dem Nachbarort Weer, die er schon länger kennt. Ihr Vater ist Hotelier und religiös, sein Vater einverstanden. Man verlobt sich, die Hochzeit ist nicht fern, das Kleid schon ausgesucht. „Wer viel liabt, muass vü leidn“, heißt es in Tirol. Das Leiden der Doris Ebner, zukünftige Schiestl-Swarovski, war blond und Amerikanerin. Bei einem Skiurlaub in den USA lernt Andreas Schiestl-Swarovski Anfang 1992 seine Traumfrau kennen – Margreth Swindell-Goldsborough. Frau von Welt, aus einer guten Familie in Baltimore, Beruf: Mannequin. Beim jungen Schiestl Swarovski brennen die Sicherungen durch, „die Margee“ stellt sein Leben auf den Kopf. „Den Antrag hat er mir noch auf der Rollbahn vom JFK Airport gemacht“, schwärmt sie im Juni 2006, „und statt des Ringes bekam ich eine Hygienetasche voll mit kleinen Aperitiffl äschchen aus der Bord bar. Als wir dann aber in Palm Beach gelandet waren, entführte er mich zu einem exklusiven Juwelier, und ich durfte mir 19 verschiedene Schmuckstücke aus suchen. Das werde ich nie vergessen!“

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