Kate Moss

Gut ein Jahr nach dem Drogenskandal, der für jedes andere Model das Aus bedeutet hätte, ist Kate Moss auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Nie gab es mehr Bilder von ihr – und doch weiß man fast nichts über sie. Jochen Siemens ging auf Spurensuche

 

Es ist schon viele Jahre her, da haben wir uns mal in die Augen gesehen. Fast eine halbe Stunde lang, sie saß auf einem Stuhl hinter dem Laufsteg einer Chanel-Schau in Paris, ich saß auf einem Stuhl zwei Meter vor ihr, es war zehn Uhr morgens. Wir haben nicht gesprochen, weil Kate Moss nicht so aussah, als ob sie sprechen wollte. Sie trank in der halben Stunde drei Gläser Champagner und rauchte vier Zigaretten, ich gab ihr mein Feuerzeug, sie gab es wortlos zurück und blickte mich immer wieder an. Es war dieses Spiel: „Wer kann länger den Blick halten?“ Manchmal wurden wir unterbrochen, weil Christy Turlington oder Naomi Campbell zwischen uns herumliefen, aber wenn die Sicht wieder da war, starrte Kate Moss mich an. Und ich zurück. Kann auch sein, dass sie durch mich hindurchschaute, kaum ein Mädchen kann so viel Du-bist-mir-sowas-von-Egal mit ihrem Gesicht sagen wie Kate Moss. Damals in Paris war sie neu in diesem Modezirkus, um sie wehte noch die Aura der Londoner Vororte, Pubs, Bier ohne Schaum und so. Sie sagte nicht viel, und wenn sie sprach, dann mit einer lauten, kehligen Stimme, Rotz im Ton und gewohnt, dass alle zuhörten. Es waren die Jahre der Konsenskultur und des neuen Reichtums, das Internet wurde zum weltweiten Marktplatz, man sprach von neuen Aktienmillionären, alle rochen gut, waren fröhlich, es gab sogar Gummistiefel von Chanel, und jeder küsste jeden, man log sich lachend an.

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Nur Kate Moss nicht. Sie lachte nicht. Ihre Blicke waren abweisend, die Augen wie geballte Fäuste, aus ihrem halb geöffneten Mund schimmerten die spitzen Eckzähne hervor, ihr schmaler, 1,72 Meter großer Körper saß im Stuhl wie von Langeweile hineingeworfen, und sie rauchte ihre Zigaretten bis auf den Filter runter, als ob sie sich wehtun wollte. Um sie herum wogte die bacchantische Fraulichkeit der damaligen Supermodels, Beine wie Säulen, Busen wie Bomben, Haartürme und parfümierter Wind, wenn Claudia Schiffer oder Linda Evangelista vorbeirauschten, einen kleinen, abschätzigen Blick auf das fallen lassend, was da im Stuhl vor sich hin schwieg. Kate Moss war ein Fremdling in dieser Welt, geliefert und abgestellt aus dem hippen London, von den anderen geduldet als Reminiszenz an die Avantgarde, die ja, so das Gift im Lächeln der Supermodels, anscheinend von Schönheit nichts verstand. Ein dürres Schulhofmädchen ohne Busen und Lachkraft, den Briten musste es wirklich schlecht gehen. Schau dir alles gut an Baby, nächstes Jahr bist du doch wieder out. „Im letzten Jahr haben die Frauen die Designer zu Millionären gemacht, und die danken es ihnen, indem sie versuchen, die Frauen in verwahrloste Waisen zu verwandeln“, schimpfte die Modejournalistin Paula Reed über das Findelkind Moss. Die Lächelnden von damals gibt es fast nicht mehr. Sie wurden abgelöst von zynischen Brasilianerinnen wie Gisele Bündchen oder Adriana Lima, und auch die wurden ausgetauscht gegen Mädchen aus dem Osten mit stillem slawischen Blick wie Carmen Kaas oder Natalia Vodianova, und auch die werden irgendwann wieder ausgewechselt gegen – wer weiß – vielleicht Eskimos oder Chinesinnen.

Die Mädchenfabrik schürft auf jedem Schulhof der Welt nach antizyklischen Gesichtern, nach Leinwänden auf Beinen, auf die sie das malen kann, was sie diktieren will. Nur eine ist nicht auszuwechseln, die eine, the unsinkable Kate Moss. Sie ist immer noch ganz oben. Ohnmächtig steht eine Millionenindustrie, stehen Imagemacher in ihrer Hybris, der Welt alles und jeden aufzwingen zu können, vor einem Mädchen, das in Körper, Größe, Benehmen und Gedanken allem widerspricht, was sie für die Chemie des Erfolges halten. „Sie ist die Venus unserer Zeit“, sagt der Bildhauer Marc Quinn, „die archetypische Schönheit von heute, so wie es Marilyn Monroe in ihrer Zeit war.“ Und Christopher Bailey, Creative Director bei Burberry, sagt: „Kate hat eine unbeschreibliche Energie, inspirierend, aufregend und charming. Ihre Britishness scheint immer durch ihre gelassene und elegante Haltung.“ Und Karl Lagerfeld: „Es gibt andere wie sie, aber die langweilen mich zu Tode.“

Doch so viele Worte man über Kate Moss findet, so wenig weiß man von ihr. Seit Jahren ist es ihre strikte Politik, nichts zu sagen. Sie gibt seit Ende der Neunziger keine Interviews mehr, und fragt man bei ihrer Agentur Storm in Chelsea nach, wird freundlich jede Auskunft verweigert. Mehr noch, um sich herum hat Kate Moss ein Kartell des Schweigens aufgebaut. Beinahe alle, die mit ihr gearbeitet haben, Fotografen, Stylisten, Visagisten, selbst Kabelträger mögen nichts erzählen oder bitten darum, ihre Namen nicht zu nennen. Andere drohen mit Anwälten, sollte man sie zitieren. „Kate hasst es, wenn man über sie spricht“, sagt einer, „und sie hat ein Elefantengedächtnis, sie erinnert sich an den Namen jedes Stylisten oder Assistenten. Wer über Kate plaudert, wird nie wieder mit ihr arbeiten.“ Auch das ist Macht. Und so muss man in London lange telefonieren, um aus vielen Bruchstücken und kleinen Geschichten eine Innenansicht von Kate Moss zusammenzusetzen. Und man muss im Norden, im Stadtteil Camden an der Primrose Hill Road, viel fragen, um die Straße zu finden, in der sie heute wohnt. Primrose Hillers sind so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft der Pop-Prominenz. Jude Law wohnt hier, Sadie Frost, die Gallagher-Brüder. Dass Kate Moss heute nicht da ist, sieht man daran, dass keine billigen Autos am Anfang ihrer Straße parken, Autos mit lauernden Paparazzi, die herausspringen, sobald sich in einem der Häuser eine Tür öffnet.

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