Die Damen der Gesellschaft

WAS DIE WELT INTERESSIERT – Deutschlands Elite der People-Journalistinnen weiß es: Wer mit wem? Hinter wessen Rücken? Und sagt es weiter, wohldosiert. Begegnungen in der GLAMOUR-ZONE

Das Stichwort hat ihr gerade noch gefehlt: Spaß. Gerade hier, bei der „People’s Night“ im Berliner Borchardt, inmitten von gut 600 Leuten auf engstem Raum. Carolin Dendler verdreht kurz die Augen. Spaß? Sie ruft nicht „Bürschchen“ zu einem rüber, macht aber klar, dass Ausgehen für sie Arbeit ist. Nur Arbeit. Die Herrscherin über die „VIPs der Woche“ in der Bild am Sonntag bittet, ich solle ihr demnächst mal sagen, was ich von ihrem Beruf hielte, dann könnten wir weiterreden. Welcher Beruf? Sie ist doch Journalistin. Diese schwer greifbare Furcht, man wolle sie am Ende in die Falle locken und mit dem Schmuddel-Etikett bekleben, will nicht weichen. Fast jede der Damen betont, obwohl man keinerlei Andeutung gemacht hat, die eigene Redaktion – anders als gewisse andere – arbeite hochseriös, alles werde recherchiert, jedes Gerücht überprüft und kein Unfug je gedruckt oder gesendet. Man wundert sich, man rätselt, buhlt schließlich. Man vermeidet strikt das Igitt-Wort „Klatschreporterin“. Um später doch vorsichtig zu erkunden, wer sich da beleidigt fühlen könnte. Ergebnis: Da stehen sie drüber. „Ich finde, ,Klatschtante’ klingt unseriös“, sagt Marie Waldburg, als Society-Kolumnistin der Bunten die Doyenne der Szene, „als würde man sich täglich eine neue Gemeinheit ausdenken, die keiner überprüfen kann.“ Das Wort „Glamour“ kommt übrigens aus der schottischen Sprache und bedeutet „Blendwerk“. Aber auch „betörender Zauber“. Ist das nun dasselbe oder ein eklatanter Gegensatz? Über die Wertigkeit dieser Arbeit gibt es seit je geteilte Meinungen. Während Oscar Wilde befand, der Klatsch sei ein schlimmes Übel, nur noch übertroffen vom Grauen, beschwiegen zu werden, konzedierte Arthur Miller freudlos, dieser Beruf passe „genau in das Schema unserer Gesellschaft – ebenso wie der Produzent Bedürfnisse weckt, um sie decken zu können, weckt der Klatschkolumnist Neugierde, die er dann befriedigt“. In der Gegenwart, da herrscht Einigkeit, gibt es keine herablassenden Blicke mehr. „Mit einem Wortspiel könnte man sagen, die Gesellschaftsberichterstattung sei gesellschaftsfähig geworden“, konstatiert Marie Waldburg. Die Mütter dieses Erfolgs raten zu Gelassenheit.

„Das ist ja auch alles ein großes Spiel“, sagt Frauke Ludowig, „es geht um Eitelkeiten, um Show, es ist keine Operation am offenen Herzen.“ Für eine „gewisse spielerische Note“ plädiert auch Waldburg, „ernsthafte Arbeit, ja, aber bitte mit einem Lächeln“. Gründe genug dafür gibt es allemal, findet sie: „In keinem anderen Beruf erlebt man doch so eine spektakuläre Fülle von Anregungen und Aufregungen.“ Die Methoden der Damen ähneln einander: Networking, Augen und Ohren weit offen halten, dazu kommen ein paar Informanten. Zur Strategie gehört auch, eine Geschichte mal nicht zu bringen, zum Beispiel die von der kaputten Promi- Ehe, wenn man weiß, dass die Kinder des Paares noch nichts ahnen. Ein Geben und Nehmen: Wenn man Glück hat, bekommt man dafür später, wenn die Scheidung durch ist, exklusiv die ersten Bilder mit der neuen Freundin. Die Damen wissen alle, was sie können – und doch bleibt es ein schwieriger Rollenwechsel: Selbst befragt, beäugt und beschrieben zu werden, das ist ungewohnt. Die TV-Damen Frauke Ludowig und Karen Webb, an den eigenen Promi-Status gewöhnt, reagieren ruhiger. Ludowig, in 13 „Exclusiv“-Jahren gestählt, berichtet von der letzten Bambi-Verleihung und ihrer eigenen Doppelrolle: Da ist sie, in großer Abendrobe, erst mit ihrem Mann über den roten Teppich geschritten, um dann rasch ins „Moderationskleid“ zu wechseln und ihre Live-Sendung zu starten. Eine solche Vermischung wäre für Carolin Dendler undenkbar. Ohnehin hält sie sich – wie alle – für ungefährdet, sich selbst als Teil jener Gesellschaft zu begreifen, über die sie schreibt: „Ich bin seit 22 Jahren Journalistin, habe fünf Jahre als Auslandskorrespondentin in Los Angeles gearbeitet, war Unterhaltungs-Chefin bei der Bunten – da ist man nicht mehr versucht, sich von der Glamour-Welt beeindrucken zu lassen.“ Carolin Dendler wirkt generell nicht so, als wäre sie leicht zu beeindrucken. In ihren BamS-Texten findet sie deutliche Worte. Sie verleiht am ersten Berlinale-Wochenende den „Selbstdarsteller-Bär“ umstandslos an Karl Lagerfeld, der „Promille-Bär“ geht, obwohl dort die Konkurrenz ungleich härter gewesen sein dürfte, an Armin Rohde. Dendler kann auch süffisant. „Das allerwichtigste Accessoire sind Bodyguards“, spottet sie über das Geltungsbedürfnis von VIPNewcomern wie der Tom-Cruise-Gattin Katie Holmes, um sich gleich noch eine Lady vorzuknöpfen: „Zweitwichtigstes Accessoire ist eine gelangweilte Miene, trägt Victoria Beckham übrigens immer.“

Als vorläufiger Abwatsch-Höhepunkt des Jahres darf ihre knappe Trendanalyse missratener Proportionen gelten: „Die dürre It-Lady von Welt kombiniert zum Pelz Oberweite, nicht zu knapp, und aufgespritzten Schmollmund.“ An jenem Abend im Borchardt kämpft sich Carolin Dendler mit unbeugsamem Lächeln zurück in das Getümmel. Sie arbeitet. Es ist 22.20 Uhr, draußen toben die Unglücklichen, die ein böser Zufall von der Gästeliste gefegt hat, drinnen wird angegeben, was das Zeug hält. Für Carolin Dendler, im Notfall mit den Telefonnummern von 300 bis 400 Promis ausgestattet, ist es der Beginn eines harten Wochenendes. Denn in aller Frühe muss sie nach Hamburg, Seiten produzieren. Am Abend fährt sie wieder nach Berlin zurück, bereit zum nächsten Einsatz. Erst seit November 2006 gibt es die „große Form“ in der Bild am Sonntag: Sieben oder acht Seiten, möglichst „luderfreie Zone“, liefert Dendler, die sich schmunzelnd „Ich-AG“ nennt, die aber „von einem wunderbaren Team unterstützt wird“, jeden Samstag, ein rechter Kraftakt. Sie führt gerade eine „gefühlte Ehe“, weil sie so viel unterwegs ist. Zum Glück ist ihr Mann auch Journalist, „da kann man auf etwas mehr Verständnis als üblich hoffen“. Grund zum Ärgern bleibt: Ein paar Tage später schimpft sie über das Management von Paris Hilton, das alle Fragen vorgelegt bekommen möchte. Eine solche Vermischung wäre für Carolin Dendler undenkbar. Ohnehin hält sie sich – wie alle – für ungefährdet, sich selbst als Teil jener Gesellschaft zu begreifen, über die sie schreibt: „Ich bin seit 22 Jahren Journalistin, habe fünf Jahre als Auslandskorrespondentin in Los Angeles gearbeitet, war Unterhaltungs-Chefin bei der Bunten – da ist man nicht mehr versucht, sich von der Glamour-Welt beeindrucken zu lassen.“ Carolin Dendler wirkt generell nicht so, als wäre sie leicht zu beeindrucken. In ihren BamS-Texten findet sie deutliche Worte. Sie verleiht am ersten Berlinale-Wochenende den „Selbstdarsteller-Bär“ umstandslos an Karl Lagerfeld, der „Promille-Bär“ geht, obwohl dort die Konkurrenz ungleich härter gewesen sein dürfte, an Armin Rohde. Dendler kann auch süffisant. „Das allerwichtigste Accessoire sind Bodyguards“, spottet sie über das Geltungsbedürfnis von VIPNewcomern wie der Tom-Cruise-Gattin Katie Holmes, um sich gleich noch eine Lady vorzuknöpfen: „Zweitwichtigstes Accessoire ist eine gelangweilte Miene, trägt Victoria Beckham übrigens immer.“

Carolin Dendler sieht sich, ihre Meinung zu Paris H. und die alte Weisheit, dass es umso komplizierter wird, je lächerlicher die „Verdienste“ des Promis ausfallen, zugleich bestätigt. Aber was nun? Soll sie sich daran halten? Wenn nicht, werden diese arroganten Publicists das merken? Das kürzeste Interview ihres Lebens hat sie mit Jermaine Jackson geführt. Da konnte sie nach zwei netten Einstiegsfragen nicht widerstehen und fragte, warum sein Bruder immer weißer werde. Leider wurde nicht nur ihr Interview abgebrochen, auch alle folgenden Termine fielen aus. Das musste sie dann den Kollegen erklären. Der Job ist Stress, zumal mit der Erkenntnis, dass Gästelisten oft nichts als mindestens übermütige, öfter aber größenwahnsinnige Wunschzettel sind, dass Gastgeber aussterben und von abgebrühten „Event-Managern“, im besten Fall begabte Zusammentrommler, ersetzt werden. Von Niveauverlust will niemand reden, aber anders war es früher doch. „Gunter Sachs und F. K. Flick waren Männer, die einfach gefeiert haben um des Feierns willen“, blickt Marie Waldburg zurück, „eine Einladung bei ihnen war wie ein Ritterschlag. Heute feiert man eine Uhr oder ein neues Auto.“ Es klingt nicht missmutig, eher trocken. Musste man einst, als vielleicht noch ein wenig Enthüllungsehrgeiz für Antrieb sorgte, je zu einem Trick greifen, um Einlass zu finden? Marie Waldburg lacht mit ihrer wunderbar rauchigen Stimme. Doch, einmal, erinnert sie sich, da wollte sie unbedingt zu einer Geburtstagsfeier, war’s beim Leo Kirch, war’s die vom durchreisenden Richard Burton? Jedenfalls habe sie sich undercover vom Partyservice-König Gerd Käfer als Servierkraft für den Abend engagieren lassen. Immerhin wusste sie dann, wer da war und worüber geredet wurde. Wenn auch einige Gäste recht lange warten mussten, bis sie den Teller vor ihnen abstellte – weil sie hoffte, vorher noch eine spannende Bemerkung aufschnappen zu können. Heute würde Waldburg talentierten Anfängerinnen raten, ein paar Semester Psychologie zu belegen. Dann könnten sie die „Mehr-Scheiner“ unter den Promis schneller erkennen. Und sie setzt auf Korrektheit: „Die Menschen vergessen selten, wenn man fair zu ihnen war.“ Wen sie von den VIPs für Wichtigtuer hält, kann man in ihrer Kolumne nachlesen, einer Fundgrube für elegante Pointen. Sie vermag die Atmosphäre einer Party in prägnanten Details einzufangen, und der geneigte Leser versteht wohl, was gemeint ist. Wurde sich „amüsiert wie Bolle“, ging’s prollig-ordinär zu, eine „erfrischend natürliche Art zu moderieren“ darf man getrost mit „amateurhaft“ übersetzen.